Fort Oranje auf der Antilleninsel Sint Eustatius

Eingang zum Fort Oranje auf "Statia", Karibik
Eingangsbereich zum Fort Oranje in Oranjestad, Sint Eustatius; Bild: © rj lerich/Bigstock.com

Fort Oranje wurde Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Ruinen einer kleinen Palisadenfestung errichtet. Die Ursprünge dieses Palisadenforts auf der niederländischen Antilleninsel Sint Eustatius reichen bis weit in das frühe 17. Jahrhundert zurück. Jene Zeit markiert die erste wichtige Phase nordwesteuropäischer Expansion in dem zunächst noch von Spanien beanspruchten Inselbogen der Kleinen Antillen. Bereits 1629 soll eine Einheit französischer Soldaten erstmals auf Sint Eustatius gelandet sein. An derselben Stelle, wo sich heute Fort Oranje befindet, erbaut der französische Landungstrupp eine kleine Palisadenbefestigung. Dieses Holzfort auf einer Klippe oberhalb der heutigen Oranje Baai wird von den Franzosen jedoch bald wieder aufgegeben. Das aride Klima der Insel und der Mangel an natürlichen Wasserquellen lässt eine Kolonisation des kleinen Eilands zunächst wenig aussichtsreich erscheinen. Mehr Beständigkeit zeigen indes jene niederländischen Kolonisten, die sich ab 1636 auf dem unbewohnten antillischen Eiland niederlassen. Angeworben durch die 1621 gegründete Westindien-Compagnie (WIC) beginnen die holländischen Siedler alsbald mit dem Anbau von Tabak und Baumwolle. Im Hinterland der Hauptsiedlung Oranjestad, die im Schutz des alten französischen Palisadenforts entsteht, entwickelt sich allmählich eine kleine Plantagenwirtschaft. Für diese werden bald auch afrikanische Sklaven eingeführt. 1665 sind bereits 840 dieser aus West- und Zentralafrika verschleppten Menschen gezwungen, auf Sint Eustatius zu arbeiten.

Forts und Schanzen in der Karibik

Die ressourcenintensive Befestigung und Bemannung selbst der kleinsten Antilleninsel hat im 17. und 18. Jahrhundert eine einfache Ursache: Regelmäßig brechen Europas Hegemonial- und Kaperkriege auch über den Karibik- und Atlantikraum herein. Überfälle, Brandschatzungen und Plünderungen bedrohen immer wieder die Plantagenkolonien der Kleinen und Großen Antillen. Mit dem schleichenden Niedergang der iberischen Mächte sind es im 18. Jahrhundert insbesondere Frankreich und England, die um die Vorherrschaft auf dem Atlantik und in den Amerikas ringen. Auch die Vereinigten Provinzen und mit ihr die niederländische Westindien-Compagnie sind immer wieder in diese Auseinandersetzungen verwickelt; als Belligerant ebenso wie als neutrale Macht, die von den verfeindeten Kriegsparteien gleichermaßen zur Sicherung ihrer europäischen und ihrer antillischen Ökonomien genutzt werden. Vor diesem Hintergrund muss auch das bescheidende Holzfort über der Reede von Oranje Baai regelmäßig instand gehalten werden. Vermittels der gestiegenen Bedeutung der Antilleninsel im interkolonialen Handel Westindiens schreitet ferner der Ausbau des Forts allmählich voran. Vermutlich wird es 1703 erstmalig mit Kalk- und Ziegelsteinen befestigt; für die Bauarbeiten werden spätestens jetzt auch Statias Sklaven eingesetzt. Neben Fort Oranje entstehen überdies eine Reihe kleinerer Schanzen entlang der Küste. An strategisch wichtigen Punkten werden auch diese mit Kanonen armiert.

Beschränkte Mittel: die niederländische Westindien-Compagnie

In den transatlantischen See- und Landkriegen des 17. und 18. Jahrhunderts ist die militärische Sicherung der kleinen Insel naturgemäß vor allem eine Frage des Geldes: Für die holländischen Kolonisten und die sie beschirmenden Westindien-Compagnie sind die zu Gebote stehenden Finanzmittel jedoch eher gering; hieran ändern auch die weitgefaßten Möglichkeiten zur Rekrutierung unter den Handwerks- und Plantagensklaven von Sint Eustatius wenig. Ohnedies sind handwerkliche Spezialisten und der Import von Baumaterialien aus Europa ein fortwährender Kostentreiber für die Westindien-Compagnie. Die Aufwendungen für Besoldung und Versorgung der vielköpfigen Garnisonen stehen ohnedies in keinem Verhältnis zu ihrem tatsächlichen militärischen Nutzen während einer Invasion. Das weiß auch die meist eher klamme Westindien-Compagnie zu Genüge. Von den finanziellen Möglichkeiten etwa der englischen und französischen Zuckerinseln ist Sint Eustatius weit entfernt. Mit einer Größe von gerade einmal 21 km² ist Sint Eustatius sogar eine der kleinsten Besitzungen der Niederländer in Westindien. Die landwirtschaftliche Nutzfläche zwischen dem Vulkankegel des Quill und der Hügellandschaft der sogenannten „Kleinen Berge“ ist selbst für die Kleinen Antillen äußerst gering. Der erwähnte Mangel an natürlichen Wasserquellen auf Sint Eustatius tut ein Übriges, die agrarischen Expansionsmöglichkeiten der Siedler zu beschränken. Als Plantagenkolonie steht Sint Eustatius somit früh im Schatten des benachbarten St. Christopher (St. Kitts), das bis 1713 zwischen Frankreich und England aufgeteilt ist.

Zucker und Sklaven: Sint Eustatius’ Ökonomie

Deutlich lukrativer als der Anbau und der Export karibischer Kolonialgüter ist für die Statianen der Handel mit diesen Waren; mit Bezug auf den Zuckerrohr allenfalls noch eine steuerlich günstige Verarbeitung in den Zuckermühlen von Sint Eustatius. Darüber hinaus partizipiert Eustatia zeitweilig auch intensiv am Handel mit afrikanischen Sklaven; dieser begleitet vor allem ab dem 18. Jahrhundert Eustatias Aufstieg zum führenden Inselemporium Westindiens, zum wichtigsten insularen Stapelplatz der Karibik bis in die Zeit der Französischen Revolutionskriege.

Sint Eustatius als neutraler Handelspunkt Westindiens

Trotz seiner enorm gesteigerten Bedeutung als Drehscheibe für den atlantischen Handel entwickeln Fort Oranje und die ihm benachbarten Schanzen und Batterien wohl zu keinem Zeitpunkt eine effektive militärische Bedeutung. Bereits eine kleinere Kaper- und Invasionsflotte vermag das Verteidigungssystem des Antilleneilands schnell auszuschalten. Und so kommt es auch, dass Fort Oranjes Kriegs- und Kampfeshistorie allenfalls von kleinen Scharmützeln und schnellen Ein- und Überfällen geprägt ist, denn von spektakulären Landungsoperationen, Belagerungen oder Artilleriegefechten. Was die Insel namentlich im 18. Jahrhundert wirklich schützt, ist die weitgehende Neutralität der niederländischen Flagge sowie Hollands jahrzehntelange Funktion als Juniorpartner des im 18. Jahrhundert rasant aufsteigenden Britischen Empires. In Kriegs- und Krisenzeiten durchaus willkommene Verhandlungsmasse an den Kabinettstischen der Großmächte gilt es dennoch, das niederländisch-neutrale Handelsemporium tunlichst zu erhalten; leistet Sint Eustatius doch bei transatlantischen Konflikten meist allen Kriegsparteien wichtige Dienste als Stapelplatz, Schutzhafen und Versorgungspunkt.

Permanente Baufälligkeit: Fort Oranje im 18. Jahrhundert

Mag auch die militärische Bedeutung von Fort Oranje zwischen dem 17. und dem frühen 18. Jahrhundert eher bescheiden gewesen sein ─ Kosten, Streit und Unbill verursacht die karibische Küstenfestung dennoch Jahr um Jahr. Vor allem im 18. Jahrhundert, der Hochzeit von Statias Funktion als zentraler Handelsplatz der Antillen, beklagen die politisch Verantwortlichen des Eilandes die nahezu permanente Reparaturbedürftigkeit von Fort Oranje. Die quadratische Konstruktion des Forts umfasst im 18. Jahrhundert neben Unterkünften für die Garnison unter anderem ein größeres Pulvermagazin, drei Wassertanks sowie einen Andachtsraum. Wie miserabel der Zustand des Forts in dieser Zeit tatsächlich ist, erweist etwa das vollständige Abbrechen mindestens einer der insgesamt vier Bastionen von Fort Oranje. Diese Vorfälle könnten bereits im frühen 18. Jahrhundert erfolgt sein. Das Herunterkrachen einer ganzen Bastei auf den Strand der „Lower Town“ von Oranjestad muss in seiner psychologischen Wirkung auf das Sicherheitsgefühl der Bewohner von Sint Eustatius geradezu verstörend gewirkt haben. Auch als 1781 der berüchtigte britische Admiral George Brydges Rodney (1718-1792) Eustatia während des Vierten niederländisch-englischen Seekrieg (1780-1783) erobert, erweist sich, dass die wichtigste Befestigung der Insel alles andere als verteidigungsbereit zu nennen ist: Offenbar bewirkt ein Abfeuern der garnisonseigenen Kanonen an der Seeseite von Fort Oranje bereits umgehend Schäden an der Brüstung des karibischen Inselfeste. Ein geradezu grotesker Zustand für ein Verteidigungswerk und eine Blamage für die Westindien-Compagnie, die rund zehn Jahre später sodann auch endgültig ihre Auflösung wird erklären müssen.

Fort Oranje und seine Garnison

Doch nicht nur die Seeseite des Forts über der Reede von Oranje Baai ist eine besondere Schwachstelle: Auch von Land her ist Fort Oranje nur schwer zu verteidigen. Seine Steinwälle an der Oranjestads „Upper Town“ zugewandten Seite sind gerade einmal zwei Meter hoch. Lediglich ein kleiner Graben und eine Zugbrücke sichern die verwundbare Landseite des Forts zusätzlich. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor im Kriegsfalle stellt zudem die kostenintensive Fortbesatzung dar: Glaubt man den historischen Korrespondenzen von Statias Gouverneuren und Commandeuren, muss es sich dabei meist um einen übel zusammengeworfenen Haufen von Vagabunden, Abenteuern und Söldnern aus aller Welt gehandelt haben. Dieser sucht die westindientypische Garnisonslangeweile vorwiegend mit Alkohol, Zänkerei und Schlaf zu bekämpfen. Durchschnittlich 50 Mann sind auf Sint Eustatius stationiert, um das niederländische Karibikeiland im Kriegsfalle zu ─ verteidigen. Ein, so lehrt es die Geschichte der Insel, eben meist völlig aussichtsloses Unterfangen. Mehrere Dutzend Mal wird Sint Eustatius zwischen dem frühen 17. und dem frühen 18. Jahrhundert attackiert, besetzt und geplündert. Letztmalig während der Napoleonischen Kriege.

Die polizeiliche Funktion Fort Oranjes für Sint Eustatius

Die Bedeutung von Fort Oranje ist für Sint Eustatius insofern vor allem ─ symbolischer Natur, ein steinernes Sinnbild niederländischer Macht und Souveränität über Statia. Dennoch fungiert das Fort stets auch als konkreter Ordnungsfaktor für die komplexen sozialen und multinationalen Beziehungsstrukturen der Insel. Aus dieser gleichmermaßen symbolischen wie konkret-polizeilichen Funktion zieht das Fort letztlich seine entscheidende Relevanz. Denn als bedeutendster Freihafen der Antillen im 18. Jahrhundert ist Sint Eustatius ungewöhnlich dicht besiedelt; im 18. Jahrhundert leben allein rund 10.000 Menschen auf der Insel, von der reichen Kaufmannswitwe bis zu den auch im Handel eingesetzten Sklaven im Hafen von Oranjestad. Nur ein Teil der europäischen Residenten verfügt dabei über engere kulturelle oder familiäre Verbindungen in die Niederlande. Zudem zieht das Antilleneiland alljährlich Hunderte Schiffe mit ihren vielzähligen Mannschaften an. Das geschäftige Treiben der Marktstraße entlang der „Lower Town“ von Oranjestad mit seinen Magazinen, Kontoren, Werkstätten und Spelunken versammelt Tag um Tag Menschen aus aller Herren Länder. Im 18. Jahrhundert lassen sich im neutralen Freihafen von Sint Eustatius und seinen Wirtshäusern sogar ganze Schiffsbesatzungen rekrutieren. Die Insel ist nicht nur eine Drehscheibe für Güter und Waren, sondern auch für Arbeitskräfte, Soldaten und Seeleute.

─ Über alledem wacht still und steinern Jahr um Jahr Fort Oranje; erinnert die „Driekleur“ der Westindien-Compagnie und der Generalstaaten allenthalben daran, dass das kleine, stets baufällige Fort Hollands Souveränität über Sint Eustatius beständig zu wahren weiß ─ oder zumindest genau diesen Eindruck zu erwecken sucht. Was die Geschäfte der ortsansässigen Kaufleute im Alltag wirklich stören kann, sind vielleicht zum Wenigsten feindliche Invasionen oder marodierende Sklaven als vielmehr betrunkene Seeleute, Schmuggler und streitsüchtige Kaufleute. Nicht von ungefähr verfügt Fort Oranje vermutlich seit dem 18. Jahrhundert im Keller des Konstablerhauses über ein kleines Gefängnis. Mit einigen Dutzend Soldaten lässt sich die mit mehreren Tausend Menschen bevölkerte Insel gerade noch unter Kontrolle halten.

Blick auf die Orange Bay, Fort Oranje auf Sint Eustatius
Blick über Fort Oranje auf die Oranje Baai von Sint Eustatius; © rj lerich/Bigstock.com

Fort Oranje und Sint Eustatius in der Gegenwart

Seine Funktion als Symbol niederländischer Souveränität über Sint Eustatius und als zumindest interner Sicherheitsgarant erhält sich Fort Oranje auch im 19. Jahrhundert. Zwar wird das Fort seit 1846 nicht mehr dezidiert militärisch genutzt, doch nehmen verschiedene Amtsträger der niederländisch-westindischen Kolonialverwaltung auch weiterhin hier ihren Sitz. Als Repräsentant von Recht und Ordnung auf Sint Eustatius hat in Fort Oranje bis heute auch das statianische Büro des Staatsanwaltes für die sogenannten „BES-Eilande“ seinen Sitz. Auch Sint Eustatius’ Tourismusbehörde residiert inzwischen auf dem Gelände der altehrwürdigen Festung über der alten Lower Town.

Nicht ohne Stolz erinnert man in Statias tourismustauglich restauriertem Festungsbau Tauch- und Wandergäste des Antilleneilands an die einstigen Besucher und Residenten von „Fort Oranien“: Hollands großem Seehelden Michiel de Ruyter (1607-1676) etwa, der während seiner karibischen Kaperzüge gleich mehrfach auf Sint Eustatius Station machte; schließlich der erwähnte britische Prisenjäger Admiral George Brydges Rodney, der auf Eustatia wahrlich riesige Beute machte; und schließlich US-Präsident Franklin D. Roosevelt (1882-1945). Selbiger weilte im Februar 1939 gerade einmal zwei Stunden auf Sint Eustatius; an Fort Oranjes Flaggenmast hinterließ der Spross einer alten neuniederländischen Siedlerfamilie jedoch eine ganz besondere Plakette. Sie erinnert im Innenhof des Forts an ein zumindest für die amerikanische Geschichte bedeutsames Ereignis im Jahre 1776: Fort Oranjes Ehrensalut für das amerikanische Marine- und Schmuggelschiff ANDREW DORIA.

Diese erstmalige Ehrenbezeigung gegenüber einem amerikanischen Schiff unter der Rebellenflagge des Kontinentalkongresses sorgte selbst im entfernten Europa noch für schwere diplomatische Verstimmungen. Der hieraus alsbald resultierende Vierte niederländisch-englische Seekrieg beendete nicht nur einen zentralen Sicherungsfaktor Eustatias im Machtgefüge der Karibik ─ das rund einhundert Jahre währende Bündnis der Niederlande mit Großbritannien; mit der Besetzung der Insel durch Admiral Rodney begann auch der schleichende wirtschaftliche Niedergang des westindischen Vulkaneilandes. Für Statias Bevölkerung sollte ihn erst der Tourismus wirksam stoppen können.

Literatur:

  • R. Grant Gilmore III; Madeline J. Roth, Fort Oranje, St. Eustatius.
    An Historical Archaeological and Architectural Assessment. In: Fort. Volume 41 (2013). S. 76-91.