Das Wrack der HMS PROSELYTE vor Sint Maarten

Am 4. September 1801, vor mehr als 200 Jahren, versinkt vor der Südküste Sint Maartens ein britisches Kriegsschiff: die HMS PROSELYTE. Die Geschichte der britischen Fregatte ist eng mit der Marine- und Militärhistorie des Atlantikraums während der Französischen Revolutionskriege verbunden. 1770 auf einer Rotterdamer Werft in den Niederlanden gebaut, steht das rund 40 Meter lange Segelschiff unter dem Namen JASON zunächst in den Diensten der Admiralität zu Amsterdam. Ein unter dem Namen JASON während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges 1777 nach Westindien abgehendes Schiff dürfte mit der späteren HMS PROSELYTE identisch sein. Das Ziel jener Flotte sind die niederländischen Besitzungen auf den Antillen und an den Küsten Guayanas. Auftrag des unter dem Kommando des „Schout-bij-nacht“ Lodewijk Graaf van Bylandt (ca. 1718-1793) stehenden Eskaders: der Schutz der neutralen niederländischen Handelsschifffahrt vor Kaperfahrern und den Zudringlichkeiten der britischen Royal Navy. Die JASON kommt in dieser Zeit unter anderem vor der niederländischen Kolonie Demerary in der heutigen Republik Guyana zum Einsatz.

Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg: Konvoifahrt nach Westindien

Es sind unruhige Zeiten: über Hollands karibisches Emporium Sint Eustatius läuft ein wichtiger Teil des geheimen Waffenschmuggels mit den nordamerikanischen Rebellen; zudem erhält die Kaperflotte der Amerikaner auf „Statia“ regelmäßig Proviant und Schiffsausrüstung. Die Briten beben vor Zorn, vor allem nachdem ein Rebellenschiff von Eustatia aus gar mit einem förmliches Ehrensalut begrüßt wurde, können das Inselgewirr der Antillen jedoch kaum effektiv kontrollieren. Ungeachtet der seit 1776 schwelende Krise mit Großbritannien sympathisieren nicht nur in Westindien viele Niederländer offen mit der Aufstandbewegung in den 13 Kolonien. Ihre stärksten Verbündeten haben die Amerikaner in der sogenannten niederländischen „Patriotenbewegung“. Viele ihrer Anhänger sehen in den Vereinigten Kolonien ein wichtiges Vorbild für ihre eigene Reformagenda in den Niederlanden. Der starken Stellung des Hauses Oranien und dem traditionell engen Verhältnis der Orangisten mit Großbritannien stehen die „Patriotten“ ohnedies schon seit Längerem kritisch gegenüber.

Doch die Sympathie mit den amerikanischen Rebellen hat auch handfeste wirtschaftliche Gründe: Nicht wenige niederländische Kaufleute und Manufakturisten erwarten von einem Sieg der Aufständischen in Britisch-Nordamerika glänzende Entwicklungsperspektiven für den transatlantischen Handel, allem voran für Hollands Seestädte. Die schwierige innen- und außenpolitische Lage ab 1776 zwingt den Erbstatthalter Willem V. (1748-1806) und die Generalstaaten beständig zu einer lavierenden Haltung. Ein bewaffneter Konflikt mit England gilt es unbedingt zu vermeiden. Bis zum Dezember 1780 hat die Strategie der Generalstaaten Erfolg; dann führen die zahlreichen Verstrickungen niederländischer Hafenstädte und Händlernetzwerke mit dem westindischen Schmugglerunwesen doch noch zu einem Krieg Großbritanniens gegen die „Republiek“. Nur das Eingreifen der französischen Marine verhindert zuletzt eine Katastrophe für die Vereinigten Provinzen.

Die Batavische Revolution in den Niederlanden

Auch nach dem Ende dieses sogenannten „Vierten niederländisch-englischen Seekrieg“ 1784 und dem Sieg der Vereinigten Staaten über Großbritannien brodelt es weiter in der niederländischen Bevölkerung. Holland befindet sich spätestens jetzt in einer Dauerkrise. 1787 kann nur mithilfe einer preußischen Militärintervention der Sturz des oranischen Erbstatthalters durch die Patriotenpartei verhindert werden. Doch die 1789 ausbrechende Revolution in Frankreich ändert bald endgültig und unwiederbringlich das bisherige politische Gefüge in den Niederlanden: Im Winter 1794/1795 besetzen französische Revolutionstruppen die Republik und machen aus den Vereinigten Provinzen einen französischen Vasallenstaat. Der Erbstatthalter der Niederlande, Willem V., muss die Niederlande fluchtartig verlassen.

Die Revolution in den Niederlanden sorgt auch in den überseeischen Besitzungen der Republik für ernste Spannungen zwischen Anhängern und Gegnern der Revolution. In dieser Situation versucht der gestürzte Erbstatthalter Willem V. von seinem britischem Exil aus, die entlegenen Kolonien und Stützpunkte der Niederländer in Übersee schnellstmöglich in britische Treuhänderschaft zu überführen; bis die alten Machtverhältnisse ganz im Sinne der Orangisten wieder hergestellt sind. Großbritannien gilt also nicht nur den Gegnern der Revolution in Frankreich, die es etwa auf den Französischen Antillen militärisch entschieden unterstützt, als globale Schutzmacht der alten Ordnung. In der politisch instabilen Situation der Batavischen Umwälzung sucht auch das revolutionäre Frankreich, das Machtvakuum in den niederländischen Kolonien möglichst rasch zu füllen. Als die Franzosen die Absicht erkennen lassen, die niederländische Kapkolonie zu okkupieren, kommen ihnen die Briten im September 1795 zuvor. Ganz im Sinne des exilierten Statthalters Willem und der Gegner der frankreichfreundlichen Batavischen Revolution nehmen sie die niederländische Kapkolonie im Handstreich.

Eine Flotte für Bataviens Kapkolonie

Wenige Monate später rüstet die Batavische Republik jedoch zum Gegenschlag: Batavische Marinegeschwader sollen 1796 die Kontrolle in Westindien sowie am Kap der Guten Hoffnung für die neue Republik und ihre französischen Verbündeten sichern oder gegebenenfalls wiederherstellen. Die JASON ist im Februar 1796 Teil eines solchen Eskaders. Unter der Führung des batavischen „Schout-bij-Nacht“ Engelbertus Lucas (1747-1797) soll die JASON gemeinsam mit neun weiteren Schiffen nach Südafrika segeln. Ein zweites Geschwader unter dem batavischen Vize-Admiral Adriaan Braak, einem Veteranen der erwähnten „Patriotenbewegung“, wird indes in die Karibik entsandt. Auch dort sollen die niederländischen Besitzungen, ihre Garnisonskommandanten und Inselräte, auf die neuen Machthaber in Den Haag eingeschworen werden.

1796: Meuterei auf der JASON

Doch bereits kurz nach ihrer Ausfahrt von Texel in den Atlantik, am 6. März 1796, gerät Lucas’ Südafrika-Geschwader und mit ihr die JASON in einen schweren Sturm. In dem Orkan wird die JASON derart beschädigt, dass sie ins norwegische Bergen ausweichen muss. Dort soll sie jetzt gründlich überholt werden. Als die batavische Fregatte mit ihrer weit über 200 Mann zählenden Besatzung nach einem mehrwöchigen Aufenthalt Bergen wieder verlässt, kommt es am 4. Juni 1796 zu einer Meuterei an Bord. Die Meuterer, unter ihnen mutmaßlich auch einige Anhänger des alten Herrscherhauses der Oranier, aber auch gepresste ausländische Seeleute und Söldner, können sich der JASON bemächtigen; zielstrebig steuern sie das mit 36 Kanonen bestückte Schiff jetzt in Richtung Großbritannien. Bereits am 8. Juni taucht die JASON im Hafen des westschottischen Küstenortes Grenock auf; dort übergeben die Meuterer die JASON der örtlichen Küstenmiliz. Angesichts der angespannten Lage nach drei Jahren Krieg zwischen Großbritannien und dem revolutionären Frankreich, hat man auf der Insel durchaus Verwendung für die niederländische Fregatte. Bereits im September wird das Kriegsschiff offiziell in den Dienst der Royal Navy übernommen und erhält wohl nicht ganz ohne Ironie dabei auch einen neuen Namen: PROSELYTE, was so viel wie „der Übergetretene“, der „Bekehrte“ bedeutet.

Latente Aufsässigkeit im Südatlantik

Die JASON ist beileibe nicht das einzige Schiff, das in jenen turbulenten Monaten nach der Batavischen Revolution von latenter Aufsässigkeit oder offener Meuterei betroffen ist: Während ihrer sechsmonatigen Reise nach Südafrika stehen auch die anderen Schiffe des batavischen Eskaders unter Konteradmiral Lucas kurz vor dem Ausbruch einer Meuterei. Die offene Feindseligkeit der Mannschaften gegen Lucas’ Offiziere lässt sich auch hier nicht allein als Folge von Krankheit und dem Mangel an Frischwasser erklären. Ebenso wie an Bord der JASON wurden viele Angehörige der Besatzung und der an Bord befindlichen Soldaten in den Dienst im fernen Afrika gepresst; und nicht wenige Crewmitglieder, zumal jene, die nicht aus den Niederlanden stammen, empfinden keinerlei besondere Loyalität gegenüber dem neuen, frankreichfreundlichen Regime in den Niederlanden. Wohlwissend, dass unter den gegebenen Umständen jederzeit eine Meuterei ausbrechen könnte, ergibt sich Engelbertus Lucas mit seinem Geschwader am 17. August 1796 kampflos der britischen Marine. Viele der aufsässigen Seeleute und Soldaten begeben sich nach der sogenannten „Kapitulation in der Salanhabaai“ in britische Dienste. Großbritannien, die Weltmacht der Ozeane, macht auch am Kap der Guten Hoffnung jetzt reihenweise ─ „Proselyten“.

Die HMS PROSELYTE, Ex-JASON, im Dienste der Royal Navy 1796-1799

In Großbritannien indessen wird die HMS PROSELYTE, Ex-JASON, mit neuer Besatzung in den folgenden rund vier Jahren im Kampf gegen französische Kaperfahrer entlang der Kanalküste und der Nordsee eingesetzt. Erfolgreich macht die PROSELYTE dabei auch selbst Jagd auf Handelsschiffe, darunter sinnigerweise auch batavisch-niederländische Handelsfahrer. Im August 1799 ist die PROSELYTE auch an der sogenannten „Den-Helder-Expedition“ beteiligt, einem letztlich gescheiterten Invasionsversuch Großbritanniens und seines russischen Verbündeten gegen die Batavische Republik. Bereits 1797 nimmt die britische Fregatte überdies an einem weiteren Zug nach Westindien teil, wo sie in den Gewässern um Jamaika gleichfalls im Kaperkrieg mit Frankreich eingesetzt wird.

Revolutionskrieg in der Karibik

Mit dem Ausbruch des Ersten Koalitionskrieges zwischen Frankreich und einer Allianz mehrerer europäischer Großmächte, darunter Preußen, Österreich und seit 1793 auch Großbritannien, entwickelt sich die Karibik neuerlich zum Schauplatz eines erbitterten Krieges um Inselfestungen und Seekriegshäfen. Sklavenaufstände und bürgerkriegsartige Kämpfe zwischen französischen Royalisten und Anhängern der Revolution vermengen sich ab 1793 immer stärker auch mit traditionellen Hegemonialkonflikten in der Region. Ihren letzten Höhepunkt hatte dieses jahrzehntelange geopolitische Ringen zwischen Frankreich und Großbritannien während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriege gezeitigt. Nun geht der Kampf der beiden maritimen Großmächte gleichsam in die nächste und alles entscheidende Runde. An ihrem Ende, nach dem Sieg über das napoleonische Frankreich 1815, wird Großbritannien für rund ein Jahrhundert zum unumschränkten Hegemon der Weltmeere. Besonders hart umkämpft sind in dieser Phase des transatlantischen Revolutionskrieges dabei die französischen „Zuckerinseln“ zwischen Saint-Domingue und den Kleinen Antillen. Während Saint-Domingue, das heutige Haiti, sich infolge einer gewaltigen Sklavenrebellion dem Zugriff der Briten immer mehr entzieht, richtet sich Englands Interesse rasch auf die Inselwelt der Antillen.

Sklavenaufstände und Guerillaoperationen

Zwischen 1794 und 1797 gelingt den Briten hierbei nacheinander die Eroberung der bedeutendsten, noch verbleibenden Eilande der Französischen Antillen, allem voran Martiniques und Guadeloupes; auf erfolgreiche Landungsmanöver und Belagerungen folgen dabei nicht selten Sklavenaufstände und erbarmungslose Guerillaoperationen in den Berg- und Dschungelwelten der Karibik. Zeitweilig verlieren die Briten hierbei auch einzelne Inseln wieder an die Franzosen. In diesem jahrelangen Abnutzungs- und Kleinkriegen entlang der antillischen Inselkette geraten schließlich auch die niederländischen Besitzungen in das Blickfeld der britischen Militärstrategie: 1796 fallen die niederländischen Kolonien Essequebo, Berbice und Demerary in die Hände der Briten; 1799 beziehungsweise 1800 folgen Suriname und Curaçao.

Angriff auf die Kolonien der Dänen, Schweden und Niederländer

Während in Westindien nahezu ununterbrochen Krieg geführt wird, der vor allem den atlantischen Handel massiv beeinträchtigt, werden auch in Europa immer mehr Mächte in die Auseinandersetzungen hineingezogen. Zunehmende Handelskonflikte zwischen Großbritannien, Dänemark und Schweden im Rahmen der sogenannten „Bewaffneten Neutralität“ ab 1800/1801 rücken jetzt auch den nördlichen Teil der Leeward Islands in das Visier der britischen Royal Navy. In dieser Region der Kleinen Antillen befinden sich unter anderem die dänischen Plantageninseln St. Thomas und St. Croix, das schwedische Sankt-Barthélemy (Saint-Barthélemy) sowie die niederländischen Eilande Sint Maarten, Saba und Sint Eustatius. An einer groß angelegten britischen Landungsoffensive gegen diese Stützpunkte und Kolonien im März 1801 ist auch die HMS PROSELYTE beteiligt.

Die HMS PROSELYTE und die Kampagnen in den Leeward Islands, März 1801

Die Fregatte gehört jetzt zu einem größeren britischen Flottenverband unter dem Kommandeur der Leeward Islands Station und Barbados’, Admiral John Thomas Duckworth (1748-1817), und dem Armeegeneral Thomas Trigge (ca. 1742-1814). Erstes Ziel der kombinierten See- und Landungsoperationen des Eskaders: die Besetzung der seit 1795 vollständig französisch kontrollierten Insel Sint Maarten und des unter schwedischer Hoheit stehenden Eilandes Sankt-Barthélemy. In einem weiteren Schritt sollen die benachbarten niederländischen Inseln Saba und Sint Eustatius attackiert werden. Innerhalb weniger Tage, wiederum geradezu handstreichartig, können die Briten sämtliche der Inseln in ihren Besitz nehmen. Während Duckworths Verband wenig später weiter nach Westen versegelt, um die dänischen Besitzungen auf den Jungferninseln anzugreifen, verbleibt die PROSELYTE, neben weiteren Schiffen, in der Region rund um Sint Maarten und den südlichen Teil der Leeward Islands. Hier wird die britische Fregatte in den folgenden Wochen überwiegend für Transport- und Patrouillenfahrten eingesetzt.

Die Havarie der HMS PROSELYTE am 4. September 1801

Während einer solchen Fahrt zwischen St. Christopher (St. Kitts) und Sint Maarten kommt es am 4. September 1801 zu einer Havarie der HMS PROSELYTE an einem als „Man of War“ bezeichneten Riff, unmittelbar am Eingang zum Hafen von Philipsburg auf Sint Maarten. Für die Crew der bald sinkenden Fregatte verläuft das Unglück jedoch weitgehend glimpflich. Von Philipsburg ausgesandte Boote können die mehr als 200 Mann zählende Besatzung der HMS PROSELYTE schnell retten. Für die beiden verantwortlichen britischen Offiziere indes hat die Havarie vor Sint Maarten gleichwohl drastischere Folgen, zumal ihnen die gefährliche Untiefe vor Philipsburg durchaus bekannt war und die „Man of War Shoal“ eigentlich problemlos umfahren werden kann. Im November 1801 werden die beiden verantwortlichen Offiziere schließlich auf einem Linienschiff der Royal Navy vor der Küste des royalistisch-kontrollierten Martinique von einem britischen Marinegericht angeklagt und nach kurzer Verhandlung verurteilt: Wegen ihres grob fahrlässigen Verhaltens wird der damals das Schiff kommandierende zweite Kapitän der HMS PROSELYTE, Henry Whitby, degradiert; sein Navigationsoffizier, Luke Winter, sogar unehrenhaft aus der Royal Navy entlassen.

Das Wrack der HMS PROSELYTE vor Sint Maarten heute

Mehr als 200 Jahre nach dem Unglück vor Philipsburg gilt das Wrack der HMS PROSELYTE heute als beliebtester Tauchspot um Sint Maarten. Das Wrack der britischen Fregatte im „Man of War Shoal National Marine Park“ ist für Taucher bereits nach einer fünfminütigen Bootsfahrt von Philipsburgs Great Bay Harbor aus zu erreichen. Das nunmehr von Korallen überwachsende Wrack der HMS PROSELYTE liegt in ca. 15 Meter Tiefe auf seiner Steuerbordseite. An der heute als „Proselyte Reef“ bezeichneten Wrackstelle mehr oder weniger gut zu erkennen: rund 15 bis 20 Kanonenrohre sowie drei schwere Anker. Verschiedene Artefakte aus dem Wrack der HMS PROSELYTE sind zudem im Sint Maarten Museum von Philipsburg zu besichtigen.