St. Augustine, Florida: Skelette unter Weinhandlung

Castillo de San Marcos, St. Augustine, Florida
Symbolbild: Das kolonialspanische „Castillo de San Marcos“, St. Augustine, Florida. Das Fort wurde ab 1672 erbaut. Urheber: donaldfink / 123RF Lizenzfreie Bilder

Im Oktober 2016 fegt der Hurrikan Matthew über Floridas atlantische Küstenstädte. St. Augustine, eine kolonialspanische Gründung des 16. Jahrhunderts, wird von dem heftigen Wirbelsturm ebenfalls hart getroffen. Das küstennahe Geschäftsviertel der Stadt erleidet teils schwere Schäden, insbesondere durch Überflutungen. An der Charlotte Street beschädigt der tropische Orkan auch den Fußboden und die Außenfassade einer Weinhandlung. Bevor der Weinhändler mit der Renovierung seines Ladengeschäfts in Downtown St. Augustine beginnt, erlaubt er St. Augustines Stadtarchäologen, Carl Halbirt, Grabungen im Erdreich unter dem Ladenlokal vorzunehmen. Das Gebiet südöstlich der kolonialzeitlichen „Plaza“ gehört zu den ältesten Bezirken der Stadt.

Stadtarchäologen finden Gräber

Die Grabungen unter dem Fundament des Weingeschäfts erweisen sich rasch als Glücksfall. Anfang Februar 2017 legt das Team um Halbirt tief unterhalb der Weinhandlung in der „Fiesta Mall“ erste Skelettüberreste frei. Schnell zeigt sich, dass es St. Augustines Stadtarchäologen mit mehreren Gräbern zu tun haben, die sich bis unter die Asphaltdecke der anliegenden Straße zu erstrecken scheinen. Die sterblichen Überreste von sieben Personen werden in den Folgetagen entdeckt; darunter auch die Gebeine von drei Kindern. Ein Bioarchäologe ordnet zwei der Skelette zudem einem jüngeren afrikanischstämmigen Mann sowie einer jüngeren europäischen Frau zu.

Verstorbene Gemeindeglieder

Die sturmbeschädigte Weinhandlung befindet sich offenbar just an jenem Standort, wo 1572 die kleine katholische Kirche der spanischen Kolonie errichtet wurde: „Nuestra Senora de los Remedios“. Verstorbene Gemeindeglieder wurden in jener Zeit noch direkt unter dem Fußboden der Kirche bestattet. Der Grund einer christlichen Kirche galt als geheiligte Erde. Anhand der im Nahbereich der Skelette gefundenen Keramik datiert Stadtarchäologe Halbirt die Gräber auf die Periode zwischen 1572 und 1586.

Spanische Kolonien

St. Augustine wurde 1565 durch den spanischen Admiral Pedro Menéndez de Avilés (1519-1574) gegründet. Die Kolonisationsanstrengungen der Spanier im südöstlichen Teil der heutigen USA vollzogen sich während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allem im erbitterten Wettstreit mit konkurrierenden französischen Siedlungsunternehmen in der Region. Die vornehmlich durch hugenottische Dissidenten zwischen 1562 und 1564 vorangetriebenen Etablierungsversuche entlang der Ostküste Floridas (Fort Caroline) und Carolinas (Charlesfort) gefährdeten jedoch unmittelbar die Schiffsrouten der berühmten spanischen Schatzflotte aus der Karibik ins Mutterland Spanien.

Vorstöße der Spanier in den Norden

Die spanische Supermacht schlug mit Macht zurück, zerstörte die französischen Küstenfortifikationen und verfolgte nun selbst gezielte Vorstöße in den Norden. Die Machtausdehnung der Spanier über St. Augustine hinaus war jedoch nur von kurzer Dauer. Das von den Franzosen auf Parris Island eroberte Charlesfort (Santa Elena) diente bis 1587 als Hauptsiedlung ihrer als „La Florida“ bezeichneten Kolonie, welche administrativ dem Vizekönigreich Neuspanien zugehörig war. Die von Santa Elena in Süd-Carolina unternommenen Vorstöße in das heutige Nord-Carolina (Fort San Juan) konnten sich im Gefolge von Indianerangriffen gleichwohl nur wenige Monate halten.

St. Augustine: Bollwerk der Spanier

Die Siedlungen und Befestigungen von St. Augustine indes hatten Bestand: Vor allem mit der Etablierung englischer Stützpunkte an der Chesapeake Bay nach 1607 (Jamestown) entwickelte sich St. Augustine und sein Umland zum stark befestigten Vorposten der Spanier auf dem nordamerikanischen Kontinent. Beredtes Zeugnis dieser Funktion als Bollwerk gegen konkurrierende Expansionsbestrebungen in der Neuen Welt ist St. Augustines „Castillo de San Marcos“; es ist dies das älteste aus Steinen errichtete Fort auf dem Gebiet der heutigen USA.

Das Castillo de San Marcos entstand ab 1672; rund zwei Jahre nach der Gründung von Charleston (Süd-Carolina) durch den Dauerrivalen England. St. Augustine gilt heute als älteste, kontinuierlich bewohnte Kommune der Vereinigten Staaten mit kolonialzeitlicher Vergangenheit. Der bereits 1559 errichtete spanische Stützpunkt Pensacola, Florida, musste schon nach zwei Jahren wieder aufgeben werden.