Bildband: Geschichte jüdischer Gemeinden in der Karibik

Cover des 2017 erschienenen Bildbandes von Wyatt Gallery: Jewish Treasures of the Caribbean: The Legacy of Judaism in the New World. Zu sehen ist das Innere der 1732 in Willemstad auf Curaçao eingeweihten Mikvé Israel-Emanuel-Synagoge. Die Synagoge von Willemstad ist das älteste kontinuierlich genutzte jüdische Gebetshaus der westlichen Hemisphäre. Bild: Schiffer Books LTD.

Die Geschichte jüdischer Gemeinden in der Karibik reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Nach der Eroberung der portugiesischen Zuckerkolonie Brasilien durch die niederländische Westindien-Compagnie können sich sefardische Juden 1636 erstmals zu einer offiziellen Gemeinde in Recife zusammenschließen.

Als den Portugiesen einige Jahre später die Rückeroberung des brasilianischen Nordostens gelingt, kehrt auch die katholische Inquisition zurück. Viele Juden wenden sich hierauf weiter nach Norden. Ihr Ziel: die Siedlungskolonien der Engländer und Niederländer an der guyanischen Küste und in der Inselwelt der Antillen.

Sefardische Synagogengemeinden in der Karibik

In rascher Folge entstehen nun in diesen Breiten kleinere Synagogengemeinden, die allmählich auch weitere Zuwanderer aus den spanisch-portugiesischen Exilgemeinden in Nordwesteuropa erhalten. Ihre familiären und geschäftlichen Bande reichen bald auch bis nach Nordamerika, wo sie an der Etablierung neuer jüdischer Gemeinden unmittelbar mitwirken.

Der wachsende Wohlstand einzelner Gemeindeglieder im Gefolge des Zuckerbooms ermöglicht ab dem 18. Jahrhundert schließlich den Bau und Unterhalt prächtiger Synagogen in der gesamten Karibik. Epochentypische Beispiele sind hier etwa die sefardischen Synagogen auf Barbados, Curaçao, Jamaika oder Sint Eustatius.

Die jüdische Gemeinde von Sint Eustatius

Sint Eustatius steht seit 1636 unter niederländischer Kontrolle. Im 18. Jahrhundert entwickelt sich die kleine Antilleninsel zum bedeutendsten interkolonialen Handelsdrehkreuz der Karibik. Als die niederländische Kolonie 1781 während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges von den Briten erobert wird, leben allein auf Sint Eustatius mutmaßlich 100 jüdische Familien, unter ihnen viele Kaufleute und Handwerker.

Die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung von Sint Eustatius durch die Briten führt viele Familien schließlich nach den dänisch-westindischen Inseln St. Croix und St. Thomas. Um 1850 sollen auf beiden Inseln mehr als 1.000 Juden gelebt haben.

Der ehemalige jüdische Friedhof von Oranjestad, Sint Eustatius. Im Hintergrund der Vulkankegel des „Quill“. Die Synagoge der jüdischen Gemeinde von Sint Eustatius zerstörte 1772 ein schwerer Hurrikan; die Ruinen des jüdischen Gotteshauses wurden 2001 wieder restauriert. Bild: GATE WITH TEN COMMANDMENTS, Jewish Cemetery, Oranjestad, St. Eustatius © Wyatt Gallery, reproduced with permission Schiffer Publishing, LTD.

Migration und Assimilation

Mehr als 150 Jahre später sind nur noch wenige dieser traditionsreichen Gemeinden in der antillianischen Inselwelt aktiv. Migration und Assimilation haben die Zahl der jüdischen Gemeinden in der Karibik im 21. Jahrhundert auf gerade einmal fünf Gemeinschaften schrumpfen lassen. Viele der jahrhundertealten Synagogen und Friedhöfe aus der Blütezeit jüdischen Lebens in der Karibik sind inzwischen vom Verfall bedroht.

Wyatt Gallerys „Jewish Treasures of the Caribbean“

Seit Jahren dokumentiert der amerikanische Fotograf Wyatt Gallery diese einzigartigen Zeugnisse jüdischen Lebens in der Karibik. Mit dem 2017 erschienenem Bildband „Jewish Treasures of the Caribbean: The Legacy of Judaism in the New World“ versammelt Gallery auf 233 Farbfotos nun eine umfassende Zusammenschau der religiösen Lebenswelt und Architektur sefardischer Traditionsgemeinden überall in der Karibik. ─ Von den Ruinen der berühmten „Jodensavanne“ in Suriname, bis zu den jüdischen Gebetshäusern und Friedhöfen von Nevis, St. Thomas, St. Croix und Sint Eustatius.

Die historischen Einführungen des bei Schiffer Books erschienenen Bildbandes stammen von Stanley Mirvis, einem in Jerusalem arbeitenden Spezialisten für die Geschichte jüdischer Gemeinden in Jamaika und der Karibik.

Begegnung mit der Geschichte jüdischer Gemeinden

Der aus Philadelphia stammende Fotograf Wyatt Gallery bereiste schon während seines Studiums in New York die Karibik. Früh entwickelte er dabei ein Interesse für die Multireligiösität der Antillen. Gallerys erste bewusste Begegnung mit der Geschichte jüdischen Gemeinden in der Karibik fällt in das Jahr 2009. Damals besucht Gallery im Zuge einer Fotoreportage für die New York Times auch die jüdische Synagoge von Willemstad auf Curaçao. Die 1732 eingeweihte Mikvé Israel-Emanuel-Synagoge ist das älteste noch immer in Gebrauch befindliche jüdische Gotteshaus in den Amerikas. Auch die historischen Wurzeln dieser Gemeinde liegen in den Flüchtlings- und Migrationsbewegungen sefardischer Familienverbände während des 17. Jahrhunderts.

„Jewish Treasures of the Caribbean“, dessen Titelbild das Innere der Mikvé Israel-Emanuel-Synagoge ziert, ist das nunmehr dritte Buch des vielfach preisgekrönten Fotojournalisten Wyatt Gallery. US-weit bekannt wurde der Absolvent der New York University Tisch School of the Arts 2011 mit einem bei Umbrage publizierten Bildband über die Folgen des Erdbebens von Haiti 2010: „Tent Life“.

  • Wyatt Gallery, Jewish Treasures of the Caribbean: The Legacy of Judaism in the New World. Schiffer Books 2017. 240 Seiten; 233 Farbfotos; Preis: 60 $.