Geschichte der niederländischen Westindien-Compagnie (WIC)

Die niederländische Westindien-Compagnie (WIC) wurde 1621 als zentrale Kapitalgesellschaft der Generalstaaten für den Atlantikhandel gegründet. Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert hatten niederländische Schiffer und Kaufleute erste Handelsverbindungen im Bereich der atlantischen Inseln sowie an der nordamerikanischen und der guyanischen Küste geknüpft. Im Gegensatz zum hochkompetitiven Ostasienhandel waren die atlantischen Kommerzien jedoch kleinteiliger, variabler und durch weniger große Entfernungen zu den niederländischen Seestädten geprägt; dies hatte die Gründung einer monopolistischen Handelsgesellschaft für den Atlantikraum an der Wende von 16. zum 17. Jahrhundert zunächst verzögert.

Das Vorbild der niederländischen Ostindien-Compagnie

Als Vorbild der durch den Staat mit besonderen Handelsvorrechten ausgestatteten Aktiengesellschaft diente die Vereenigde Geoctroyeerde Oostindische Compagnie (VOC). Deren Oktroigebiet lag seit 1602 rund um den Indischen Ozean und das Chinesische Meer; die WIC indes erhielt ihr allprovinziales Handelsmonopol für den gesamten Atlantikraum bis zum Kap der Guten Hoffnung. Ebenso wie die Ostindien-Compagnie wurde die WIC durch ein partikulares Kammersystem verwaltet. In diesen Regionalkammern waren vorwiegend merkantile Anteilseigner aus Holland und Seeland tonangebend. Mit dem hochkapitalisierten Organisationsvehikel der WIC im Rücken gelang es niederländischen Seestädten wie Amsterdam, Rotterdam, Vlissingen und Middelburg ab den 1620er Jahren, eine immer stärkere Stellung im internationalen Atlantikhandel zu erringen.

Handelsorganisation und Kaperkriegsinstrument

Neben ihrer Funktion als Organisationsgehäuse für den niederländischen Handel zwischen Europa, Afrika und den Amerikas fungierte die Westindien-Compagnie auch als Kaperkriegsinstrument der Republik. Die militärstrategische Seite der WIC war vor allem auf den Erzfeind Spanien gerichtet. Mit diesem rangen die Generalstaaten noch bis 1648 um ihre staatliche Unabhängigkeit. Auf dem Atlantik und in der Karibik zielte die Kaperkriegsstrategie der Westindien-Compagnie vornehmlich auf die Edelmetalltransporte der Iberer.

Siedlungskolonien der niederländischen Westindien-Compagnie

Die Etablierung eigener Plantagen- und Siedlungskolonien durch die WIC spielte erst ab den 1630er Jahren eine zunehmend wichtige Rolle; wobei die Westindien-Compagnie frühzeitig auf ein Patronatssystem setzte, das selbstständige Siedlungsunternehmer mit Inseln und Küstenstreifen belehnte. Schwerpunkte dieser Kolonisationsunternehmungen bildeten hierbei die Küste Guyanas, das Mündungsgebiet des Hudsons in Nordamerika (Kolonie Nieuw-Nederland) sowie das Inselgebiet der Kleinen Antillen. Hier entstanden mit Sint Maarten und Curaçao zudem frühzeitig strategisch wichtige Flottenstützpunkte der WIC.

Invasion der portugiesischen Besitzungen in Brasilien und Afrika

Einen entscheidenden Expansionsschritt wagte die niederländische Westindien-Compagnie ab 1624/1630 mit einer großflächigen Invasion der portugiesischen Besitzungen in Brasilien und Afrika. Der Versuch, auf einem Schlag den atlantischen Zucker- und Sklavenhandel unter niederländische Kontrolle zu bringen, scheiterte jedoch. 1654 musste sich die Westindien-Compagnie nach einem blutigen Guerillakrieg aus Brasilien zurückziehen. Lediglich ihre in den 1630er Jahren eroberten und besetzten Forteressen und Faktoreien an der westafrikanischen Küste konnte die niederländische Westindien-Compagnie verteidigen.

Seekriege mit England und Frankreich

Der allmähliche Rückzug der Westindien-Compagnie aus dem südlichen Atlantikraum korrespondierte zudem mit einem wachsenden Konkurrenzdruck durch die aufstrebenden Seemächte England und Frankreich. Gerade die ambitionierten Expansionspläne und die restriktive Handelspolitik der Engländer zwangen die Generalstaaten ab 1652 in drei verlustreiche Seekriege mit dem Nachbarn im Westen. Der Handel und das Stützpunktsystem der Westindien-Compagnie wurde hierdurch immer wieder schwer beeinträchtigt. Im Zuge des Zweiten und Dritten Seekrieges mit England fiel die nordamerikanische Siedlerkolonie Nieuw-Nederland 1674 schließlich dauerhaft an den englischen Kontrahenten. Der Frieden von Nimwegen 1678 mit Frankreich markierte schließlich das Ende der bisherigen holländisch-seeländischen Handelshegemonie in der Karibik.

Bankrott der niederländischen Westindien-Compagnie 1674

Durch die militärischen Abenteuer in Brasilien und die ruinösen Kaperkriege mit ihren englischen und französischen Rivalen finanziell erschöpft, schlitterte die Westindien-Compagnie 1674 schließlich in eine schwere Krise. Die völlig überschuldete Handelskompanie musste im selben Jahr in eine neue Kapitalgesellschaft überführt werden. Die sogenannte „Zweite Westindien-Compagnie“ richtete sich fortan stärker auf die Sicherung des Atlantikhandels und die Verwaltung ihrer Forts, Faktoreien und Compagnieplantagen. Unmittelbare kriegerische Konflikte mit europäischen Konkurrenten versuchte die WIC nun tunlichst zu meiden.

Verlust von Monopolrechten

Dennoch begann für die Westindien-Compagnie insbesondere mit dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14) und einer zunehmend stärkeren Position der Engländer und Franzosen im transatlantischen Sklavenhandel ein schleichender Abstieg. Auch die innenpolitische Stellung der staatlich protegierten Handelsgesellschaft litt zunehmend. Die in den Jahrzehnten zuvor emsig verteidigten Monopolrechte wurden nun nach und nach aufgegeben. Bereits 1734 musste die WIC auf ihre exklusiven Handelsrechte an der westafrikanischen Küste zugunsten konkurrierender Kaufmannskreise aus der Republik verzichten.

Rückzug aus dem Sklavenhandel

Ohnedies hatte der Anteil der WIC am niederländischen Sklavenhandel, der von der westafrikanischen Veste Elmina gesteuert wurde, bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts sukzessive abgenommen. 1738 zog sich die Westindien-Compagnie endgültig aus dem brutalen Geschäft mit afrikanischen Sklaven zurück. Fortan überließ sie die Versorgung westindischer und südamerikanischer Kolonisten mit Sklaven kleineren Handelsunternehmungen aus den niederländischen Seeprovinzen.

Freihäfen der WIC auf Curaçao und Sint Eustatius

Einnahmen erzielte die niederländische Westindien-Compagnie nunmehr vor allem durch Steuern und Abgaben, die oktroigemäß von compagniefremden Handelsfahrern erhoben werden durfte. Eine wichtige Rolle spielten neben den niederländischen Kolonien zwischen Essequibo und Suriname dabei die neutralen Freihäfen auf Curaçao und Sint Eustatius. Gerade diese beiden Stapelplätze profitierten in den atlantischen Hegemonialkriegen des 18. Jahrhunderts vom neutralen Status der niederländischen Flagge und ihrer günstigen Lage inmitten europäischer Plantagenkolonien.

Das Ende der niederländischen Westindien-Compagnie

Trotz ihrer regelmäßigen Einkünfte aus Recognitiegeldern und dem Compangiehandel mit europäischen und westindischen Produkten häufte das kostspielige Stützpunkt- und Verwaltungssystem der Westindien-Compagnie immer mehr Schulden auf. Als die Niederlande und die Westindien-Compagnie ab 1781 neuerlich in militärische Auseinandersetzungen mit Großbritannien und Frankreich gerieten, bedeutete dies den endgültigen Untergang der niederländischen Handelsgesellschaft. 1791 musste die hoch verschuldete und nur noch durch staatliche Subsidiengelder gestützte Westindien-Compagnie liquidiert werden. Die auch weiterhin bestehenden ehemaligen WIC-Stützpunkte und Plantagenkolonien in Afrika, den Antillen und entlang der guyanischen Küste kamen fortan unter direkte Verwaltung durch die Generalstaaten.