Rum, Schweiß und Tränen: Ausstellung in Flensburg

Fahnen Dänemark, US Virgin Islands, USA St. Thomas Government House
Symbolbild: Die Flaggen Dänemarks, der Amerikanischen Jungferninseln und der USA vor dem Government House in Charlotte Amalie, St.Thomas. Bild: © BackyardProductions/Bigstock.com

1917 erwerben die Vereinigten Staaten die drei dänischen Karibikinseln St. Thomas, St. John und St. Croix. Kaufpreis für das als „Dansk Vestindien“ bezeichnete Inselgebiet: 25 Millionen US-Dollar in Gold. Mit dem Kauf Dänisch-Westindiens wollen die Amerikaner vor allem die östlichen Zugänge des Panamakanals und ihre Handelsschifffahrt in der Karibik sichern. Im März 1917 stehen die USA kurz vor dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg und fürchten die verstärkte Aktivität deutscher U-Boot-Verbände in der Region. Noch bis 1931 wird das neu erworbene Territorium der Amerikanischen Jungferninseln unter der Verwaltung der US-Marine stehen.

Flensburger Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ 2017

Das 100. Jubiläum des Virgin-Islands-Purchse ist in diesem Jahr Anlass für eine Vielzahl von Gedenkveranstaltungen beiderseits des Atlantiks. Der Geschichte Dänisch-Westindiens wird 2017 jedoch nicht nur in der Karibik und am einstigen Hauptsitz der dänischen Westindien-Compagnie in Kopenhagen gedacht: Über Jahrhunderte eng mit dem dänischen Westindienhandel verknüpft sucht auch die deutsch-dänische Grenzregion Süderjütland-Schleswig im Jubiläumsjahr die Auseinandersetzung mit der dänischen Kolonialgeschichte. Auf der deutschen Seite der Grenze steht dabei öffentlichkeitswirksam eine historische Ausstellung im Zentrum; gemeinschaftlich organisiert durch das Flensburger Schifffahrtsmuseum, das Museum Sønderjylland in Apenrade sowie die Dänische Zentralbibliothek in Flensburg. Titel der vom 11. Juni 2017 bis 4. März 2018 in Flensburg gezeigten Schau: „Rum, Schweiß und Tränen“. Wie bereits der Titel der Ausstellung verdeutlicht, will sich das Flensburger Schifffahrtsmuseum dabei vor allem kritisch mit der kolonialgeschichtlichen Vergangenheit der Fördestadt selbst auseinandersetzen: Der engen Verquickung von Teilen der kommunalen Wirtschaft, allem voran der berühmten Flensburger Rumbrennereien, mit der karibischen ─ Sklavenökonomie.

Flensburg und Dänisch-Westindien

Während des 18. und 19. Jahrhunderts engagieren sich viele Flensburger Unternehmerfamilien in der Westindienfahrt unter dem Dannebrog. ─ Die Fördestadt gehört bis 1864 als Teil des Herzogtums Schleswig zum dänischen Gesamtstaat. Den Schutz der dänischen Flagge nutzen die schleswigschen Reeder nur allzu gern. Neben der niederländischen Antilleninsel Sint Eustatius gilt den Flensburger Schiffern und Handelsleuten vor allem St. Thomas und St. Croix als wichtigste Anlaufhäfen in der Karibikregion. Dort erwerben die Westindienfahrer tonnenweise karibische Landbauprodukte für die Nord- und Ostseehäfen des dänischen Königreichs; geladen werden insbesondere Zucker und das Zuckernebenprodukt Melasse, einem wichtigen Grundstoff der Rumherstellung.

Zucker und Rum

Namentlich in Flensburg etabliert sich so seit dem 18. Jahrhundert eine eng mit dem karibisch-afrikanischen Kolonialhandel verbundene Wirtschaftsstruktur. Von dieser profitieren Kaufleute, Schiffsbauer und Gewerbetreibende gleichermaßen. Insbesondere Zucker und Rum sorgen in der Stadt an der Förde über Jahrzehnte hinweg für Profite. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gilt Flensburg als eines der wichtigsten nordeuropäischen Zentren der Zuckerverarbeitung; neben Hamburg und Kopenhagen.

Dänisch-Westindien und die karibische Sklavenwirtschaft

Produziert wird Flensburgs Zucker bis zur Emanzipation 1848 von einem Heer afrikanischstämmiger Sklaven. Die in Dänisch-Westindien eingesetzten Sklaven werden zum Teil über dänische Handelsstationen im heutigen Ghana verschleppt. Auf den Jungferninseln sind die afrikanischen Sklaven indes einem rigiden Arbeits-, Straf- und Kontrollregiment unterworfen. Auch norddeutsche Kaufmannskreise beteiligen sich während des 18. Jahrhunderts am dänischen Sklavenhandel und der westindischen Sklavenwirtschaft.

Afrikanischer Widerstand und atlantischer Kulturtransfer

Die von der jamaikanischen Sozialwissenschaftlerin Imani Tafari-Ama (University of the West Indies) kuratierte Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ ist jedoch nicht nur auf die kolonialgeschichtlichen Aspekte des Flensburger Wirtschaftslebens gerichtet. Bewusst will die Schau auch die dezidiert afrikanisch-karibische Seite dieser Geschichte in den Blick nehmen. Dabei sollen dem Besucher nicht nur Einblicke in das komplexe Widerstandshandeln der Sklaven vermittelt werden, sondern auch die intensiven kulturellen Austauschprozesse, die der transatlantische Handel unweigerlich mit sich brachte.

Wissenschaftliche Konferenz zur Geschichte Dänisch-Westindiens

Neben der Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ sind im Jubiläumsjahr 2017 noch weitere Aktivitäten in der Region geplant. Von besonderem wissenschaftlichen Interesse ist dabei etwa eine internationale Forschungskonferenz, die am 13.06.2017 und 14.06.2017 in der Dänischen Zentralbibliothek von Flensburg stattfindet. Die wissenschaftliche Tagung wird gemeinsam mit dem Flensburger Schifffahrtsmuseum, der Dänisch-Westindischen Gesellschaft (Dansk Vestindisk Selskab) und den „Friends of Denmark in St. Croix, St. Thomas and St. John“ organisiert.

Über die Flensburger Rum-und-Zucker-Meile

Ebenso wie die Ausstellung „Rum, Schweiß und Tränen“ richtet die Konferenz ihren Blick in besonderer Weise auf die kulturellen Transfers innerhalb jenes transatlantischen Wirtschafts- und Machtgefüges, zu welchem über Jahrhunderte hinweg auch die Regionen Schleswig und Süderjütland gehörten. Verbunden ist die englischsprachige Konferenz überdies mit einem obligatorischen Spaziergang auf der Flensburger Rum-und-Zucker-Meile; die kleine Stadttour führt die Konferenzteilnehmer entlang der architektonischen Spuren alter Flensburger Kaufmanns- und Kapitänsgeschlechter, Zuckersieder und Rumproduzenten.