Dänisch-Westindien, United States Virgin Islands 1917-2017

Fort Christiansværn auf St. Croix, United States Virgin Islands, Christiansted National Historic Site
Außenmauer des ehemaligen dänischen Forts Christiansværn auf St. Croix, United States Virgin Islands. Das zwischen 1738 und 1749 erbaute Fort gehört heute zur Christiansted National Historic Site; Bild: © Terri Butler Photography/Bigstock.com

2017 jährt sich der Verkauf der dänischen Jungferninseln, der heutigen United States Virgin Islands, an die Vereinigten Staaten zum 100. Mal. Für den Kauf der drei Karibikinseln St. Thomas, St. John und St. Croix zahlte die US-Regierung seinerzeit 25 Millionen US-Dollar in Goldmünzen. Nach heutigem Wert rund eine halbe Milliarde US-Dollar. Nach zwei Jahre dauernden Verhandlungen wurde „Dansk Vestindien“ schließlich am 31. März 1917 offiziell an die Vereinigten Staaten übergeben. Bereits 1867 und 1902 hatten die USA einen Kauf des rund 346 km² großen Inselgebietes erwogen, waren aber beide Mal an innenpolitischen Widerständen gescheitert.

Karibische Geopolitik

Mit dem 1917 endgültig vollzogenen Erwerb von St. Thomas, St. John und St. Croix arrondierten die Vereinigten Staaten zunächst ihr bereits 1898 im Krieg gegen Spanien erobertes Überseeterritorium Puerto Rico. Zugleich schlossen sie mit dem Kauf der „Vestindiske Øer“ eine letzte Lücke in ihrer Interessensphäre entlang des Nordrandes der Karibischen See.

Dieses geopolitische Gebilde aus Marinestützpunkten und Einflusszonen umfasste 1915 bereits die Großen Antillen, von Kuba bis nach Puerto Rico, und war nun also um das ehemalige Dänisch-Westindien erweitert worden. Der östliche Teil der Virgin Islands mit Tortola, Virgin Gorda und Anegada indessen befand sich schon seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert unter der Herrschaft des künftigen Weltkriegsverbündeten Großbritannien.

Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und in direktem Anschluss an ältere geopolitische Konzepte hatten die Vereinigten Staaten ab 1915 nacheinander Haiti und die Dominikanische Republik unter ihre Kontrolle gebracht. Auf Kuba waren die Vereinigten Staaten bereits seit 1902 militärisch präsent. Damit beherrschten die Vereinigten Staaten den östlichen, atlantisch-karibischen Zugang des 1914 eröffneten Panamakanals also nahezu vollständig.

Furcht vor deutschen U-Boot-Basen

Der Virgin-Islands-Purchase von 1917 war seinerzeit also eng mit der angespannten politischen Lage im Atlantikraum verknüpft. Amerikanischerseits fürchtete man vor allem die Errichtung deutscher U-Boot-Basen in der Region und damit weitere Gefahren für die amerikanische Handelsschifffahrt. Namentlich die dänischen Jungferninseln galten als potenzieller Standort eines solchen Versorgungspunktes, Infolge einer deutschen Invasion des dänischen Königreichs hätte die karibische Inselgruppe leicht annektiert werden können. So zumindest die Überlegungen der Amerikaner.

Dieses historische Szenario erscheint jedoch wenig realistisch: Bereits 1916 hatten sämtliche deutsche Marinestützpunkte entlang der west- und südwestafrikanischen Küsten kapitulieren müssen; ein etwaiger karibischer Stützpunkt wäre also weitestgehend schutzlos und isoliert gewesen.

Seitens der USA trieb man dennoch einen Kauf der dänischen Antilleneilande emsig voran. Zwar erfolgte bereits im August 1916 die Unterzeichnung des Kaufvertrages; doch sollte es noch Monate bis zur formellen Übergabe Dänisch-Westindiens dauern. Diese musste jedoch, um eine Verletzung der dänischen Neutralität zu vermeiden, noch vor dem offiziellen Kriegseintritt der Vereinigten Staaten erfolgen. Nur fünf Tage nach der feierlichen Übergabe der dänischen Kolonie in Charlotte Amalie erklärten die Vereinigten Staaten dem deutschen Kaiserreich sodann auch den Krieg.

Dänisch-Westindien

Für das neutrale Dänemark indes endete mit dem Verkauf der „Vestindiske Øer“ eine fast 300-jährige koloniale Präsenz in der Region. Seine westafrikanischen Besitzungen im heutigen Ghana hatte das skandinavische Königreich bereits 1850 an Großbritannien verkauft.

Die Geschichte Dänisch-Westindiens reicht bis in in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück. Als erster Handelsstützpunkt in der Karibikregion fungierte zunächst das Antilleneiland St. Thomas, das seit 1671 formell durch die Dänische Westindien-Compagnie (Vestindisk-guineisk Kompagni) verwaltet wurde. 1718 beziehungsweise 1733 erweiterte die Handelsgesellschaft ihr Herrschaftsgebiet schließlich um die Inseln St. John und St. Croix.

Die ursprünglich vor allem im östlichen Teil der Jungferninseln sowie auf St. Croix operierenden Niederländer waren zu dieser Zeit längst durch die englische Konkurrenz verdrängt worden.

Unter der Aufsicht der dänischen Westindien-Compagnie entwickelten sich die drei dänischen Jungferninseln im Verlauf des 18. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Zuckerproduzenten der Antillen-Region. Bis zum Verbot des Sklavenhandels 1802 bezog die dänische Antillenkolonie ihre Sklaven teils direkt über die Faktoreien der Dänen an der westafrikanischen Goldküste.

Neben dem tropischen Landbau spielte auch der Handelsverkehr zwischen Nordamerika und Europa eine zunehmend wichtige Rolle für Dänisch-Westindien. Namentlich St. Thomas konnte sich ab der Wende zum 19. Jahrhundert als eines der wichtigsten Handelsdrehkreuze in der Region etablieren. St. Thomas errang diese Position vor allem auf Kosten des niederländisch-kontrollierten Sint Eustatius’, dessen Niedergang bereits während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges begonnen hatte.

Der komfortablen Stellung St. Thomas‘ und seiner Nachbarn im Handel zwischen der Karibik, Nordamerika und Europa folgte im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts eine lange Krisenepisode. Diese wurde vor allem durch den Verfall der Zuckerpreise verursacht und bewirkte bis weit in das 20. Jahrhundert hinein schwere soziale Spannungen und wirtschaftliche Verwerfungen.

1917-2017: United States Virgin Islands

Vermittels der engen historischen Beziehungen Dänemarks mit den Amerikanischen Jungferninseln nimmt die ehemalige Kolonialmacht 2017 auch intensiv an den Hundertjahrfeierlichkeiten des Virgin-Islands-Purchase teil. Neben Musikern, Künstlern und Wissenschaftlern aus Dänemark wird zu den Festivitäten auf den United States Virgin Islands auch das Segelschulschiff DANMARK in Charlotte Amalie erwartet.

Die Inseln St. Thomas, St. John und St. Croix begehen ihr Zentenarium als amerikanisches Überseegebiet ganzjährig mit Konzerten, Paraden, Ausstellungen, Gottesdiensten und Vorträgen. Als einer der Höhepunkte im Jubiläumsjahr 2017 gilt die 100. Wiederkehr des sogenannten „Transfer Day“ am 31. März 2017. Der Festtag in Erinnerung an die formelle Übergabe der dänischen Jungferninseln an die USA wird unter anderem mit Festumzügen auf St. Thomas und St. Croix sowie einer Gala in Charlotte Amalie begangen.

Auch in Dänemark selbst wird der Geschichte der ehemaligen Antillenkolonie gedacht. Unter anderem plant die Königliche Bibliothek in Kopenhagen ab Mai 2017 eine große Ausstellung mit historischen Karten, Bildern und Fotografien aus ihrer umfangreichen Antilliana-Sammlung.