Cayman Islands, Cornwall – transatlantische Spurensuche

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1655 erobert ein englisches Expeditionsheer unter großen Verlusten die spanische Kolonie Jamaika. Rund 7.000 Mann nehmen aufseiten der Engländer an dem brutalen Dschungelfeldzug teil. Neben Söldnern von den Britischen Inseln und dem europäischen Festland besteht das Commonwealth-Heer aus ärmlichen Kolonisten von den englischen Antillenbesitzungen St. Kitts, Antigua und Barbados. Wer die Kämpfe und Gewaltmärsche der Kampagne überlebt, darf auf großzügige Landzuteilungen durch das englische Commonwealth hoffen.

Die Caymans Islands als Versorgungspunkt und Nothafen

Nach der Vertreibung der Spanier aus Jamaika geraten auch die rund 300 km nordwestlich gelegenen Cayman Islands stärker ins Visier der Engländer. Als Versorgungspunkt und Nothafen sind die Caymans englischen, französischen und niederländischen Schiffern bereits gut bekannt. Reichlich Nahrung bieten den Seeleuten vor allem die flachen und sandigen Niststrände karibischer Meeresschildkröten. Bereits vor der Eroberung Jamaikas durch die Engländer bestehen auf den Cayman Islands periodisch genutzte Stützpunkte von Fischern und Schildkrötenjägern aus halb Europa, die es auf das Fleisch und die Eier der Meeresreptilien abgesehen haben.

Kaimanische Schildkröten für Cromwells Westindienexpedition

Der Legende nach sollen sich bereits 1658 ein Waliser namens „Walters“ sowie ein mutmaßlich aus Cornwall stammender Mann mit Namen „Bodden“ auf Grand Cayman niedergelassen haben. Beide Männer dürften als Seeleute oder Soldaten mit dem Expeditionsheer der Engländer 1655 in die Karibik gelangt sein. Die beiden britischen Männer dürften die Cayman Islands im Rahmen eines Versorgungszuges von Jamaika aus erstmalig kennengelernt haben. Für die Truppen des Lordprotektors Cromwell hat die abgelegene Inselgruppe in den 1650er Jahren eine wichtige Bedeutung als zusätzlicher Nahrungslieferant. Denn der Feldzug der karibischen Cromwell-Armee ist zwar ein militärischer Erfolg für das Commonwealth of England; für die Soldaten vor Ort ist er jedoch ein logistisches Desaster; daher sind die Feldkommandeure der englischen Westindienexpedition bereits kurz nach der Landung auf Jamaika emsig versucht, ihre Nahrungsvorräte mit kaimanischen Schildkröten aufzustocken.

Die Cayman Islands und Jamaika

Mit der Etablierung einer englischen Kolonie auf Jamaika geraten die „wilden“ Außenposten auf den Cayman Islands allmählich unter den direkten Einfluss Port Royals, dem Sitz der neuen englischen Kolonialverwaltung. Nun ernährt das Fleisch der Meeresschildkröten zunehmend die weiße Unterschicht der aufstrebenden Hafenstadt. „Turtle meat“ gilt als billiger Ersatz für Fisch, Schweine- oder Hühnerfleisch. Der wachsende Bedarf an Lebensmitteln für Jamaikas expandierende Plantagen- und Hafenwirtschaft sichert auch Boddens Nachkommen auf Grand Cayman dauerhaft ihre Existenz. Ende des 18. Jahrhunderts leben zahlreiche Nachfahren des kornischen Schildkrötenjägers Bodden auf Grand Cayman. Nach der weitverzweigten Pioniersfamilie nennen die Briten in den 1770er Jahren schließlich auch ihre „Hauptsiedlung“ auf Grand Cayman: „Bodden Town“.

Nachfahren und Anverwandte beiderseits des Atlantiks

Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte nach Boddens Ankunft in der Karibik macht sich seine zahlreiche Nachkommenschaft auf den Cayman Islands seit diesem Monat offiziell auf die Suche nach ihren Anverwandten im fernen England. Denn nicht nur auf den Cayman Islands und in der Karibik ist der Name Bodden bis heute verbreitet. Allein in Cornwall leben rund 100 „Boddens“; weitere 1.500 Menschen tragen die Namensvariante „Bawden“.

Transatlantische Spurensuche zwischen Cornwall und den Caymans

Initiator der transatlantischen Spurensuche ist der derzeitige Repräsentant der Cayman Islands in Großbritannien, Eric Bush, einem gebürtigen „Caymanian“. Gelingt es, Nachfahren des legendären Schildkrötenjägers und Jamaikaeroberers in England aufzuspüren, will Bush diese zu einer transatlantischen Familienreunion auf die Cayman Islands einladen. Am 6. April hat der kaimanische Verwaltungsbeamte seine familienhistorische Initiative in Wadebridge, Cornwall, nun erstmalig der britischen Öffentlichkeit vorgestellt.

Stärkung der historischen Bande

Unterstützt wird die britisch-westindische Familienforschung durch Vertreter des öffentlichen Lebens in der Region Südwestengland. Der Tory-Abgeordnete für Nord-Cornwall, Scott Mann, ist vor allem um eine Stärkung der historischen Bande zwischen Cornwall und dem britischen Überseegebiet im Gefolge des „Brexit“ bemüht. Julie Seyley, Vertreterin der Kultur und der Kreativwirtschaft in der Regionalverwaltung von Cornwall indes will vor allem die möglichen Einflüsse der maritimen kornischen Kultur in der Karibik erkunden.

Karibischer Finanzplatz und Urlaubsparadies

Die Cayman Islands wurden bis 1962 von Jamaika aus verwaltet und gehören zu den sechs verbliebenen britischen Überseeterritorien in der Region der Karibischen See und des westlichen Atlantiks. Neben ihrer Rolle als globaler Finanzplatz sind die drei Kaimaninseln vor allem eine bedeutende Touristendestination. Neben nordamerikanischen Gästen lebt das karibische Inselparadies der Cayman Islands vor allem auch von den Besuchern aus dem britischem Mutterland.