Lodewijk van Bylandt im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

Nordamerikas Kolonisten lieben niederländischen Tee. In den 1770er Jahren gelangt die fernöstliche Schmuggelware vor allem über das karibisches Handelsemporium Sint Eustatius nach Nordamerika. Die massenhafte Einfuhr des preisgünstigen Tees aus Asien ruiniert die Tee-Exporte der mit den Holländern in Fernost konkurrierenden East India Company (EIC). Deren vielfach unverkäufliche Ware verfault regelmäßig in den Magazinen der britischen Ostindienkompanie. Im Gefolge dieses nordamerikanisch-antillischen Schmuggelsystems steht die britische Monopolgesellschaft alsbald vor dem Untergang. Der Teelagerbestand der East India Company hat inzwischen einen Gesamtwert von rund 17 Mio. Britischen Pfund. Großbritannien will sein weit gespanntes merkantilistisches Handelssystem selbstredend verteidigen: Im Mai 1773 erlässt das britische Parlament den sogenannten „Tea Act“, der unter anderem die direkte Einfuhr britischen Tees aus Indien nach Nordamerika ermöglichen soll.

Doch statt den indischen Tee der EIC in Nordamerika wieder konkurrenzfähig zu machen und die EIC zu sanieren, befeuert das Gesetz die schon seit Jahren bestehenden Konflikte zwischen Regierung und Kolonisten; jene imperiale Debatten um koloniale Steuern und die politische Repräsentation der Siedler im Mutterland, die vor allem seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) die amerikanische Öffentlichkeit umtreiben. Der „Tea Act“ gilt ihr nur als ein weiterer Versuch, Steuern in den 13 Kolonien einzuführen. Im Bündnis mit der kontinentalen Oppositionsbewegung organisieren die Profiteure der westindischen Schmuggel- und Kontraökonomie rasch entschiedenen Widerstand gegen den „Tea Act“. Am 16. Dezember 1773 kommt es zur berühmten „Boston Tea Party“, einer öffentlichkeitswirksamen Protestaktion Bostoner Bürger, bei welcher rund 45 Tonnen britischen Tees kurzerhand über Bord geworfen werden. Nicht wenige der an der Aktion Beteiligten sind unmittelbar mit der Schattenwirtschaft der Teeschmuggler zwischen Westindien und Nordamerika verbandelt. Tagelang bedrohten sie Mannschaft und Kapitän der DARTMOUTH um zu verhindern, dass auch nur eine Kiste des britischen Tees im Hafen von Boston gelöscht wird. Der nächtliche Überfall auf die DARTMOUTH und das Zerstören ihrer Teeladung bildet eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg zur Amerikanischen Revolution, die rund anderthalb Jahre später den Kontinent erschüttern wird.

Das atlantische Schmugglerkartell

Das Netz der Schmuggler, der Kaufleute und Korrespondenten, die am Schleichhandel zwischen den nordamerikanischen Kolonien und der Karibik beständig mitverdienen, und die im Hafen von Boston 45 Tonnen indischen Tees im Meer versenken, ist über Jahrzehnte gewachsen. Eine wichtige Formierungsphase dieses intrakolonialen Gespinsts bildet die Zeit während und nach dem Siebenjährigen Krieg. Als die Amerikanische Revolution im sogenannten „Boston-Feldzug“ 1774/1775 schließlich in ihre militärische Eskalationsphase übergeht, erhält dieses engmaschige und gut vernetzte Schmugglerkartell schlagartig eine neue, geradezu kriegsentscheidende Funktion: statt billigem niederländischem Tee gilt es nun, Waffen und Schießpulver nach Nordamerika zu schmuggeln. Aus Sorge vor möglichen Aufständen und zum Schutze ihres merkantilistischem Wirtschaftssystem haben die Briten den Aufbau nordamerikanischer Waffenmanufakturen stets zu verhindern gewusst. Zudem mangelt es in den 13 Kolonien an Salpeter und schlicht auch am nötigen technischem Wissen zum Bau von Mörsern oder Kanonen.

Pulver und Waffen für den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg

Doch auf die Niederländer ist Verlass. Mithilfe ihrer Geschäftspartner in Nordamerika und auf den Westindischen Inseln organisieren sie ab 1774 einen schwunghaften Schmuggelhandel mit Musketen, Schwarzpulver und Tuchen zur Produktion von Uniformen für die neue kontinentale Armee. Anfänglich werden die benötigten Kriegsmaterialien direkt von niederländischen Seehäfen wie Amsterdam aus verschifft; doch die Briten reagieren schnell auf die schleichende Aufrüstung der Rebellen mithilfe niederländischer Pulvermühlen und Waffenhändler. Energischer diplomatischer Druck aus St. James zwingt die Generalstaaten bereits im Oktober 1774 zu einem ersten offiziellen Exportverbot für Kriegsgüter aller Art nach Nordamerika. Die offizielle Linie des niederländischen Erbstatthalters Willem V. (1748-1806) ist es, die Gunst des langjährigen Verbündeten Großbritannien unter keinen Umständen zu verlieren. Die einstmals mächtigen Generalstaaten fungieren nach dem Siebenjährigen Krieg zumindest noch als Juniorpartner der britischen Außenpolitik. Als neutraler Flaggenstaat bestehen zudem noch immer privilegierte Handelsverträge zwischen ihnen und dem Empire. Zugleich steht Erbstatthalter Willem, der mit einer preußischen Cousine des englischen Königs verheiratet ist, einer mächtigen innenpolitischen Opposition in den Niederlanden gegenüber. Diese sympathisiert ganz offen mit dem Freiheitskampf der Amerikaner. Zugleich hoffen diese oppositionellen Kreise auf ungeahnte Expansionsmöglichkeiten für Hollands darniederliegenden Transatlantikhandel: Nach einem Sieg der Rebellen gegen das britische Empire könnten die Niederlande rasch zur europäischen Drehscheibe eines dann unabhängigen nordamerikanischen Handels aufsteigen. So die Erwartung nicht weniger Vertreter der sogenannten „patriotischen “ Partei in den Vereinigten Provinzen. Durchaus eine verlockende Zukunftsprojektion für die merkantile Elite der alten Kaufmannsrepublik: ein privilegiertes transatlantisches Handelsbündnis zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinigten Provinzen.

Trotz des rasch eingeführten Embargos für Kriegsgüter wissen Hollands geschäftstüchtige Kaufherren im Schutze der neutralen „Driekleur“ der Generalstaaten dieses leicht zu umgehen. Militärische Güter werden fortan verstärkt über Westafrika und die Karibik in das Aufstandsgebiet geschmuggelt. Als zentrale Drehscheibe für den transatlantischen Waffenhandel dient wiederum das niederländische Inselemporium Sint Eustatius. Über den Hafen von Oranjestad, dem Hauptort des kleinen niederländischen Vulkaneilandes, wird die Konterbande schließlich bis an die nordamerikanische Küste weiter transportiert.

Kaperkrieg gegen den niederländischen Handel

Um dem Schmuggelhandel mit den aufständischen Kolonien Herr zu werden, greifen die Briten alsbald auf ein ganzes Arsenal von Maßnahmen und diplomatischen Winkelzügen zurück; hierzu zählen: massiver außenpolitischer Druck über ihren Gesandten in Den Haag; die Erweiterung der britischen Definition von Kriegskonterbande auf alle Arten von Schiffsbaumaterial; und schließlich die geballte maritime Feuerkraft der britischen Royal Navy und alsbald auch einer ganzen Armada britischer Kaperfahrer. Auf diese Weise hofft man, dem Schleichhandel mit den Aufständischen in Nordamerika in Kürze Einhalt gebieten zu können. Denn eines scheint den Briten sicher: Ohne Waffen dürfte die Amerikanische Revolution schnell in sich zusammenbrechen. Wer jetzt britischen Kaperfahrern oder Marinefahrtzeugen begegnet, darf auf einen besonderen Schutz der neutralen Flagge der Niederländer nicht wirklich rechnen. Rabiate Visitationen und Willkürakte auf See sind die Folge. Und vor britischen Prisengerichten ist mit unparteiischen Verfahren ohnedies kaum zu rechnen. Die Beschlagnahme von Feindesgut und Konterbande droht niederländischen Schiffen sogar vor ihrer eigenen Küste. Die Royal Navy ist unerbittlich. Bereits im Herbst 1774 wird ein amerikanischer Kauffahrer von der Royal Navy kurzerhand vor der Reede von Texel blockiert. Rund ein Jahr später wimmelt es in den Gewässern der Nordsee, des Kanals, der Karibik und entlang der nordamerikanischen Küste von britischen Kreuzern und Privateers.

Das Schmugglerparadies Sint Eustatius und sein Gouverneur

Deren fortgesetzter Kleinkrieg gegen neutrale Kauffahrer und amerikanische Schmuggler, ihre nervenaufreibenden Schiffsinspektionen und Verfolgungsfahrten zeigen bald Wirkung, vor allem in der Karibik: Im Januar 1777 meldet Sint Eustatius’ niederländischer Gouverneur Johannes De Graaff (1729-1813), die Gewässer um die kleine Antilleninsel seien angefüllt mit britischen Marineschiffen und Kaperbooten. Zuweilen bringen sie sogar in Schussweite von Fort Oranje neutrale Schiffe auf und schleppen sie in britische Seehäfen auf Antigua oder St. Kitts. Sint Eustatius stünde buchstäblich unter einer Blockade. Der statianische Handel gehe bald seinem Ruin entgegen, beklagt sich De Graaff bei den Verantwortlichen der niederländischen Westindien-Compagnie WIC. Den Briten indes müssen die Beschwerden De Graaffs wie Hohn erscheinen, gilt doch der statianische Gouverneur als eine der wichtigsten Figuren im westindischen Schmuggelgeschäft mit den Rebellen. In Europa fordert die britische Diplomatie längst seine Absetzung. Die Briten machen ihn nicht nur für seine Verstrickung in die nordamerikanisch-karibische Schmuggelwirtschaft verantwortlich: Im November 1776 soll ein amerikanisches Rebellenschiff, die BALTIMORE HERO, britische Kauffahrer attackiert haben ─ in unmittelbarer Reichweite zu Fort Oranje und mit Wissen des Gouverneurs; ferner wird dem umtriebigen Commandeur vorgeworfen, dass im selben Monat auf seinem ausdrücklichen Befehl hin einem Kriegsschiff der Rebellenmarine, der ANDREW DORIA, von Fort Oranje aus Salut gegeben worden sei. Pikanterweise fuhr die amerikanische Brigantine mit Geheimbefehl zum Waffenkauf in Sint Eustatius unter der neuen Flagge des Kontinentalkongresses, der sogenannten „Grand Union“.

Das angebliche Ehrensalut für die ANDREW DORIA kommt den zürnenden Briten einer völkerrechtlichen Anerkennung der Rebellenunion durch die Niederlande gleich. Die Affären um die BALTIMORE HERO und die ANDREW DORIA entfachen von der Karibik aus alsbald einen diplomatischen Orkan und ein monatelanges Tauziehen um das weitere Schicksal De Graaffs. Selbst der machtbewusste Inseloligarch kann sich dem massiven politischen Druck beiderseits des Atlantiks nicht entziehen. Zumal das geradezu boshafte Gerücht durch die Karibik eilt, De Graaff haben die Offiziere der ANDREW DORIA nach ihrer Ankunft in Oranjestad sogar zu einem Festmahl eingeladen. Eine der unmittelbarsten Folgen des diplomatischen Federkriegs zwischen St. James, Den Haag und den politisch Verantwortlichen auf Sint Eustatius, St. Kitts und Antigua: die Verhaftung des wohl wichtigsten Agenten der amerikanischen Rebellen auf „Statia“, Abraham van Bibber, im Sommer 1777. Van Bibbers Verhaftung wird durch den „Commander in Chief“ des westindischen Geschwaders der Royal Navy veranlasst, Vize-Admiral James Young von Antigua (1717-1789). Bezeichnend für die tatsächlichen Verhältnisse im Nordosten der Kleinen Antillen: Van Bibber kann nach kurzer Zeit aus Fort Oranje wieder „ausbrechen“. Ein Schelm, wer glaubt, dass Van Bibber hierbei nicht die wohlwollende Unterstützung der statianischen Kaufmannsclique um Gouverneur De Graaff besessen hat.

Feder- und Zeitungskrieg zwischen Großbritannien und den Niederlanden

Der unbarmherzige Wirtschafts- und Kaperkrieg der Briten gegen Amerikas „Patrioten“ und seine informellen Verbündeten in der niederländischen Handelsfahrt ist dennoch weitgehend erfolgreich. Namentlich das britische Kaperunwesen sorgt beiderseits des Atlantiks für starke wirtschaftliche Verluste bei Hollands Kaufherren. Prisen kommen wenn überhaupt erst nach langwierigen Gerichtsverfahren frei; und dies auch nur unter hohen Verlusten für die Eigener beschlagnahmter Schiffe und Ladungen. Zudem werden die Grenzen zwischen rechtlich zulässiger Beschlagnahme von Konterbande und mehr oder weniger unverhohlenen Akten der Piraterie britischerseits recht flexibel gehandhabt. Sehr zum Leidwesen vieler niederländischer Kaufleute und Reeder, die sich immer mehr der Willkür eines übermächtigen Gegners ausgesetzt sehen. ─ Propagandistisch jedoch, im Feder- und Zeitungskrieg der Jahre zwischen 1774 und 1780, sind die beständigen Blockaden und Schiffsvisitationen der Briten ein Fehlschlag. Die Briten mögen sich ganz im Recht fühlen und die rund einhundert Jahre alten Handelsverträge mit den Niederländern, die auch die Neutralität ihrer Flagge sichern sollen, für Westindien gar keine Geltung besitzen; dennoch gilt es für sie, die Generalstaaten mit ihrer bedeutenden Handelsflotte und ihrer besonderen Funktion im neutralen Handel in Kriegszeiten als engen Partner des Empires tunlichst ─ zu halten. Aber die Briten tun nur wenig, um der verwickelten Lage der Niederlande auf dem Kontinent und innerhalb des atlantischen Handelssystems Rechnung zu tragen.

Marinegeschwader zum Schutz des niederländischen Handels

Ein britisches Memorandum verkompliziert bereits im Februar 1777 das diplomatische Klima beider Länder und setzt vor allem die politische Führung der Sieben Provinzen unter Zugzwang. Unverhohlen droht die englische Denkschrift der niederländisch-statianischen Schmuggelökonomie harte Strafen durch Großbritannien an; als das Memorandum auch der niederländischen Öffentlichkeit bekannt wird, fühlen sich viele Niederländer vom harschen Ton des Schreibens brüskiert. Der innenpolitischen, oranjekritischen Reformopposition und der Westindien-Lobby der Fernhandelskaufleute und Manufakturisten treibt das machtbewusste Vorgehen der Briten schnell neue Sympathisanten zu; politische Akteure, welche die Niederlande weit eher im Bündnis mit Frankreich und den amerikanischen Rebellen sehen wollen, als am Rocksaum der britischen Weltmacht. Die Opposition reagiert nun ihrerseits mit Gegenmaßnahmen, gilt es doch nicht nur die Freiheit des neutralen niederländischen Handels zu verteidigen, sondern auch die Souveränität der Generalstaaten auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Keineswegs will man sich zum Vasallen des Empires degradieren lassen. Geleitschutz durch niederländische Marineschiffe soll dem rigorosen Vorgehen britischer Navyschiffe und Kaperfahrer verstärkt Einhalt geben, heißt es nun.

Der Zustand der niederländische Marine ist in diesen Tagen jedoch schlichtweg als desolat zu bezeichnen. Die Generalstaaten müssen reagieren und entscheiden im März 1777, zwei Dutzend neuer Linienschiffe bauen zu lassen. Die niederländische Kaufmannsschaft indes drängt weiter auf unmittelbaren Schutz ihrer Handelsschiffe vor den Zudringlichkeiten der Briten. Auf die Fertigstellung einer neuen Flotte von Kampfschiffen will und kann man nicht warten. Im September 1777 bitten ihre Vertreter die Generalstaaten formell um die sofortige Einrichtung eines niederländischen Konvoisystems für den Westindienhandel. Der Eingabe wird am 3. November 1777, rund ein Jahr nach der Affäre um die ANDREW DORIA, schließlich auch entsprochen. Die Niederlande rüsten im darauffolgenden Dezember das erste Marinegeschwader zur Beschirmung ihrer Westindienfahrer aus. Doch klar ist dabei auch: Schutz durch die Marine können nur solche Kauffahrteischiffe erwarten, die sich an das strikte Waffenembargo der Generalstaaten gegenüber den nordamerikanischen Rebellen halten. Der Plan zur Ausrüstung einer bewaffneten Handelsflotte für Hollands Westindienfahrt ist zwar ein klares Bekenntnis zu den beanspruchten Handelsrechten der Niederlande auf dem Atlantik und in der Karibik; zugleich ist man jedoch versucht, jegliche Provokation der Briten zu unterlassen.

Admiral Lodewijk Graaf van Bylandts Westindienfahrt 1777-1779

Das Kommando für die heikle Westindien-Mission wird dem erfahrenen Seeoffizier Lodewijk Graaf van Bylandt (1718-1793) übertragen, seines zeichens Konteradmiral (“Schout-bij-nacht”) der Marine der Generalstaaten (“Staatse Vloot”). Der im niederrheinischen Keeken als Sohn eines preußisch-klevischen Regierungsrates geborene Admiral verfügt über einige Erfahrung in der Karibischen See. Bereits als Seekadett weilt der Spross eines alten niederrheinischen Adelsgeschlechts erstmalig in Westindien; während des Siebenjährigen Krieges ist er Kapitän eines in Sint Eustatius stationierten Kriegsschiffes der Amsterdamer Admiralität. Für den Kampf gegen britische Freibeuter scheint van Bylandt indes besonders prädestiniert, nahm er doch gleich mehrmals an Strafexpeditionen gegen nordafrikanische Seeräuber entlang der berüchtigten “Barbareskenküste” teil. Erst kürzlich ist Schout-bij-nacht Bylandt von einer solchen Piratenjagd im Mittelmeer zurückgekehrt. Nun soll er sich also in weiteres Krisengebiet begeben: die verschlungene Inselwelt Westindiens.

Zur Beschirmung der niederländischen Frachter sind seinem Konvoi acht Kriegsschiffe zugewiesen. Allein vier der Schiffe, darunter van Bylandts Flaggschiff PRINSES ROYAL FREDERICA SOPHIA WILHELMINA, verfügen über jeweils 56 Kanonen und 330 Mann Besatzung. Insgesamt hat Admiral van Bylandt den Befehl über rund 2.000 Seeleute und Offiziere an Bord der acht Marinefahrzeuge. Ende Dezember 1777 bricht die Flotte unter van Bylandts Kommando nach Westindien auf, wo sie nach einer rund achtwöchigen Überfahrt am 28. Februar 1778 sicher anlangt. In der Karibik eingetroffen soll ein Teil des Geschwaders nun Britanniens westindische Kaperflotte im Zaum halten; ein anderer die nunmehr rasch in der Karibik zusammengestellten Schiffszüge sicher ins Mutterland begleiten. Die größeren Kampfschiffe werden jetzt zu längeren Patrouillenfahrten in Westindien eingesetzt; aufgeteilt zwischen den verschiedenen Stützpunkten und Besitzungen der Niederländer in der Region: Van Bylandt soll im Bereich der niederländischen Antilleninseln Sint Eustatius, Saba und Sint Maarten operieren; die Kapitäne van Hoey und van den Velden an Bord ihrer Kampfschiffe ROTTERDAM und JASON, der späteren HMS PROSELYTE, indes werden entlang der Küsten Guayanas zum Einsatz kommen. Auch hier bedrängen englische Kaperer regelmäßig die Handelsschifffahrt zwischen Suriname und Demerary, lauern britische Freibeuter in Flussmündungen und auf hoher See auf amerikanische und niederländische Schiffe.

Lodewijk van Bylandt und die ALPHEN-Katastrophe vor Curaçao

Zeitweilig operiert van Bylandt auch selbst mit seinem Flaggschiff vor der südamerikanischen Küste zwischen dem zentralen niederländischen Stützpunkt auf Curaçao und Suriname. Dabei entgeht der niederländische Admiral nur knapp einem Unglück: Im September 1778 liegt van Bylandts PRINSES ROYAL FREDERICA SOPHIA WILHELMINA im Hafen von Willemstad vor Anker. Ganz in der Nähe befindet sich die ALPHEN, ein weiteres niederländisches Kriegsschiff, dass als Ablösung in der Karibik eingetroffen ist. In den Morgenstunden des 15. September 1778 kommt es auf der Reede von Willemstad zu einer gewaltigen Explosion. Es ist die ALPHEN. Das niederländische Marinefahrzeug wird durch die Explosion vollständig zerstört. Mehr als 200 Besatzungsmitglieder kommen bei der Explosion ums Leben. Gerüchteweise wird die Katastrophe später dem absichtlichen Tun eines „wahnsinnigen“ Konstablers zugeschrieben, der mutmaßlich Zugang zur Pulverkammer der ALPHEN besessen hatte. Die enorme Wucht der Explosion beschädigt nicht nur eine Vielzahl benachbarter Schiffe, sondern auch Teile der Hafenfront von Willemstad. Van Bylandts PRINSES ROYAL FREDERICA SOPHIA WILHELMINA liegt ebenfalls ganz in der Nähe der ALPHEN und entgeht nur knapp einem schweren Unglück.

Kampf gegen die britischen Kaperfahrer um Sint Eustatius

Trotz dieser schweren Katastrophe gelingt es van Bylandts Geschwader zeitweilig tatsächlich, das Kaperunwesen der Briten einzudämmen. Zumindest in der näheren und weiteren Umgebung der niederländischen Häfen und Festungen auf den Antillen. Vor allem die handelspolitisch so bedeutende, aber nur schwer zu schützende Reede von Sint Eustatius wird dabei regelmäßig zum Schauplatz kleinerer Scharmützel seiner Schiffe mit englischen Freibeutern. Die haben es vor allem auf amerikanische Schiffe abgesehen. Zuweilen attackieren sie die Reede von Eustatia auch in der Dunkelheit karibischer Nächte. Im Gebiet um Sint Eustatius herrscht während van Bylandts rund einjährigem Aufenthalt in Westindien reger Schiffsverkehr. Allein im Hafen von Oranjestad zählt der niederländische Admiral zwischen Februar 1778 und März 1779 mehr als 3.000 Schiffe, die mit Hollands goldenem Emporium am Fuße des Quill einträgliche Geschäfte machen. Nicht wenige von ihnen sind amerikanische Schmuggler, die sich gern in den Schutz der niederländischen Kanonen begeben. Um die Souveränität des Handelsplatzes gegen die Zudringlichkeiten der Briten zu schützen, setzt van Bylandt nicht nur seine Bordgeschütze ein, sondern auch kleinere bewaffnete Schaluppen; Letztere machen auf der Reede von Sint Eustatius regelmäßig Jagd auf die englischen Kaperfahrer.

Johannes De Graaff: Herr über Sint Eustatius

Was van Bylandt während seines Aufenthaltes in Westindien weit mehr als die Attacken der Kaperer zu schaffen macht, ist die verbreitete Korruption auf den Niederländischen Antillen, namentlich auf Sint Eustatius. Dem Reich von „Statias“ Gouverneur Johannes De Graaff; und eben diesem gilt es seitens des Admirals, beständig auf die Finger zu schauen. De Graaff ist zwar reich und machtbewusst, doch der Ausbruch des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und seine rasche Ausbreitung in die Karibik bedroht nun ganz direkt seine Stellung. Nicht nur den Briten ist der zwielichtige Gouverneur von Eustatia verhasst: Während De Graaff dem Empire als Schutzpatron und Hauptprofiteur des amerikanischen Schleichhandels gilt, werfen ihn nicht wenige Statianen Amtsmissbrauch, Wahlbetrug und Wucher vor; De Graaff hat auf Sint Eustatius, Saba und Sint Maarten ein einträgliches System der Günstlings- und Vetternwirtschaft etabliert. Nicht unähnlich jener Korruption, die auch vielen städtischen Regenten im Mutterland bedeutende Nebeneinkünfte beschert.

Der nepotistische Statiane gilt als reichster Bewohner von Sint Eustatius. Inoffiziell gehören De Graaff mehr als 300 Sklaven sowie ein Viertel des gesamten insularen Grundbesitzes auf Sint Eustatius: darunter Plantagen, Zuckermühlen, Häuser und Grundstücke. Doch die Handelsblockade der Briten und der Kaperkrieg gegen die niederländische Handelsschifffahrt in der Region belasten die Wirtschaft Sint Eustatius’ immer mehr. Das sorgt für Unruhe. Auch in den eigenen Reihen. Zugleich bedroht De Graaffs eigennütziges merkantiles Treiben immer wieder die Spielräume der niederländischen Außenpolitik. Als Spinne im Netz des amerikanischen Waffenschmuggels ist er eine Gefahr. Nicht nur für Großbritanniens Position im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Mit der Ankunft eines niederländischen Admirals und einer ganzen Flotte in Sint Eustatius steigt der Druck auf De Graaff um ein Weiteres. Einige Wochen nach dem Einlaufen des niederländischen Eskaders im Hafen von Oranjestad muss sich der umtriebige Gouverneur dann auch endgültig wegen seiner Verwicklung in die Affären um die ANDREW DORIA und die BALTIMORE HERO in den Niederlanden verantworten.

Die internen Querelen der Inseloligarchie und ihre möglichen außen- und handelspolitischen Folgen gerade auch in Europa sind das Eine; Van Bylandt dürfte während seines Aufenthaltes in Westindien jedoch auch schnell klar geworden sein, wie sehr Korruption und Günstlingswirtschaft, die Verteidigungsfähigkeit der niederländischen Besitzungen unmittelbar selbst gefährden. Die meisten Forts und Küstenbatterien in Niederländisch-Westindien befinden sich in einem eher beklagenswerten Zustand, so auch auf Sint Eustatius; und das Kommando über Statias Inselmiliz, der lokalen Bürgerwehr, droht in einer gekauften Wahl zum Inselrat an den Meistbietenden gegangen zu sein. Im April 1778 kommt es bei dieser Wahl, die unter van Bylandts gestrenger Aufsicht stattfinden soll, zu Tumulten zwischen De Graaffs Machtzirkel und einem Vertrauensmann der niederlädischen Westindien-Compagnie auf Sint Eustatius.

Eskalation: Der Kriegseintritt Frankreichs und Spaniens

Noch ein Weiteres erschwert van Bylandts Mission in der Karibik: Kurz nach van Byandts Eintreffen in Sint Eustatius haben sich die Franzosen auf die Seite der nordamerikanischen Rebellen gestellt. Dies wird in den Folgemonaten zu einer erheblichen Verstärkung bewaffneter Auseinandersetzungen in der Karibik führen. Die Lage wird zunehmend unübersichtlicher. Großbritannien und Frankreich überziehen ihre Stützpunkte und Zuckerinseln gegenseitig mit Krieg. Erste Landeoperationen auf den Kleinen Antillen beginnen im Herbst 1778. 1779 treten auch die Spanier in den Konflikt mit dem Empire ein und entsenden eine gewaltige Armada sowie 10.000 Soldaten in die Gewässer der Karibik . Das Kaperunwesen und die Handelsblockaden der verschiedenen Konfliktparteien nehmen also noch weiter zu. Einerseits profitiert das Handelsvolumen des Schmugglerparadieses Sint Eustatius von dem damit verbundenen Bedürfnis nach neutralen Häfen und Frachtern; zugleich haben die Einwohner von Sint Eustatius aber durch den Krieg und die Blüte ihrer Geschäfte mit einer galoppierenden Inflation zu kämpfen, die viele Gewinne wieder aufzuzehren droht. Für die Briten indes erreicht der illegale Handel unter den wohlwollenden Augen der niederländischen WIC allmählich ein unerträgliches Maß. Allein die zeitintensive Nachrichtenübermittlung über den Atlantik und zwischen den kontinentaleuropäischen Gesandtschaften und Agenten verzögert immer wieder die finale Eskalation. De Graaffs monatelange Verzögerungstaktik, sich in den Niederlanden zu rechtfertigen, ist dabei ein schlagendes Beispiel.

Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg gerät nun also zum globalen Ringen um die Vorherrschaft auf See und den Niederlanden fällt es somit immer schwerer, sich als neutrale Macht im Atlantik- und Karibikraum zu halten. Das diplomatische Vexierspiel der Sieben Provinzen mit ihren britischen Verbündeten geht allmählich zu Ende. Die enge Verquickung der statianischen Inseloligarchie mit den Schmuggelkapitänen der Amerikaner tut dabei ihr Übriges. Dass De Graaff sich im März 1779 in den Niederlanden von allen Vorwürfen freisprechen kann, dürfte die Briten inzwischen nicht mehr erstaunen. Vor allem Amsterdams einflussmächtige Kaufmannsaristokratie, die auch innerhalb der WIC tonangebend ist, gilt ihnen längst als informeller Verbündeter der 13 aufständischen Kolonien in Nordamerika. ─ Aller Beschwichtigungsversuche Den Haags zum Trotz. Wie sehr sich die niederländisch-britischen Beziehungen inzwischen verschlechtert haben, wird sich für van Bylandts nach seiner Rückkehr aus Westindien erweisen.

Van Bylandts Gefecht mit Charles Fielding vor der Isle of Wight

Auch in Europa sehen sich die Vereinigten Provinzen einem enervierenden Kaperkrieg ausgesetzt. Regelmäßig kommt es entlang der Kanalküste zu zwangsweisen Inspektionen niederländischer Kauffahrer durch die Briten. Nach Frankreichs Kriegseintritt aufseiten der Rebellen haben es die Engländer vor allem auch auf Schiffshölzer, Tauwerk oder Teer für die französische Marine Royal abgesehen. Niederländische Frachter beliefern die Franzosen traditionell mit Schiffsbaumaterialien, die zumeist aus Skandinavien und dem Ostseeraum reexportiert werden. In einer restriktiven Auslegung älterer niederländisch-englischer Handelsverträge gelten diese Güter den Briten schon länger als Konterbande. Um die Handelsschifffahrt der Generalstaaten vor britischen Willkürakten, Visitationen und Kaperungen zu schützen, setzen die Niederländer neuerlich auf ein Konvoisystem. Im Dezember 1779 soll van Bylandt eine größere Handelsflotte von 17 Schiffen von Texel ins Mittelmeer militärisch sichern.

Am 31. Dezember trifft der niederländische Konvoi bei der Isle of Wight jedoch auf ein britisches Geschwader unter Commondore Charles Fielding (1738-1783). Wenig überraschend vermutet der Navy-Admiral Konterbande an Bord der niederländischen Kauffahrer und will eine Inspektion der Laderäume erzwingen. Van Bylandt hingegen möchte den Briten lediglich Einsicht in die Schiffspapiere der Kauffahrer gewähren. In der Nacht können sich mehrere Schiffe aus dem blockierten niederländischen Konvoi lösen und den Briten entkommen; die Stimmung der sich belauernden Schiffe ist zunehmend gereizter; als die Briten unter Commondore Fielding am darauffolgenden Morgen mit einer zwangsweisen Inspektion der verbliebenen Frachter beginnen wollen, eröffnet van Bylandt kurzerhand das Feuer auf die gleichwohl völlig überlegenen britischen Kräfte. Nach einem kurzen und ergebnislosen Scharmützel streicht er jedoch seine Flagge. Hilflos muss er nun mit ansehen, wie die Briten die verbliebenen niederländischen Schiffe inspizieren und nach der Auffindung von Hanfseilen gewaltsam nach Portsmouth verbringen, wo sie einem Prisengericht überantwortet werden.

Die Niederländer sind neuerlich gedemütigt. Nicht einmal vor ihrer eigenen Küste kann ihre desolate Marine den niederländischen Handel schützen. Vielmehr führt sie Ehren- und scheingefechte mit dem Feind. Dies passt nicht in das Selbstbild der einstigen Seemacht. In den Niederlanden löst der neuerliche Verlust von Handelsfahrern an die Briten und die besonderen Umstände ihrer Einbuße einen innenpolitischen Skandal aus; als Hauptschuldiger der Schmach gilt selbstredend van Bylandt, der überdies als Günstling des oranischen Herrscherhauses gilt; die zunehmend kriegserregte Öffentlichkeit wittert gar geheime Abmachungen zwischen dem Haus des Erbstatthalters und den Briten gegen Frankreich, die van Bylandts „ehrloses“ Verhalten auf See erklären soll. Geschickt nutzt die frankreichfreundliche Opposition das Gefecht vor der Isle of Wight in der Folge für weitere Angriffe auf das oranische Herrscherhaus.

Der Vierte niederländisch-englische Seekrieg bricht aus

Für van Bylandt wird dies nicht der letzte Tiefpunkt seiner Karriere sein. Zunächst reißt es die Niederländer jedoch endgültig in den Krieg mit Großbritannien: im April 1780 kündigen die Briten alle noch verbliebenen Handelsprivilegien gegenüber den Niederländer, was ihre Kauffahrer nun endgültig der ganzen Härte des britischen Kaperkrieges aussetzen wird. Die Niederländer suchen sich hierauf noch in ein Verteidigungsbündnis mit anderen neutralen Handelsmächten unter der Führung Russlands zu retten, doch im Dezember 1780 erfolgt schließlich die förmliche Kriegserklärung des Empires an die Niederlande. Der Vierte niederländisch-englische Seekrieg bricht aus. Wenige Wochen später erobern die Briten unter Admiral George Brydges Rodney (1718-1792) Sint Eustatius und zerstören endgültig die niederländische Kontraökonomie in Westindien. Ein Neffe van Bylandts, Frederik Sigismund van Bylandt, liegt am Morgen der Invasion von Sint Eustatius vor Oranjestad auf Reede und darf zu Ehren des völlig überrumpelten Fort Oranje und seines eigenen Schiffes noch eine Breitseite abgeben.

Doch die Holländer führen nicht nur Scheingefechte zur Ehren ihrer Flagge: Hollands wahrer karibischer Seeheld in jenen Tagen wird der Schout-bij-nacht Willem Krul, der kurz nach der Eroberung von Sint Eustatius vor Sombrero während eines kurzen, blutigen Gefechtes mit einem britischen Eskader stirbt. In den Niederlanden wird Krul zwar zum ersten nationalen Heros des Krieges verklärt, dennoch entwickelt sich die Auseinandersetzung mit dem Empire rasch in eine Katastrophe. Hollands veraltete Marine kann weder die Handelsfahrt vor den eigenen Küsten effektiv schützen, noch das Stützpunktsystem in West- und Ostindien. Neben Eustatia, Sint Maarten und Saba gehen unter anderem auch die Kolonien an der guyanischen Küste, Demerary, Essequebo und Berbice, rasch verloren. Lediglich Curaçao kann sich gegen alle britischen Angriffe halten. Im August 1781 kommt es in der Nordsee schließlich zum marinehistorischem Höhepunkt des Vierten niederländisch-englischen Seekrieges, der Schlacht auf der Doggerbank; einem schweren Gefecht zwischen 14 britischen und niederländischen Linienschiffen; Letztere als Konvoischutz für holländische Kauffahrer auf dem Weg in die Ostsee.

Die desolate Lage der niederländischen Marine im zweiten Kriegsjahr, 1782

Van Bylandt, im ersten Kriegsjahr zunächst noch zum Vize-Admiral befördert, erhält 1782 schließlich das Kommando über 10 niederländische Kriegsschiffe, die sich bei Brest mit der französischen Marine Royal vereinigen sollen. Zwar besteht trotz des Krieges mit Großbritannien kein formelles Bündnis zwischen den Generalstaaten und Frankreich; dennoch versuchen beide Länder entlang der Kanal- und Atlantikküste, ihre Seekriegsführung zu koordinieren. Mögliche Angriffsziele der zuvereinenden niederländisch-französischen Flotte: die englische Küste oder die reich beladene britische Westindien-Flotte unter Admiral George Brydges Rodney, deren Rückkunft bald erwartet wird. Die Lage scheint günstig, ist doch ein größeres Eskader der Briten zur Verteidigung Gibraltars nach Spanien versegelt.

Doch statt sich mit den Franzosen vor der Küste der Bretagne zu vereinigen, verweigern van Bylandt und seine Offiziere kurzerhand den Befehl: ihre Erklärung wirft ein schlagendes Licht auf den desolaten Zustand der niederländischen Marine und die tatsächliche Kriegslage: die niederländische Flotte befinde sich in einem derart beklagenswerten Zustand, dass eine Ausfahrt der Flotte angesichts der Wetterverhältnisse nicht vertretbar sei, so die Offiziere. Überdies mangelt es den Marineschiffen schlichtweg an Munition und Proviant, zudem an winterfester Kleidung für die Mannschaften. ─ Holland als europäische Drehscheibe für Schiffsbauholz und Tauwerk, Teer und Eisen: doch für ihre eigene Marine fehlt den Generalstaaten offenbar das Geld; über Jahrzehnte hinweg hat das partikularistische Provinzialsystem der Niederlande alle weiterreichenden marine-, handels- und fiskalpolitische Entscheidungen verzögert. In der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen befindet sich das Land seit Jahrzehnten in einem Niedergang, für welchen nicht wenige Bewohner der Sieben Provinzen das Haus Oranien-Nassau und den niederländischen Adel verantwortlich machen. Einer ihrer typischen Repräsentanten, so will es scheinen, der preußischversippte Admiral Lodewijk Graaf van Bylandt aus Kleve.

Der Günstling des Erbstatthalters: Untersuchungen gegen Lodewijk van Bylandt

In den Niederlanden führt die Weigerung der Offiziere unter van Bylandt zur Ausfahrt gen bretonischer Küste neuerlich zu einem schweren politischen Skandal. Die Erwartungen der antibritischen Opposition und die Realität der niederländischen Marine klaffen denkbar weit auseinander. Flotte und Statthalterschaft werden nun unverblümt „Englandhörigkeit“ und mangelnder Kampfeswille vorgeworfen. Diesmal muss sich van Bylandt sogar einer Untersuchungskommission der Generalstaaten, als der allgemeinen Ständeversammlung der Vereinigten Provinzen stellen. Die Karriere des erfolgreichen Piraten- und Kaperjägers ist zum zweiten Mal ernstlich angeschlagen.

Nun kommen dem altgedienten Admiral jedoch seine exzellenten Verbindungen innerhalb der Admiralitäten und der Provinzen zugute. Einflussreiche Freunde, bis hinauf zum Erbstatthalter schützen ihn. Über Jahre hinweg wird das Untersuchungsverfahren gegen den Günstling Willems V. nun verschleppt, insbesondere nach dem Ende des Krieges mit Großbritannien 1783, bis es schließlich 1787 stillschweigend eingestellt wird. ─ 1787: Es ist ein für die niederländische Geschichte durchaus dramatisches Jahr, das Jahr der sogenannten „Preußischen Intervention“, dass die Macht der Oranierpartei um Erbstatthalter Willem V. gegen die frankreichfreundliche Opposition nochmals zu sichern scheint. Mithilfe einer Invasion preußischer Truppen. Jetzt erklimmt van Bylandt sogar den höchsten Admiralsrang, den die niederländische Marine nach „General Admiral“ Willem V. höchstselbst zu bieten hat: van Bylandt wird nunmehr zum „Luitenant-admiraal“ der Flotte der Generalstaaten ernannt.

Als Lodewijk Graaf van Bylandt am 28. Dezember 1793 stirbt scheint die jahrhundertealte Machtstellung der Oranier noch immer ungebrochen. Doch das das revolutionäre Frankreich wird binnen eines Jahres bereits die Vereinigten Provinzen besetzen, den Erbstatthalter vertreiben und in den Niederlanden eine Vasallenrepublik errichten. Zu deren wichtigsten Parteigängern gehören jene Vertreter der Opposition, die bereits in den Jahren zuvor eng mit der amerikanischen Revolution sympathisierten.