Indische Kontraktarbeiter: Konferenz in London

Royal Galloway, University of London
Symbolbild: Gebäude der Royal Galloway, University of London. Urheber: whitestone / 123RF Lizenzfreie Bilder

Nach der Abschaffung der Sklaverei 1833 und dem Ende privilegierter Marktzugänge befindet sich Britanniens koloniale Zuckerökonomie in einer schweren Krise. Die ehemaligen Sklavenarbeiter verlassen in Scharen die Plantagen der britisch-westindischen Pflanzelite; händeringend suchen Westindiens Zuckerbarone in den 1830er Jahren nach Arbeitskräften. Am anderen Ende des Britischen Weltreichs, auf dem indischen Subkontinent, weiß das imperiale Wirtschaftsgefüge der Briten bald für Abhilfe zu sorgen.

Ab 1838 beginnen in Britisch-Indien angeworbene Bauern und Landarbeiter, das ökonomische Überleben der britischen Pflanzerelite in Guyana und auf den Antillen zu sichern. Zunächst dienen sie nur als Anhängsel einer anfangs noch stärker auf europäischstämmige Armutsmigranten gerichteten Anwerbepolitik; diese zieht anfangs vor allem Portugiesen von den atlantischen Inseln in die Karibik; bald stellen jedoch Inder das Gros der kolonialbritischen Kontraktarbeiter.

Indische Kontraktarbeiter für Guyana und Trinidad

Bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges werden allein für die Plantagenökonomie der Karibik und Guyanas 500.000 indische Kontraktarbeiter angeworben. Die eigentliche Boomphase des indischen Indentureship-Systems beginnt jedoch erst in den 1880er Jahren. Innerhalb Britisch-Westindiens ziehen vor allem die neu erworbenen Pflanzerkolonien Guyana und Trinidad signifikante Kontraktarbeiterkontingente aus Indien an.

Sklavereiartiges Arbeitsregiment

Tausende Kilometer von ihren Heimatprovinzen entfernt unterliegen die indischen Kontraktarbeiter in der Anglo-Karibik von Beginn an einem ausbeuterischen, sklavereiartigen Arbeits- und Kontrollregiment. Bei Vertragsverstößen drohen ihnen harte Geld- und Gefängnisstrafen. Formell zumeist durch Fünfjahresverträge gebunden sind die indischen Vertragsarbeiter im Arbeitsalltag auf den Plantagen zudem Willkürakten durch Eigentümer, Vorarbeiter und Kolonialbehörden ausgesetzt. Einbehaltene Pässe oder ausbleibende Lohnzahlungen verhindern oftmals jahrelang eine Heimkehr.

Kritik am System der indischen Kontraktarbeiter

Wachsende Kritik an dem Ausbeutungssystem innerhalb des Empires kommt vornehmlich aus den Kreisen der britischen Zivilgesellschaft, der Kirchen und teils auch des kolonialen Beamtenapparats. Doch auch die indische Nationalbewegung beginnt nach der Jahrhundertwende mit einer immer dynamischeren öffentlichen Kampagne gegen das transkontinentale Geschäft mit den indischen Kontraktarbeitern; einem über Jahrzehnte hinweg höchst einträglichen Wirtschaftsszweig für britische Pflanzer, Agenten, Kaufleute und Reeder auf vier Kontinenten.

Widerstand und Abolition 1917

Geschickt verbinden Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung nun ihre Kritik an den Arbeitsbedingungen der Kontraktoren mit der allgemein-inferioren Stellung der ländlichen Bevölkerung innerhalb der kolonialen Wirtschaftsordnung Indiens: Ihre strukturell bedingte Armut habe sie zur imperialen Manövriermasse eines globalen Arbeitsmarktes für billige Plantagenarbeiter degradiert, so die Vertreter der Nationalbewegung.

Der massive öffentliche Druck der indischen Nationalbewegung zwingt die britischen Kolonialbehörden schließlich zum Einlenken: Am 20. März 1917 wird die Rekrutierung indischer Kontaktarbeiter eingestellt. Rund drei Jahre später kommt das gesamte System des indischen Arbeitskräfteexports nach Übersee zum Erliegen. Bis zu diesem Zeitpunkt dürften insgesamt rund eine Million Inder durch das britische Indentureship-System angeworben und verschifft worden sein.

100 Jahre Abolition der britischen Indentureship

Anlässlich des 100. Jahrestages der Abolition der britischen Indentureship veranstaltet die University of London vom 6. bis 7. Oktober eine internationale Forschungskonferenz. Die Tagung wird gemeinsam mit der School of Advanced Study, dem Royal-Holloway-College und dem Yesu Persaud Centre for Caribbean Studies an der University of Warwick organisiert. Inhaltlicher Schwerpunkt ist neben den historischen Kontexten des Indentureship-Systems und seiner Abolition 1917 auch das sprachlich-kulturelle Erbe der indischen Arbeitsmigration in Übersee; insbesondere ihre Spuren in Geschichtsschreibung, Literatur und Musik.

Expansionsräume Mauritius und die Fidschi-Inseln

Neben der indisch-karibischen Diaspora werden auch die während des 19. Jahrhunderts entstehenden Expansionsräume der britischen Zuckerökonomie in den Blick genommen, allem voran Mauritius und die Fidschi-Inseln; auch ihre Entstehung und jahrzehntelange Prosperität ist wesentlich auf die frühe Integration dieser Plantagenkolonien in das britisch-indische Kontraktarbeiter-System zurückzuführen.

Darüber hinaus will sich die Fachkonferenz in London auch den spezifischen regionalen Herkünften und ethnoreligiösen Hintergründen der Kontraktarbeiter widmen. Denn das imperiale Indentureship-System zog nicht nur Vertragsarbeiter hinduistischer Religion in die alten und neuen Zuckerkolonien des Empire; es führte auch Muslime und tribale Indigene, die sogenannten „Adivasi“, und selbst Chinesen, in signifikant hoher Zahl in die Plantagenkolonien des Britischen Weltreichs.

Globale Arbeitsmärkte zwischen Ost- und Westindien

Das schier unerschöpfliche Reservoir an billigen Arbeitskräften aus Britisch-Indien ermöglichte sogar die Vermittlung indischer Kontraktarbeiter in andere westeuropäische Kolonien. Indische Vertragsarbeiter wurden britischerseits etwa auch auf die Französischen Antillen und in das niederländische Suriname vermittelt. In dieser Britisch-Guyana unmittelbar benachbarten Kolonialbesitzung trafen die indischen Kontraktarbeiter bisweilen auf javanische „Kulis“; angeworben von den Kolonialbehörden in Niederländisch-Ostindien; selbige wollten sich bei der Rekrutierung von Arbeitskräften für Suriname nicht völlig in die Abhängigkeit des Britischen Empires begeben.

Guyanas Premier als Gastredner der Konferenz

An der Londoner Indentureship-Konferenz im Oktober wird auch der derzeitige Premierminister der Republik Guyana, Moses Veerasammy Nagamootoo, als Gastredner teilnehmen. Nagamootoo stammt selbst aus einer Familie tamilischer Kontraktarbeiter und ist zu den historischen Kontexten seiner Biografie bereits literarisch hervorgetreten. Sein 2001 erschienener dokumentarischer Erzählband „Hendree’s Cure. Scenes from Madrasi Life in a New World“ handelt von der spezifischen Kultur südindischer Fischer im Guyana der 1950er und 1960er Jahre und ihrer marginalisierten Stellung innerhalb der von nord- und zentralindischen Kontraktarbeitern geprägten Diaspora.