Indigene Höhlenmalereien auf der Isla de Mona

Felsmalereien Isla de Mona
Indigene Felszeichnungen mit Helldunkelkontrast in Höhlensystem von Isla de Mona; Credit: Project El Corazón del Caribe

Die Isla de Mona gehört zu den höhlenreichsten Regionen der Welt. Bis tief in das Inselinnere ziehen sich die labyrinthartigen Höhlengänge des 50 km² großen Eilandes zwischen Hispaniola und Puerto Rico. Jahrhundertelang diente die dolomit- und kalksteinreiche Insel als Handelsknotenpunkt und Ritualplatz der karibischen Ureinwohner der Großen Antillen. Die Unterwelt der Isla de Mona gilt als weltweit größte Ansammlung präkolumbischer Höhlenmalereien. Tausende von abstrakten mythologischen Bildwerken zieren die Kammern und Gänge der riesigen Höhlensysteme im Inneren des Antilleneilandes.

Die Isla de Mona und das Forschungsprojekt „El Corazon del Caribe“

Seit 2013 wird die geheimnisvolle Unterwelt der kleinen Antilleninsel durch ein britisch-puerto-ricanisches Forscherteam untersucht. Die speläologischen Exkursionen in die Unterwelt der Isla de Mona sind Teil eines britisch-pankaribischen Forschungsprojektes mit dem Namen „El Corazón del Caribe“. Das Projekt unter der Leitung von Jago Cooper, Alice Samson und Tony Nieves ist vor allen auf die archäologische Erforschung präkolumbischer Kulturen im Bereich der Großen Antillen gerichtet. An den Höhlenforschungen auf der Isla de Mona sind insbesondere Wissenschaftler der Universitäten von Leicester und Cambridge, des British Museum, der British Geological Survey sowie des „Centro de Estudios Avanzados de Puerto Rico y El Caribe“ beteiligt.

Neu entdeckte Wandmalereien auf der Isla de Mona

Dem anglo-puerto-ricanischen Forscherteam ist es in den vergangenen Jahren gelungen, immer tiefer in die komplexen Höhenlabyrinthe der Karibikinseln vorzudringen. Dabei wurden nicht nur neue Hohlräume entdeckt, sondern auch zahllose, bisher unbekannte indigene Wandmalereien. Die neu entdeckte Felskunst der karibischen Ureinwohner befindet sich nicht selten in schwer zugänglichen Gangsystemen und Kammern des Antilleneilandes.

Indigene Fingerkuppenmalerei Isla de Mona
Indigene Fingerkuppenmalerei in einem Höhlengang der Isla de Mona; Credit: Project El Corazón del Caribe

Forschungsartikel im „Journal of Archaeological Science“

Den Wissenschaftlern aus Großbritannien und dem US-Territorium Puerto Rico gelang im Rahmen dieser Forschungen und Expeditionen nun erstmals, genauere Altersbestimmungen der präkolumbischen Felsritzungen und Wandmalereien von „Mona Island“ vorzunehmen. Neueste Ergebnisse ihrer Untersuchungen auf der Isla de Mona haben britische Mitglieder des Forschungsprojektes „El Corazón del Caribe“ im Oktober im „Journal of Archaeological Science“ vorgestellt. Neben Erstdatierungen der indigenen Felskunst liefern sie in ihrem Forschungsartikel auch tiefere Einblicke in die bei den Wandmalereien verwendeten Farbmischungen, Werkzeuge und Maltechniken.

Tiermenschmischwesen und abstrakte Muster

Ein Großteil der von den Wissenschaftlern neu entdeckten Felsbilder und Piktogramme stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Sie zeigen eine große Vielfalt an Naturmotiven, insbesondere Tierdarstellungen und Tiermenschmischwesen; desgleichen finden sich in den Tiefen des Inseluntergrundes auch immer wieder abstrakte geometrische Muster sowie Spuren eines indigenen Kalkbergbaus. Mit einfachen, nur fingergroßen Werkzeugen, Kohlestiften oder den bloßen Fingerkuppen erstellten die indigenen Bewohner des Eilands über Jahrhunderte hinweg auf den Feldwänden und Höhlendecken der Isla de Mona ein komplexes Zeichensystem aus Malereien, Einkerbungen und Gravuren. Die karibischen Ureinwohner wussten das für diese Zwecke exzellent geeignte, weil poröse und weiche Felsgestein in den Höhlensystemen der Insel optimal zu nutzen.

Archäologen untersuchen indigene Felsmalereien an einer Höhlendecke im Untergrund von Mona Island; Credit: Project El Corazón del Caribe

Höhlenbilderkommunikation unter Drogeneinfluss?

Für dieserart der intergenerationellen Höhlenbilderkommunikation krochen spirituelle Spezialisten der Indigenen regelmäßig in die tiefen und engen Höhlengänge der Karibikinsel. In den zumeist lichtlosen und von einer hohen Luftfeuchte geprägten Felslabyrinthen verfertigten sie sodann ihre eindrucksvollen Bilder. Die britischen Forscher vermuten, dass sie dabei auch unter dem Einfluss von halluzinogenen Rauschmitteln gestanden haben könnten. Für ihre Farbmischungen verwandten die präkolumbischen Ureinwohner der Karibik sowohl Harze, zähflüssige Pflanzengummis als auch die Ausscheidungen der auf der Mona Island zahlreichen Fledermäuse.

Höhlen in der Mythologie der Indigenen

In der präkolumbischen Mythologie der Indigenen galten Höhlen als Ursprungsorte des Menschen, als Geburtsstätten von Sonne und Mond. Die Forscher um die britischen Projektleiter Jago Cooper und Alice Samson nehmen an, dass die ausgedehnten Höhlensysteme im Untergrund der Isla de Mona mehrere Generationen lang als Kommunikationszentrum und rituelle Begegnungsstätte dienten. Isla de Mona besaß in präkolumbianischer Zeit möglicherweise eine zentrale kultische Bedeutung für die indigenen Kulturen auf Hispaniola und Puerto Rico. Auf diese womöglich jahrhundertelange religiöse und kulturelle Funktion des Höhlensystems, als Teil eines interinsularen Netzwerkes der Großen Antillen, soll sich die weitere Forschung der britischen und puerto-ricanischen Wissenschaftler nun konzentrieren.

Mit Holzkohle erstellte Spiegelgesichter in den Höhlen von Isla de Mona; Credit: Project El Corazón del Caribe

Spuren indigener Siedlung am Playa Sardinera

Im Zusammenhang mit der kultischen Nutzung der Höhlensysteme steht auch eine spätestens seit dem 13. Jahrhundert bestehende indigene Siedlung am Fuße der Klippen des Playa Sardinera, im Nordwesten der Isla de Mona. Die Siedlung diente vermutlich als Ausgangspunkt für periodische Exkursionen religiöser Spezialisten in die Tiefenstrukturen des festungsartigen Felsplateaus von Mona Island.

Luftbild der Küste von Sardinera im Nordwesten der Isla de Mona. In dem Küstengebiet sind Spuren einer indigenen Siedlung nachweislich; Credit: Project El Corazón del Caribe

Epoche der spanischen Conquista

Die religiöse Nutzung der riesigen Höhlensysteme im Untergrund er Antilleninsel endete im Verlaufe der spanischen Conquista während des 16. Jahrhunderts. Durch Krankheiten, hispanische Raubzüge und Sklavenrazzien frühzeitig dezimiert, verschwand die indigene Urbevölkerung der Großen Antillen bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts nahezu vollständig. Die anfängliche imperiale Integration der indigenen und kreolischen Gemeinschaften in der Mona-Passage als Lieferanten von Nahrungsmitteln für das Bergbau- und Sklavenhandelssystem der Spanier im Bereich der Großen Antillen endete um 1590.

Piratenverstecke und Guano-Minen

Hiernach diente die Isla de Mona mit ihrem weitläufigen Höhlensystemen nur noch gelegentlich als Piraten- und Schmugglerversteck. Erst die im 19. Jahrhundert aufgefundenen Guano-Vorkommen von Mona Island intensivierten die menschliche Nutzung des Antilleneilandes erneut. Heute ist die unbewohnte Insel inmitten der Mona-Passage ein Naturschutzgebiet unter der Verwaltung des puerto-ricanischen „Department of Natural and Environmental Resources“.