Geschichte Sint Maartens im frühen 17. Jahrhundert

In der karibischen Geschichte des frühen 17. Jahrhunderts sind die Salzpfannen der Antillen und des hispano-amerikanischen Festlands über Jahrzehnte hinweg hart umkämpft. In den 1630er Jahren kommt vor allem der Antilleninsel Sint Maarten mit ihren großen Salzlagunen eine wichtige Bedeutung zu. Hier, an der Peripherie des Spanischen Imperiums in der Neuen Welt, können sich zwischen 1631 und 1633 auch die Niederländer festsetzen. Sint Maartens Salzvorkommen liefern ihnen nicht nur das wichtigste Konservierungsmittel ihrer blühenden Heringsfischerei; mit den Einnahmen aus dem Export der Fische können die Niederländer auch einen Teil ihres kostspieligen Militärwesens im Kampf gegen die Supermacht Spanien finanzieren.

Bereits vor dem Beginn des niederländischen Unabhängigkeitskrieges verfügen die Seestädte der Niederen Lande über ein weit gespanntes Handelsnetzwerk in ganz Europa. Hafenstädte wie Antwerpen oder Amsterdam sorgen bereits seit dem Mittelalter für einen regen Handelsaustausch zwischen den Märkten der Nord- und Ostseeregion und den Häfen und Stapelplätzen des Mittelmeerraumes. Der Rhein sorgt zudem für eine schnelle Anbindung Hollands, Seelands und Flanderns in die wirtschaftlichen Herzlande des Heiligen Römischen Reiches. Im 15. und 16. Jahrhundert haben niederländische Kaufleute und Reeder zudem bereits Fühlung mit den Inselkolonien der Iberer im Atlantikraum aufgenommen.

Niederländische Fangflotten führt es überdies regelmäßig auf Fischzug in dem Großen Ozean; zum Teil bis hin zu den reichen Fischbänken vor der Küste Neufundlands. Der Ausbruch des Krieges mit Spanien ab 1568 stellt die wirtschaftlichen Akteure der neuen Republik jedoch rasch vor ernste Schwierigkeiten. Vor allem in Hinblick auf den Fernhandel. Besonders hart trifft sie die Eroberung Antwerpens 1585 durch die Spanier. Hierdurch verlieren die Sieben Vereinigten Provinzen zunächst ihren wichtigsten Überseehafen und den zentralen Finanzplatz ihres Handels.

Wirtschafts- und Kaperkrieg zwischen Spanien und den Niederlanden

Der Kampf gegen die aufständischen Provinzen des Nordens wird von den Spaniern mit Entschiedenheit auch als Wirtschaftskrieg geführt. Handelssanktionen sollen die Ökonomie der Aufständischen massiv schädigen. In ihrem Gefolge kommt der direkte Handelsverkehr mit der Iberischen Halbinsel auch weitgehend zum Erliegen. Niederländische Schiffe und Waren werden beschlagnahmt, Mannschaften gefangen gesetzt. Etablierte Handelsverbindungen reißen unversehens ab.

Kaperfahrer im Dienste der spanischen Krone machen auch das Schmuggelgeschäft bald zu einem riskanten Unterfangen. Die Spanier wissen: Der Handel mit spanischen und portugiesischen Hafenstädten ist für die Niederländer existenziell bedeutsam. Dorthin gelangt ein beträchtlicher Teil des niederländischen Getreide- und Heringsexports für den Mittelmeerraum; und von dort beziehen die Fischwirtschaft und das Manufakturwesen der Niederlande auch die für sie so wichtigen Salzeinfuhren.

Der Aufbruch der Niederlande in den transozeanischen Überseehandel

Der kostspielige Krieg und der Wegfall wichtiger Märkte zwingen die Niederlande nun stärker als je zuvor, in den europäischen Überseehandel einzusteigen. Das bisherige, arbeitsteilige Handelssystem der Habsburger zwischen Asien, Europa und Amerika muss von den Generalstaaten nun in gewissen Umfang ersetzt, gleichsam nationalisiert und mit neuen Bündnispartnern neu ausgerichtet werden. Die Folgen: Innerhalb eines Vierteljahrhunderts können die abtrünnigen Habsburger-Provinzen des Nordens einen historisch wohl beispiellosen wirtschaftlichen und machtpolitischen Aufstieg einleiten.

Nachhaltig profitiert die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen von Seeland bis Friesland von einer globalen Blüte des Fernhandels. Auch für die Wagnisunternehmer und Spekulationskaufleute der Niederlande wird die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zu ihrem „Goldenen Jahrhundert“; jenen ökonomischen Akteuren also, welche die Risiken des transozeanischen Überseehandels ebenso wenig scheuen, wie ihre spanischen, portugiesischen und italienischen Konkurrenten auf dem Großen Ozean.

Überseeerfahrene Flüchtlinge aus dem Süden

Die niederländischen Händler, Reeder und Manufakturisten verfügten bereits vor dem Krieg über eine beträchtliche Kapitalakkumulation; doch nun können sie auch von der verstärkten Zuwanderung protestantischer und teils auch jüdischer Glaubensflüchtlinge aus Portugal, Antwerpen und den südlichen Niederlanden profitieren. Nicht weniger dieser Exulanten sind überseeerfahrene Großkaufleute, Handwerksspezialisten und Manufakturisten.

Mit den Flüchtlingen aus dem Süden gelangen nicht nur weiteres Kapital und lukrative Handelskontakte nach Norden, sondern auch einzigartiges kartografisches und nautisches Wissen. Mit der Flüchtlingswelle aus dem Süden siedeln sich nun erstmals auch Zuckerhändler und Zuckerraffineure in den Vereinigten Provinzen an. Ein wichtiges Ereignis der niederländischen Wirtschaftsgeschichte.

Einbruch in das Stützpunkt- und Handelssystem der Iberer

Es sind vor allem jene im Handel mit den iberischen Kolonien Amerikas und Afrikas erfahrenen Kaufleute, die Hollands künftiger Seemacht den Weg nach Westen und Süden ebnen helfen. Vor allem in den 1590er Jahren vollzieht sich ein immer stärkerer und aggressiverer Einbruch in das transkontinentale Stützpunkt- und Handelssystem der Iberer.

Erste Erkundungsexpeditionen führen niederländische Kaperfahrer und Abenteurer um 1600 nach Asien, an die südamerikanischen Küsten oder bis weit hinauf in die Eismeere der Arktis. Der Atlantik dient den Niederländern dabei immer wieder als maritimes Drehkreuz ihrer Seekriegs- und Schmuggeloperationen gegen die frühneuzeitliche Supermacht Spanien.

Die Gründung der Westindien-Compagnie (WIC) 1621

Um die Militärmacht und Wirtschaftskraft der Iberer in ihrem amerikanischen Kernraum nachhaltiger teffen zu können, gründet sich in den Niederlanden 1621 eine gesonderte Westindien-Compagnie (WIC). Die halb-staatliche Monopolgesellschaft soll der Republik fortan als zentrales Organisations- und Operationsvehikel dienen; sämtlich ausgerichtet auf die wirtschaftlichen und militärischen Aktivitäten der Niederländer im Atlantikraum, zwischen den Küsten Afrikas, den Amerikas und der Inselwelt der Antillen.

Mit ihrer Hilfe könnte die Finanzgrundlage des spanischen Söldnerwesens in Europa fernab der Niederlande wenn nicht gänzlich zerschlagen, so doch nachhaltig beschädigt werden. Wohlorganisierte Schläge gegen Spaniens amerikanischen Handel, seine Silberverladehäfen und Flottenkonvois könnten das spanische Imperium gleichsam global ins Wanken bringen. So zumindest die weit gesteckten Erwartungen der politischen und wirtschaftlichen Eliten in den Niederlanden. Der schon 1602 gegründeten Vereinigten Ostindien-Compagnie (VOC) der Niederländer scheint gegen Portugals Handelsimperium zwischen Indien und den Pfefferinseln bereits ein schwerer Schlag gelungen zu sein.

Ein niederländisches Atlantikimperium

Die Erwartungen an die neue Westindien-Compagnie sind also groß. Ihre Finanzierung steht auf breiter Grundlage: An der neuen Handelsgesellschaft halten alle niederländischen Provinzen Anteile; tonangebend innerhalb der Compagnie sind jedoch, wie bei der VOC, die Provinzen Holland und Seeland, allem voran die aufstrebende Hafenmetropole Amsterdam. Die Westindien-Compagnie ersetzt fortan alle in den Jahrzehnten zuvor im Nord- und Südatlantikraum operierenden Handels- und Spekulationsgesellschaften der niederländischen Seestädte.

In der Hochphase der niederländischen Expansion in den 1630er und 1640er Jahren wird es für die WIC schließlich um nichts Geringeres als ein atlantisches Zucker- und Sklavenmonopol gehen; errichtet beiderseits des Atlantiks zwischen den Küsten Westafrikas und dem südamerikanischen Festland; kontrolliert und mit hohen Kosten verteidigt durch die Westindien-Compagnie.

Dennoch gilt: Die iberische Doppelmonarchie wankt, aber zu Fall bringen können die Niederländer sie nicht. Bis 1654 wird der niederländische Brasilienfeldzug, das Kernstück ihrer merkantilen Atlantikstragie, endgültig gescheitert sein; und dies obwohl sich Portugal 1640 aus der Union mit der Krone Spaniens wieder lösen kann. Weit mehr als die iberischen Traditionsmächte wird den Niederlanden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die erdrückende Konkurrenz Englands und Frankreichs auf den Weltmeeren zu schaffen machen.

Punta del Araya: Salz für Hollands Heringsfischer aus der Karibik

Jenseits möglicher Aussichten auf satte Gewinne aus dem Zucker- und Kapergeschäft ist es zunächst jedoch das Salz, welches die WIC im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens zu größeren Kraftanstrengungen treibt. Als wichtigstes Konservierungsmittel der etablierten niederländischen Fischwirtschaft mit ihren einträglichen Heringsausfuhren hat es bereits vor der Gründung der Westindien-Compagnie viele niederländische Kaufleute und Schiffer zu waghalsigen Fahrten in die atlantische Machtsphäre der Iberer animiert. Schon um 1600 stehen die Salzvorkommen auf den Kapverden ebenso in ihrem Blickpunkt wie die Salinen von Punta del Araya. Gerade letztere Vorkommen an der Küste Venezuelas sind seitens der Niederländer über Jahre hinweg hart umkämpft.

Ihre Versuche sich in dieser Randzone des spanischen Festlandsimperiums dauerhaft festzusetzen, scheitern jedoch bereits vor dem Beginn des zwölfjährigen Waffenstillstandes ab 1609. Nach der Gründung der Westindien-Compagnie 1621 und dem neuerlichen Ausbruch von Feindseligkeiten mit den Iberern geraten die Salzpfannen von Punta del Araya erneut in den Brennpunkt des Interesses. 1623 missglückt verlustreich ein niederländischer Versuch, an der Landzunge von Punta de Araya ein Kastell zu errichten.

Kontinuierliche Salzeinfuhren und stabile Preise

Für das Manufakturwesen und den Fischexport der Vereinigten Provinzen sind die hochwertigen Salze der Karibik und seiner Festlandküsten einfach zu verlockend: Die Herrschaft über ein solche Salina könnte der niederländischen Exportwirtschaft nicht nur kontinuierliche Salzeinfuhren, sondern auch stabile Preise sichern. Das wechselhafte und risikoreiche Schmuggelgeschäft dagegen ist für Bataviens Kaufmannschaft wenig attraktiv; ebenso der Handel mit minderwertigen Salzen, etwa aus England. Insoweit besitzt Punta de Araya oder jede andere amerikanische Salzpfanne mit einer vergleichbaren Salzgüte hohe strategische Bedeutung für die Westindien-Compagnie.

Die Isla La Tortuga, Bonaire, St. Kitts oder Sint Maarten

Doch statt der niederländischen Provinzen sind es nach 1623 nun die Spanier, welche an der venezolanischen Salzküste ein Fort zuerrichten vermögen; ihre Festung Santiago de Arroyo de Araya kann bis etwa 1630 fertiggestellt werden. Der Kampf um das Weiße Gold der Karibik geht jedoch weiter. Die beständig durch karibische Gewässer streifenden Kaperfahrer und Schmuggler entdecken im Bereich der Kleinen Antillen alternative Salzquellen für Hollands prosperierende Fischerei: Die Isla La Tortuga etwa, Bonaire, St. Kitts oder Sint Maarten.

Doch ohne die Gründung einer eigenen Kolonie und die Errichtung gefestigter Strukturen im Nahbereich einer hochwertigen Salzpfanne bleibt die niederländische Salzfahrt in die Karibik nur schwer kalkulierbar. Für die Eigener der Westindien-Compagnie und ihr Leitungsgremium ist klar: Eine eigene niederländische Salzinsel muss her.

Sint Maarten: das karibische „Salzland“ der Niederländer

Was den Niederländer an Venezuelas Punta de Araya nicht glücken will, wird ihnen schließlich auf Sint Maarten gelingen: 1631 sichern sich die Niederländer mit dem Bau eines Forts die große Salzpfanne im Süden Sint Maartens an der Great Bay (Grote Baai). Ihr Kastell befindet sich auf einer kleinen Landzunge an der Westseite der Großen Bucht. Mit seiner Hilfe soll die direkte Einfahrt in die Bucht und nach einer schmalen Sandbank gesichert werden, welche die Salzpfanne von der Bai trennt.

Karten und Berichte aus jener Zeit erweisen, dass das Areal an der Südküste Sint Maartens bereits kurz nach dem Bau eines Forts intensiv genutzt wird. Bis zu einhundert Schiffe, überwiegend aus den Niederlanden, steuern den WIC-Stützpunkt dabei im Jahresgang an. Seinem karibischen Namen als „Salzland“ („Soualiga“) macht die Antilleninsel damit alle Ehre. Ganz zur Freude der WIC-Aktionäre und Hollands Heringsfischer.

Beinahe täglich rollen nun Holzfässer mit feinkörnigem Salz über schmale Bohlenwege auf den Strand und werden von dort über mehrere Ladestege in die auf Reede liegenden Schiffe verfrachtet. Im Bereich der Landbrücke und der Ladestege entstehen möglicherweise erste Gebäude außerhalb des Kastells; der Großteil der Wirtschafts- und Wohngebäude dürfte sich jedoch anfänglich allein im unmittelbaren Nahbereich des Forts befunden haben.

Afrikanische Sklaven in den Salzgärten Sint Maartens

Für die überaus beschwerliche Arbeit in den eingedeichten Salzgärten am Nordufer der riesigen Meerwassersaline nutzen die Niederländer unbarmherzig die Arbeitskraft afrikanischer Sklaven. Der Einstieg der Niederländer in das brutale Geschäft des atlantischen Sklavenhandels befindet sich Anfang der 1630er Jahre noch in seinen Anfängen. Sint Maartens unglückliche Salzbauern sind vermutlich aus Brasilien oder Westafrika auf die Antilleninsel verschleppt worden; ein kleiner Teil könnte auch indianischer Herkunft gewesen sein. 40-50 Sklaven dürften sich in dieser frühesten Phase niederländischer Besiedelung auf Sint Maarten befunden haben.

Für die Sklaven ist die Zwangsarbeit in der Saline äußerst hart: Beständig dringt Salzwasser in Augen und Haut. Bei starker Sonneneinstrahlung sind die Reflexionen des Salzes um ein Weiteres eine Tortur für das Augenlicht der Sklaven. 2010 werden die sterblichen Überreste von drei afrikanischen Sklaven im Bereich der Landbrücke im Osten des heutigen Philipsburgs entdeckt. Die sogenannten „Zoutsteeg Three“ stammen jedoch aus dem späten 17. Jahrhundert.

Das niederländische Fort auf Sint Maarten

Der hohe Wert der Salzpfanne für die niederländische Wirtschaft zeigt sich vor allem im Ausbau ihrer Küstenfortifikation. Im Verlauf von rund zwei Jahren wächst sich das zunächst nur aus Holz und Erdwällen bestehende Fort zum Zentrum eines kleinen niederländischen Stützpunktes aus. Geschützt wird die Befestigung schließlich von wuchtigen Ecktürmen, Dutzenden Kanonen und einer Garnison von bis zu 100 Soldaten. Die Niederländer sind gekommen, um zu bleiben: Im Bereich des Kastells entsteht so auch ein kleine „Kirche“, eine Art reformierter Andachtsort aus Backstein, sowie ein Siechenhaus für die Kranken der kleinen Antillenbasis.

Sint Maarten als Sprungbrett nach den Spanischen Antillen

Das gut befestigte Fort mitsamt seinem Lazarett verweist Anfang der 1630er auf die ambitionierten Ziele der Westindien-Compagnie und ihrer Eigner für Sint Maarten. Die Insel bietet nicht nur hochwertige Salzvorkommen, sondern liegt auch strategisch günstig im Nordbogen der Kleinen Antillen. Westlich von Sint Maarten beginnt die Inselwelt der Spanischen Antillen mit seinen kostbare Beute verheißenden Kolonialstädtchen und Hafenplätzen; von Puerto Rico, über Hispaniola und Kuba bis zum seinerzeit noch hispanisch-kontrolliertem Jamaica.

Von Sint Maarten ist es auch nicht weit nach den üblichen Fahrtrouten der spanischen Silberflotte, welche alljährlich zwischen Florida und den Bahamas nach Europa versegelt. Besondere Ambitionen richten sich niederländischerseits vor allem auf Puerto Rico: 1625 scheitert jedoch ein Versuch der WIC, San Juan auszuplündern.

Beutezüge gegen die spanische Silberflotte

Das niederländische Kaperunwesen gegen spanische und portugiesische Schiffe ist ohnedies eine der wichtigsten Einnahmequellen der Westindien-Compagnie. 1624 ist Hollands legendärer Seeheld Piet Hein im Auftrag der WIC erstmalig auf Beutezug in die Karibik aufgebrochen. Im September 1628 gelingt ihm schließlich die spektakuläre Eroberung der spanischen Silberflotte. Für weitere derartige Operationen könnte Sint Maarten künftig eine sichere Basis bieten.

Nach der Eroberung des brasilianischen Olindas durch die Söldnertruppen der Westindien-Compagnie wächst Sint Maarten noch ein weitere Funktion zu: So fungiert die Antilleninsel kurzzeitig auch als Kranken- und Versorgungsstation zwischen Niederländisch-Brasilien, den Besitzungen in Guayana und der niederländischen Kolonie an der Hudson-Mündung.

Die Spanier schlagen zurück: Angriff auf St. Kitts und Nevis 1629

Die kleine Schar niederländischer Kolonisten, Soldaten und Sklaven, insgesamt rund 140 Personen, sind Anfang der 1630er Jahre nicht die einzigen Bewohner Sint Maartens. Zwar dürfte die indianische Urbevölkerung der Karibikinsel bereits im frühen 16. Jahrhundert ausgestorben sein, doch der Norden der Insel zählt spätestens 1629 neue Einwohner.

Ihr Schicksal sollte den niederländischen Salzfahrern, Soldaten und Kolonisten auf Sint Maarten, die in den folgenden zwei Jahren auf die Antilleninsel gelangen, eine Warnung sein: Im Juni 1629 hat eine spanische Flotte die französischen und englischen Siedlungen auf St. Kitts und Nevis, einem eigentümlichen Kondominium beider Königreiche in der Ostkaribik, erobern können.

Die seit 1625 entstandenen Plantagenkolonien sind zwar mit Garnisonen versehen. Doch mithilfe eines Expeditionsheeres von 4.000 Mann gelingt den Spanier innerhalb von rund drei Wochen ohne größere Schwierigkeiten die vollständige Eroberung der beiden Tabak- und Baumwollinseln südöstlich von Sint Maarten. Einige Siedler können vor dem Furor der Spanier mit Schiffen nach Norden und Westen fliehen. Dabei gelangen sie unter anderem auch nach Sint Maarten. Bei Ankunft der Niederländer 1631 im Süden des Antilleneilandes leben vermutlich 14 französische Familien abgeschieden und von den Spaniern versteckt im Norden von Sint Maarten.

Gefahren für Spaniens amerikanische Kolonien

Was 1629 den Siedlungen auf St. Kitts und Nevis widerfuhr, droht alsbald auch der niederländischen Salzinsel Sint Maarten: ein wohlkalkulierter Schlag der Spanier. Mit Argwohn beobachten die Spanier das schleichende Vordringen ihrer nordwesteuropäischen Konkurrenten in die Peripherien Spanisch-Amerikas. Siedlungsversuche der vergangenen rund 30 Jahre in den Guianas und möglicherweise auch in den Islas Vírgenes, den Jungferninseln östlich von Puerto Rico, konnten spanischer- und portugiesischerseits meist abgewehrt werden.

Doch gerade die Siedlungsunternehmen im nördlichen Inselbogen der Antillen unweit der Anegada-Passage erweisen sich als besonders zäh. St. Kitts bildet hier gleichsam die Keimzelle der späteren französischen und englischen Zuckerimperien in der Karibik: 1626 wird die lokale Kariben-Bevölkerung von St. Kitts von französischen und englischen Kolonisten nahezu vollständig ausgelöscht. Der von allen Seiten mit großer Härte ausgefochtene Konflikt wird als „Massaker am Blood River“ in die karibische Geschichte des 17. Jahrhunderts eingehen.

Und die Mächte des Nordens expandieren weiter: Drei Jahre später sind französische Siedler bereits im Begriff, eine Tochtersiedlung auf dem benachbarten Sint Eustatius zu gründen. Und auch die Niederländer berdrohen mit ihrer 1628 gegründeten Kolonie „Nieuw Walcheren“ auf Tobago bereits die Schifffahrtsrouten der Iberer vor der Nordostküste Brasiliens.

Sint Maarten im Visier der Spanier

Mit der Ankunft der Niederländer auf Sint Maarten 1631 scheinen sich Spaniens ärgste Feinde, die Ketzer aus den abtrünnigen Provinzen der Niederlande, nun auch im Norden der Kleinen Antillen festzusetzen. Vor allem nach dem spektakulären Überfall Piet Heins auf die spanische Silberflotte vor Kuba sind die Spanier aufgeschreckt.

Geschicktes strategisches Kalkül und die exzellente Seemannschaft der Niederländer fordern das Spanische Imperium nun unmittelbar an der Quelle seines Wohlstandes und seiner Finanzkraft heraus. Die Spanier wissen: Ein beständig weiter ausgebauter Stützpunkt auf Sint Maarten könnte die Operationsmöglichkeiten niederländischer Kaperschiffe gegen die Silberflotte und den kolonialen Handelsverkehr in der Region drastisch erhöhen.

Nicht genug: Offenbar haben die Niederländer um 1631 bereits die Salzpfannen auf dem Sint Maarten benachbarten Anguilla für die Westindien-Compagnie in den Blick genommen. Kurz darauf könnte dort ein weiteres niederländisches Fort zur Sicherung der dortigen Salzvorkommen entstanden sein.

Den Spaniern droht die Kontrolle über die Ostkaribik zu entgleiten

Was die Verantwortlichen in Spanien und Puerto Rico um ein Weiteres beunruhigt: Just mit der Ankunft der Niederländer in dem Gebiet gründen englische Kolonisten eine erste Ansiedlung auf St. Croix. Spanien, das sich zu dieser Zeit praktisch mit allen westeuropäischen Seemächten im Krieg befindet, droht Anfang der 1630er Jahre an den Rändern seines amerikanischen Insel- und Kontinentalreiches endgültig die Kontrolle zu verlieren.

Der Erfolg gegen das englisch-französische Kondominium auf St. Kitts war offenbar nur von kurzer Dauer. Gelingt die Vertreibung der Kontrahenten nicht bald, droht das sensible Versorgungs- und Konvoisystem der Spanier in ihren amerikanischen Kolonien dauerhaft gestört zu werden.

Auch für das Kriegsgeschehen auf dem entfernten europäischen Kontinent haben die Ereignisse in der Karibik partielle Bedeutung: Je mehr Salz die Niederländer in Westindien ernten können, desto mehr prosperieren ihre Heringsexporte und damit auch ihre Finanzierungsmöglichkeiten im Kriegs- und Kapergeschäft gegen die Habsburger.

Eine Expeditionsflotte nach Sint Maarten

Nach längeren Beratungen und der Auswertung diverser Kundschafterberichte setzen die Spanier im Juni 1633 zu einem weiteren Schlag gegen ihre nordwesteuropäischen Herausforderer auf dem Kleinen Antillen an. Und die Zeit drängt: angeblich sind die Niederländer gewillt, in Kürze ihre Garnison von 100 auf 300 Mann zu erhöhen. Die karibische Salina ist für die Niederländer höchst wertvoll: Allein aus der Salzlagune an der Great Bay lassen sich jährlich Hunderte Schiffsladungen Salz herausholen.

Die Spanier handeln jetzt unverzüglich: Vom Mutterland aus wird eine beachtliche Expeditionsflotte nach Sint Maarten entsandt. Ihr unmissverständlicher Auftrag lautet, die Niederländer von der Insel zu vertreiben. Der ursprüngliche Befehl der spanischen Offiziere, sämtliche niederländische Kolonisten und Soldaten mit dem Schwert zu töten, wird bereits Wochen vor der Ausfahrt der Schiffe wieder gestrichen.

Dennoch ist für die Spanier die Sache klar: Die Karibische See und die Inselwelt der Antillen gehören, päpstlich verbrieft, zum Mare Clausum der Spanier in der Neuen Welt. Auch für die Kolonisten aus den Sieben Vereinigten Provinzen gilt in spanischer Perspektive: Sie haben sich widerrechtlich in ihrem Herrschaftsgebiet niedergelassen. St. Martín, wie die Antilleninsel von den Iberern seit jeher genannt wird, gehört der spanischen Krone. Die ketzerischen Holländer müssen verschwinden.

Angriff auf Sint Maarten im Juni 1633

Am 24. Juni 1633 taucht die Invasionsflotte mit ihren rund 50 Kriegs-, Versorgungs- und Handelsschiffen in der Großen Bucht von Sint Maarten auf. Mit an Bord: 1.300 Mann Landungstruppen. Zur Eroberung der Antilleninsel hat das Spanische Imperium erfahrene Kriegsveteranen entsandt, darunter, als Oberbefehlshaber des Unternehmens, Lope Díaz de Armendáriz, Marqués de Cadereyta (vor 1575 – nach 1639), späterhin Vizekönig von Neuspanien, sowie, als militärischem Führer des Landungsunternehmens, Admiral Lope de Hoces y Córdoba (ca. 1619-1639); der Spanier verfügt bereits über einige Kampferfahrung mit niederländischen Freibeutern vor der brasilianischen Küste.

Die Instruktionen der spanischen Kronen gewähren der Invasionsstreitmacht aus Spanien bis zu 14 Tage Zeit, die niederländische Garnison auf Sint Maarten zu erobern. Danach könne nurmehr ein kleinere spanische Belagerungseinheit auf der Antilleninsel ausharren. Gerade die zur Flotte gehörenden Versorgungs- und Handelssschiffe unterliegen engen Zeitplänen, liegen ihre eigentlichen Bestimmungshäfen doch in Puerto Rico, Panama und Venezuela.

Keine Verhandlungen

Vor Sint Maarten eingetroffen sieht die übermächtige spanische Expeditionsflotte für Verhandlungen keinerlei Veranlassung. Zwei an Land geschickte Emissäre fordern den amtierenden Commandeur des niederländischen Inselforts, Jan Claeszoon van Campen, bei einem gemeinsamen Gastmahl zur sofortigen Kapitulation auf. Die Niederländer lehnen erwartungsgemäß ab.

Doch die Spanier vertrauen ganz auf ihre erdrückende Überlegenheit zu Wasser und zu Lande. Dank ihrer Spione sind sie gut über die Verhältnisse auf Sint Maarten informiert. Das Fort der Niederländer mag inzwischen gut befestigt sein; seine Lage auf einer schmalen Landzunge hervorragend gewählt; doch die westindische Garnison zählt gerade einmal 100 Mann. Einer Belagerung dürften diese nicht allzu lange standhalten.

Die Spanier landen in Sint Maartens Great Bay

Nach den rasch gescheiterten Verhandlungen über eine kampflose Übergabe des Forts kommt es zunächst zu einem schweren Gefecht zwischen den Geschützen des Forts und der Schiffsartillerie des spanischen Eskaders. Doch es bringt vorerst keine Entscheidung. Am darauffolgenden Tag beginnen die Spanier mit einer Landungsoperation in der Bucht. Hierzu nutzen sie den östlichen Rand der Großen Bai, welcher zur Gänze außerhalb der Reichweite der niederländischen Kanonen liegt.

Dass die Spanier nun derart problemlos an die Salzpfanne und die Küste heranfahren können, ist einem ernsteren strategischem Fehler der Niederländer geschuldet: Die Niederländer haben es schlicht versäumt, im Bereich des östlichen Ufers der Bucht eine kleinere Geschützbatterie zu installieren. Damit können die Spanier Truppen und Feldgeschütze nun gefahrlos landen und durch den Dschungel nach der schwächeren Landseite des niederländischen Verteidigungswerks verbringen.

Gewaltmarsch durch den Dschungel Sint Maartens

Erst an Land beginnt nun die eigentliche Herausforderung für die spanischen Soldaten, denn der Gewaltmarsch durch die dichte Vegetation des Küstenwaldes fordert schnell seinen Tribut. Die enorm schweren Kanonen, nebstdem Munition und Ausrüstung für Hunderte Soldaten und schließlich das stundenlange Ausheben von Laufgräben bedeuten für die spanischen Einheiten erhebliche Strapazen.

Die hohe Luftfeuchte und die nur beschränkten Wasservorräte, sodann Überhitzung und völlige Erschöpfung werden insgesamt sechs Soldaten das Leben kosten. Zwei weitere kommen bei Auseinandersetzungen um Wasserbeutel zu Tode. Dutzende weitere Soldaten sind nach dem Gewaltmarsch durch das Gelände nicht mehr kampffähig.

Dennoch: In einem nahe gelegenen Hügelgebiet oberhalb der Landzunge, welche von der kleinen niederländischen Festung dominiert wird, können die Spanier wenige Tage später eine Geschützstellung errichten. Somit kann das niederländische Kastell nun auch von Land her unter Beschuss genommen werden.

Mehrere Tage lang belegen sich Spanier und Niederländer nun gegenseitig mit Kanonenfeuer und Mörsergeschossen. Zeitweilig suchen spanische Kundschafter das Gelände und mögliche Schwachstellen des niederländischen Forts aufzuklären. Konsequent werden die Einheiten dabei von den Niederländern unter Musketenfeuer genommen.

Kapitulation der niederländischen Salzinsel Sint Maarten

Die Entscheidung bringt schließlich das Vordringen von rund 40 spanischen Musketieren unmittelbar vor die Wälle des niederländischen Forts. Mithilfe von Laufgräben arbeiten sich die spanischen Soldaten dabei immer näher an das Kastell heran. Bei einem Feuergefecht in der Nacht zum 2. Juli 1633 wird schließlich der Kommandeur des Forts, Van Campen, schwer verwundet; sein Sergeant indes ist tödlich getroffen.

Offenbar, so berichet eine spanische Quelle, haben die Niederländer angenommen, die Spanier befänden sich nach einem blutigen Feuergefecht in der Nacht zwischenzeitlich wieder auf dem Rückzug in ihre Ausgangsstellung; tatsächlich lauern sie noch im Unterholz und können somit die militärischen Führer der niederländischen Garnison gezielt ausschalten.

Einen bevorstehenden Sturmangriff der Spanier warten die verunsicherten Niederländer in ihrem ohnedies bereits ernster beschädigten Fort nicht mehr ab. Stattdessen hisst die Garnison nun endlich die Weiße Fahne. Ein Tambour wird am nächsten Tag ausgesandt, um die Kapitulationsbedingungen der Spanier für die niederländische Kolonie auf Sint Maarten zuklären.

Am Morgen des 2. Juni 1633 ist die niederländische Herrschaft über das antillische „Salzland“ der Kalinago jäh beendet. 34 spanischen und niederländischen Soldaten haben die rund eine Woche dauernden Kämpfe auf Sint Maarten im Sommer 1633 das Leben gekostet. Die Spanier beginnen umgehend mit der Machtübernahme auf Sint Maarten.

Den niederländischen Kolonisten wird zwar freier Abzug gewährt und die Heimkehr über Spanien in die Niederlande zugesichert. Ihre Waffen müssen die Soldaten jedoch sämtlich im Fort belassen; ausgenommen Commandeur Van Campen, dem ehrenhalber noch seine Pistole gestattet ist. Pro Person darf zudem lediglich ein Tornister mit Wechselkleidung mitgeführt werden.

Nachdem der spanische Befehlshabende Cadereita das niederländische Fort an der Großen Bai offiziell in Besitz genommt hat, lassen die Spanier noch eine Heilige Messe lesen und beginnen dann zielstrebig mit der Reparatur des eroberten Forts. Die bis 1648 währende spanische Phase der Geschichte Sint Maartens hat begonnen.

Die Niederländer kommen wieder

─ Doch die Niederländer werden wieder kommen. Bereits 1644 startet der legendäre WIC-Kommandant Peter Stuyvesant (1611/12-1672) einen dramatischen, letztlich jedoch erfolglosen Eroberungsversuch gegen die spanischen Herren auf San Martín. 1648, nach dem Westfälischen Frieden werden die Spanier Sint Maarten und seine überaus kostspielige Garnison schließlich freiwillig aufgeben. Die Niederländer kehren hierauf in den Süden Sint Maartens zurück und teilen die Insel mit den Franzosen im Vertrag von Concordia. Bis heute sind die Niederländer im Südteil der Antilleneinsel geblieben.

Seit 2013 unterhält die niederländische Marine auch wieder ein kleines Detachment von Marineinfanteristen auf dem Karibikeiland. Die Marinierskazerne von Sint Maarten befindet sich heute just an der Point Blanche genannten Ostseite der Great Bay von Philipsburg. Dort wo im Juni 1633 spanische Landungstruppen an der ungesicherten Ostseite der Bucht entlangsegelten und bald darauf ihren mörderischen Gewaltmarsch durch den dichten Dschungel Sint Maartens begannen.

Der Niedergang der spanisch-iberischen Herrschaft im Atlantikraum

Für Feldkommandeur Lope de Hoces y Córdoba, welcher die spanischen Truppen seinerzeit durch den Urwald trieb, werden die Gefechte auf Sint Maarten im Sommer 1631 nicht die letzte Begegnung mit niederländischen Soldaten und Schiffen gewesen sein. 1635 ist der spanische Admiral an einer Offensive auf das niederländisch besetzte Pernambuco in Brasilien beteiligt.

Am 21. Oktober 1639 schließlich stirbt Lope de Hoces y Córdoba während der berühmten Seeschlacht bei den Downs (Zeeslag bij Duins) vor der englischen Kanalküste. Die Schlacht während eines gescheiterten Landemanövers der Spanier in Flandern markiert das Ende iberischer Seemacht im Norden des europäischen Kontinents.

Der kurze Triumph im Inselbogen der Kleinen Antillen im Sommer 1633 hat nichts am schleichenden Niedergang der spanisch-iberischen Herrschaft über weite Teile der Neuen Welt geändert. Unaufhaltsam steuern Niederländer, Engländer und Franzosen auf ihre neue Machtposition im Atlantikraum zu.

San Martín: Sint Maarten unter den Spaniern (1633-1648)

Literatur:

  • Johan Hartog, De forten, verdedigingswerken en geschutstellingen van Sint Maarten en Saint Martin: van Jan Claeszen tot Willem Rink, 1631-1803. Zaltbommel 1997.
  • Thomas G. Mathews, The Spanish Domination of Saint Martin (1633-1648). In: Caribbean Studies, Vol. 9, No. 1 (Apr., 1969), S. 3-23.