Sint Eustatius: niederländische Kolonialgeschichte 1636-1682

Fast ein halbes Jahrhundert lang herrschen auf der niederländischen Karibikinsel Sint Eustatius feudale Patrone. Ihre Untertanen: Niederländische Siedler und deren afrikanische Sklaven. Risikofreudige Kolonisationsunternehmer haben hierfür Siedlungspatente von der niederländischen Westindien-Compagnie (WIC) erworben. Erst unter dem Ansturm der englischen und französischen Konkurrenz in den Kaperkriegen ab den 1660er Jahre wird das niederländische Belehnungssystem der Patronate zerbrechen.

1633: Nach dem Verlust ihres Karibikstützpunktes Sint Maarten benötigt die niederländische Westindien-Compagnie (WIC) rasch eine neue Versorgungsstation. Die spanische Besetzung Sint Maartens im Juni 1633 ist ein ernster Rückschlag für die Vereinigten Provinzen. Zumal die Antilleninsel über höchst einträgliche Salzpfannen einbrachte. ─ Doch nicht allein niederländische Kaper- und Handelsschiffe benötigen im Norden der Kleinen Antillen eine sichere Operationsbasis. Seitdem es Söldnerheeren der Compagnie 1630 erstmals gelungen ist, sich im Nordosten Brasiliens festzusetzen, überqueren regelmäßig auch Truppentransporter und Versorgungsschiffe den Atlantik. Beständig sind diese Transportschiffe mit siechenden oder verwundeten Soldaten überfüllt. Nach wochenlangen Überfahrten zwischen Europa und den brasilianischen Kriegsschauplätzen benötigen Mannschaft und Passagiere dringend frisches Trinkwasser und Proviant.

Für die WIC gilt es zudem, mit einem neuen Stützpunkt im Nordbogen der Kleinen Antillen die nordsüdliche Verbindungslinie mit der nordamerikanischen Siedlungskolonie der Niederländer am Hudson aufrechtzuerhalten. Denn auch die Kolonie Nieuw-Nederland spielt in den ehrgeizigen Expansionsplanungen der WIC eine wichtige Rolle: als Lieferant von Trockenfisch oder Getreide, als Bezugsquelle von Schiffsbedarf, allem voran Schiffsbauholz. Um das Imperium der Iberer in der Neuen Welt zu Fall zu bringen, gilt es die wichtigsten Versorgungswege des riesigen Seegebietes mit Proviantplätzen, Reparaturwerfen und Festungen abzusichern.

Die niederländische Westindien-Compagnie im Atlantikraum

„Groot Desseyn“, nennen die Niederländer ihre Generalstrategie für die atlantische Welt des 17. Jahrhunderts. Ihr Ziel: mithilfe eines Netzes aus Kaperstützpunkten, Faktoreien und Plantagenkolonien nichts weniger als die Herrschaft über den Atlantik zwischen Afrika und Westindien. Hierfür ist die Westindien-Compagnie seit ihrer Gründung 1621 mit rigiden Handelsmonopolen und weitreichenden Befugnissen ausgestattet worden. Die WIC dient gleichsam als militärisches und handelspolitisches Organisationsgehäuse der Niederlande im Atlantikraum. Von ihrer Amsterdamer Zentrale im West-Indisch Huis am Herenmarkt im heutigen Stadtteil Amsterdam-Centrum steuert die WIC ihre Angriffsstrategien für Westafrika und die Karibik. Namentlich das spanische Imperium soll im Herz seiner ökonomischen Macht getroffen werden: den Spanischen Antillen und den Festlandskolonien der Iberer rund um die Karibische See.

Mit der iberischen Doppelmonarchie befinden sich die Niederlande seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert in einem rücksichtlos geführten Abnutzungskrieg ─ einer Auseinandersetzung globalen Ausmaßes. In der ersten Hälfte des 17. jahrhunderts beginnt die spanische Supermacht allmählich zu straucheln. Für das spanische Imperium brennt es inzwischen an allen Ecken. Staatsbankrotte und endlose Söldnerkriege in ganz Europa haben die Kräfte des iberischen Imperiums völlig überdehnt. Die spanischen Angriffsoperation gegen französische, englische und eben niederländische Stützpunkte in der Karibik erscheinen dabei wie ein letztes Aufbäumen des hispanoamerikanischen Imperiums. Jede derartige Landungs- oder Vergeltungsoperation, wie 1633 gegen die niederländische Befestigung auf Sint Maarten, binden nur weitere spanische Kräfte in Westindien.

Doch auch für die niederländische Westindien-Compagnie erweist sich die spanische Invasion Sint Maartens als ein erster, nicht zu unterschätzender Rückschlag. Die ganze Instabilität des niederländischen Stützpunktsystems in der Karibik werden jedoch erst die niederländischen Seekriege mit England und Frankreich erweisen. Ab den 1660er Jahren offenbaren sie der WIC auf recht drastische Weise die Grenzen ihrer tatsächlichen Expansionsmöglichkeiten im Atlantikraum. Anfang der 1630er, mit den Anfangserfolgen der Westindien-Compagnie in Brasilien, wähnt man sich niederländischerseits noch ganz auf Erfolgskurs; der Verlust Sint Maartens erscheint dabei nurmehr als eines der vielen strategischen und monetären Probleme, mit welchem sich die WIC in der Karibik und im Atlantikraum konfrontiert sieht.

Neuausrichtung der Westindien-Strategie nach dem Verlust Sint Maartens

Mit dem Verlust ihrer einträglichen Baiensalz-Insel Sint Maarten verbleiben der niederländischen Handelskompanie zunächst nur wenige Optionen, um ihre rastlosen Pläne für ein atlantisches Handelsimperium abzusichern. ─ Die historisch nur schwer fassbare niederländische Präsenz im Bereich der Virginischen Inseln östlich von Puerto Rico trägt in dieser Phase offenbar nur Züge einer wilden oder zumindest unkoordinierten Kolonisation; eine Ansammlung instabiler oder nur periodisch genutzter Kaper- und Schmugglerstützpunkte. Bleiben noch die vergleichsweise gut zu verteidigenden Inselstützpunkte Tobago, Curaçao, Aruba und Bonaire sowie die kleinen Plantagenkolonien an der guyanischen Küste. In der Nähe der spanischen Festlandskolonien gelegen, verfügen diese zwar über einen gewissen militärischen Wert; namentlich Curaçao mit seinem exzellent geschützten Hafen. Dennoch liegen sie viel zu weit von den nordsüdlich verlaufenden Versorgungswegen des geplanten niederländisch-brasilianischen Zuckerimperiums entfernt.

Um die Verbindungslücke im Nordosten der Kleinen Antillen effektiv schließen zu können, benötigt die Westindien-Compagnie in dieser Region eine möglichst großflächige Siedlungskolonie auf tragfähiger wirtschaftlicher Grundlage. Nur so lassen sich kostspielige Festungsbauwerke, Garnisonen und Milizsysteme dauerhaft finanzieren. Sint Maartens Salzpfannen hätten diesen Wohlstand kontinuierlich liefern können; doch seit 1633 werden sie durch eine starke spanische Garnison bewacht. Das Gewirr der kleineren Jungferninseln zwischen Tortola, Jost van Dyke und Virgin Gorda ist kein adäquater Ersatz für Bataviens ehrgeizige Westindien-Compagnie; wenngleich die WIC die sogenannten „Maagdeneilande“ bis in die 1660er Jahre durchaus als sekundären Expansionsraum ihres westindischen Imperiums betrachten wird.

Kolonisationspläne für die Antilleninsel St. Croix

Geradezu ideal geeignet für die Errichtung eines verteidigungsstarken Versorgungspunkts am Rande des spanischen Machtbereichs erscheint dagegen die größte der Virgin Islands: St. Croix. Das 214 km² große Antilleneiland verfügt entlang seiner Südküste nicht nur über weite, landwirtschaftlich nutzbare Ebenen; sie liegt auch strategisch überaus günstig; gleichsam am westlichen Eingang in den Nordatlantik, auf halbem Wege zwischen den Kolonisationskernen um Sint Maarten, St. Kitts (St. Christopher) und der östlichen Peripherie der Spanischen Antillen. Die Insel gilt zudem als menschenleer und konnte bisher auch noch von keiner europäischen Macht dauerhaft kolonisiert werden. St. Croix’ inselkaribische Urbevölkerung, die Kalinago, ist vermutlich bereits seit dem 16. Jahrhundert vertrieben oder durch Epidemien ausgestorben.

Mit dem Auftauchen der Engländer und Franzosen im Nordosten der antillischen Inselkette während der 1620er Jahre ist die Insel verstärkt in das Blickfeld der neuen aufstrebenden Handelsmächte Westindiens getreten: 1631 und 1634 unternehmen nacheinander englische und französische Siedlergruppen erste Kolonisationsversuche auf der unbewohnten Antilleninsel St. Croix; diese werden jedoch durch spanische Strafexpeditionen rasch wieder zerstört; den letzten Kolonisationsversuch ihrer Konkurrenten aus dem Norden und Westen Europas beenden die Spaniarden 1634 während einer Versorgungsfahrt von Puerto Rico nach der neuen spanischen Garnison auf Sint Maarten; dabei werden auf St. Croix 10 Kolonisten und zwei Spanier getötet; weitere sechs Personen nehmen die Spanier als Geiseln. Noch vermag die spanische Großmacht, die Expansion ihrer Konkurrenz aus dem Nordwesten Europas immer wieder brutal zu beschränken. Zumindest an den Rändern des spanischen Machtbereiches.

Feudale Belehnungen: Das WIC-System der Patronate

Westindien mag ein gefahrvolles Kriegsgebiet sein, das ein Höchstmaß an Risikofreude erfordert; Rückschläge sind dabei stets einzukalkulieren; doch gilt es gleicherweise, an die Finanzen zu denken. Die WIC ist eine frühneuzeitliche Aktiengesellschaft; und der Kaperkrieg gegen die Spanier ebenso wie der Feldzug in Brasilien kosten jährlich beträchtliche Geldsummen. Seit Ende der 1620er Jahre setzt die niederländische Westindien-Compagnie daher bei der Etablierung von Kolonien und Stützpunkten verstärkt auf sogenannte Patronate (patroonschappen). Damit können nicht nur Kosten bei der Ansiedlung und Versorgung von Kolonisten gespart werden; mit ihren Belehnungen lässt sich für die WIC ebenso die gestrenge Monopolstruktur der Handelskompanie öffnen; für privatfianzierte Kolonisationsversuche gleichsam. Finanzkräftige Siedlungsunternehmer werden zu diesem Zweck meist unmittelbar aus dem Kreis der WIC-Aktionäre rekrutiert, stehen aber auch jenen offen, die über keinerlei Anteile der WIC verfügen. So lässt sich die angespannte Kapitalbasis der Gesellschaft noch einmal erweitern.

Seeländische Kolonisationsunternehmer: Die Gruppe um Jan Snouck

Vor diesem Hintergrund vergibt die Westindien-Compagnie 1636 sodann auch ein neues Siedlungspatent für die Antillen, das an ein seeländisches Kaufmannskonsortium geht. Der merkantile Zusammenschluss um den seeländischen Kaufmann Jan Snouck ist nicht nur finanzkräftig und westindienerfahren; er ist auch überaus risikofreudig und will zudem seine Kolonisationsanstrengungen unmittelbar auf St. Croix richten. Eine Absicht ganz im Sinne der Leitungsebene der WIC: Mit dem Siedlungsoktroi für St. Croix würde die letzte der größeren Antilleninseln im Norden der Bovenwindsen Eilande, der Inseln über dem Winde, unter niederländische Kontrolle gebracht. Die Gruppe um Jan Snouck genießt seitens der WIC höchstes Vertrauen: Einige der Teilhaber des Konsortiums stammen aus einflussreichen seeländischen Kaufmannsfamilien. Mitunter sind sie bereits in andere Patronate investiert; wie etwa der Vlissinger Abraham van Pere, der seit 1630 ein Kolonisationsprojekt am Berbice an der Küste Guyanas finanziert.

Tabakplantagen in der Karibik

Ungeachtet ihrer unkomplizierten Einfügung in die WIC-Strategien für das Gebiet südlich der Anegada-Passage verfolgen Snouck und seine Teilhaberschaft selbstredend auch ganz eigene Interessen. Ihr vordringlichstes Ziel ist es dabei, auf St. Croix im großen Stil Tabak anzubauen und möglichst bald nach den seeländischen Hafenstädte Vlissingen und Middelburg auszuführen. Vorbild der Seeländer sind die aufstrebenden Tabakpflanzerkolonien der Engländer in der östlichen Karibik, allem voran St. Kitts und Barbados. Der epochemachende barbadisch-karibische Zuckerboom der folgenden Jahrzehnte ist 1636 noch reichlich entfernt. Überdies ist man Mitte der 1630er Jahren noch optimistisch, mit den exzellenten Tabakqualitäten der Virginier in Nordamerika konkurrieren zu können. Ein Trugschluss. Auch Patron Snouck und seine Teilhaber glauben an das Potenzial des antillischen Tabaks, zumal sein Anbau relativ einfach vonstattengeht und wenig Kapitaleinsatz erfordert.

Die Pflichten der Inselpatrone

Trotz aller Risiken gilt der Erwerb eines Siedlungspatents in den 1630er Jahren für Investoren wie der Snouck-Gruppen durchaus als attraktiv: unter dem Schutz der aufstrebenden West-Indischen Compagnie erhält der Patron hierdurch Handelsvorrechte innerhalb des Monopolgebietes der WIC sowie Abgaben durch seine Kolonisten; im Gegenzug verpflichtet er sich zur Ansetzung und Versorgung von mindestens 60 Personen in seiner Kolonie. Gerade in der Anfangszeit ein beachtlicher Kostenfaktor für die Investoren. Selbst der Unterhalt eines reformierten Kirchenwesens mitsamt eines „Siechentrösters“, eines Krankenpflegers also, gehören zu den Pflichten des durch die WIC belehnten Patrons. Vor Ort wird der Patron durch einen Commandeur vertreten, der unmittelbar in der Kolonie residiert und über die Siedler der Pflanzung die Justiz- und Exekutivgewalt ausübt. Die Oktrois sind zeitlich begrenzt. Eine Verlängerung hängt nicht unwesentlich am wirtschaftlichen Gedeihen und am Bevölkerungswachstum der Siedlung.

Flämische und wallonische Kolonisten für Westindien

Rund 50 Kolonisten kann das Snouck-Konsortium bereits im April 1636 nach Westindien führen. Den tropischen Landbaupionieren ist eine mehrjährige Abgabenfreiheit auf künftige Plantagenerzeugnisse zugesichert. Bei den offenkundig risikobereiten Siedlern an Bord des Vorauskommandos handelt es sich überwiegend um Flamen und Wallonen. Als Grenzprovinz zu den südlichen, unter spanischer Herrschaft stehenden Niederlanden, ist Seeland für viele protestantische Flüchtlinge aus Flandern und Wallonien erster Anlaufpunkt auf ihrem Weg nach Norden. Von dieser oftmals völlig mittellosen Bevölkerungsgruppe profitieren auch Seelands westindische Siedlungsunternehmer immer wieder. Bereits während des sogenannten „Zwölfjährigen Bestands“ (1609-1621), einer längeren Waffenstillstandsphase während des niederländischen Unabhängigkeitskrieges gegen die iberischen Habsburger werden viele diese Verzweifelten nach der sogenannten „Wilden Küste“ geführt; als Siedler für hochgefährliche Kolonisationsunternehmungen im machtpolitischen Niemandsland der Europäer zwischen Orinoko und Amazonas. Flamen und Wallonen finden sich auch unter den ersten Siedlergruppen, die ab den 1620er Jahren in Nieuw-Nederland am Hudson River angesetzt werden.

Pieter van Corselles und das Vorauskommando von 1636

Das Vorauskommando des seeländischen Siedlungsunternehmens für St. Croix steht 1636 unter der Leitung eines gewissen Pieter van Corselles. Sein Familienname könnte auf eine reformierte Region in der Westschweiz, Kanton Waadt, verweisen, seine genaue Herkunft ist jedoch unklar. Als gesichert gilt dagegen, dass Van Corselles 1628 bereits eine seeländische Kolonie auf Tobago („Nieuw-Walcheren“) etablieren konnte. Mit Tobago wurde der seeländische Fernhandelskaufmann Cornelis Lampsins belehnt, der ab 1649 auch ein Patronat für den Südteil Sint Maartens erwerben wird.

Als Van Corselles im April 1636 nach einem kurzen Aufenthalt auf St. Kitts endlich vor St. Croix eintrifft, zerschlagen sich die Pläne seiner Auftraggeber jedoch umgehend: Vermutlich an der fruchtbareren Westküste der Insel stößt Van Corselles überraschend auf einen neuerlichen englischen Siedlungsversuch. Der Siedlergruppe aus den Niederlanden bliebe somit nur noch der niederschlagsarme, von Kakteen bestandene Osten von St. Croix als neue Heimstatt. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für die Gründung einer Kolonie unter der Oberhoheit der niederländischen Westindien-Compagnie, die an diesen neuen Außenposten hohe Erwartungen geknüpft hat. Schnelle Entscheidungen sind nun gefragt. Keine leichte Aufgabe für den massiv unter Erfolgsdruck stehenden Van Corselles.

Dieser hat ohnedies nur wenige Optionen, kann er doch mit seinem lediglich von einer Heringsschute begleiteten Handelsfahrer jederzeit Prisenjägern in die Hände fallen. Eine schnelle Landnahme und der Bau erster Verteidigungswerke sind in diesem, von Plünderungen, Kriegsgräuel und Strafexpeditionen geprägten Teil der Welt überlebenswichtig. Andersfalls dürfte es ein kurzes Westindien-Abenteuer für die Kolonisten aus den südlichen Niederlanden werden. Van Corselles und seine bescheidene „Siedlerflotte“ wenden sich jetzt nach Sint Eustatius.

Die Alternative: eine Kolonie auf Sint Eustatius

Sint Eustatius, bereits im 17. Jahrhundert auch unter dem Namen „Stacio“ verbrieft, ist niederländischen Seefahrern in der Region bereits seit Längerem bekannt: Spätestens während der niederländischen Kaperoffensive zwischen 1626 und 1629 dürfte die gleichfalls unbewohnte Antilleninsel stärker ins Blickfeld der Westindien-Compagnie geraten sein. Neben St. Croix nimmt sich das am Fuße eines erloschenen Vulkans liegende Eiland gleichwohl sehr bescheiden aus: Sint Eustatius ist gerade einmal 34 km² groß.

Doch für Van Corselles weist die kleine Antilleninsel durchaus einige Vorteile auf: Sint Eustatius ist nicht nur deutlich weiter vom spanisch kontrollierten Puerto Rico entfernt; es verfügt bereits über ein weitgehend intaktes Fort. 1629 hat ein französisches Kommando aus St. Kitts ein kleines Palisadenfort im Südwesten der Antilleninsel errichtet; seinerzeit dient den Franzosen Sint Eustatius als Ausweichbasis in der Auseinandersetzung mit einer spanischen Invasionsflotte, die es im Sommer 1629 auf das englisch-französische Kodominium St. Kitts abgesehen hat. Die spanische Angriffsflotte kann das benachbarte St. Kitts 1629 zwar weitgehend zerstören; aber, wie sich Van Corselles bereits kurze Zeit zuvor selbst überzeugen konnte, ist die englisch-französische Pflanzerkolonie in den vergangenen Jahren wieder neu aufgebaut und noch stärker befestigt worden.

Sint Eustatius, St. Kitts und Nevis

Die unmittelbare Nachbarschaft der Pflanzerkolonien auf St. Kitts und dem nur wenige Seemeilen entfernten Nevis, einer weiteren englischen Siedlerkolonie, dürfte für Van Corselles in seiner misslichen Lage den Ausschlag geben. St. Kitts und Nevis bieten nicht nur einen gewissen Schutz gegen mögliche spanische Attacken, zumal in der Aufbauphase der neuen Kolonie; sie offerieren den Seeländern von Anfang an auch gute Tauschmärkte. Die in der Region munter prosperierenden französischen und englischen Plantagenkolonien sorgen bei niederländischen Kauffahrern für immer bessere Absatzmärkte. Solange die merkantilistische Handelsrestriktionen der folgenden Jahrzehnte noch nicht greifen, lassen sich hier und auf nahe gelegenen Antilleninseln wie Antigua, Montserrat, Martinique und Guadeloupe Waren aus Europa und Nieuw-Nederland hervorragend absetzen.

Alle diese Inselkolonien haben einen wachsenden Bedarf an europäischen Manufakturwaren und Baumaterialien, der von ihren Mutterländer selbst kaum befriedigt werden kann. Überdies sorgen die Niederländer stets für einen schnellen Absatz der auf diesen Inseln erzeugten Plantagenprodukte. Statt monatelang auf den Verkauf der eigenen Ernte im fernen England oder Frankreich zu warten, bezahlen die Niederländer für die tropischen Erzeugnisse der Siedler direkt vor Ort. Die Kolonisten aus England, Irland, der Normandie und der Bretagne wissen dies seit Jahren zuschätzen. Die Region der Bovenwindsen Eilande hat großes Potenzial für den niederländischen Handel; und Sint Eustatius befindet sich beinahe im Zentrum dieses stetig wachsenden Wirtschaftsgebietes. Bereits als bewaffneter Handelsstützpunkt wäre Sint Eustatius für die WIC und ihre Siedlungsfinanziers also überaus erfolgsversprechend.

Tropischer Landbau auf Sint Eustatius

Für die flämisch-wallonische Siedlerschaft liegt das merkantile Potenzial der Insel 1636 jedoch noch in einer fernen Zukunft. 1636 will man zunächst an den partiellen Erfolg der neuen Nachbarn ringsum mit Tabak anknüpfen; die fruchtbaren Vulkanböden scheinen dafür vielversprechend; überdies gilt den Pioniersiedlern das eher trockene Klima der Insel für westindische Verhältnisse geradezu gesund, fernab der gefürchteten, feucht-fiebrigen Tropenschwüle Westindiens, wie sie ihre Landsleute aus Flandern und der Wallonie etwa aus Guyana kennen. Dies birgt jedoch auch einen Nachteil der Antilleninsel für eine Besiedlung: Sint Eustatius verfügt über keinerlei stehende oder fließende Gewässer. Trinkwasser muss deshalb in großen Zisternen gesammelt oder in Trockenzeiten vom benachbarten St. Kitts aus bezogen werden.

Dennoch, eine Entscheidung ist getroffen: Am 26. April 1636 nehmen Van Corselles und die Siedler aus Flandern und Wallonien das verlassene Antilleneiland Sint Eustatius in Besitz. Die bis heute fortbestehende niederländische Geschichte der kleinen Karibikinsel beginnt. Und mit der Etablierung auf Sint Eustatius auch gleichsam die Gründung von Hollands Mutterkolonie in den Bovenwindsen Eilanden. Denn von Sint Eustatius aus werden schließlich auch Saba und Sint Maarten kolonisiert beziehungsweise rekolonisiert. Drei Jahre nach dem Verlust von Sint Maarten ist in der nordöstlichen Karibik für die Niederländer ein neuer Anfang gemacht: Zu Ehren ihres Patrons und dessen Geschäftspartner in den fernen Niederlanden erhält die neue Kolonie den Namen „Nieuw-Zeeland“. ─ Der Name „Nieuw-Zeeland“ bleibt jedoch als regionalpatriotische Reminiszenz bloße Episode und kann den aus spanischer Zeit stammenden Inselnamen Sint Eustatius beziehungsweise San Eustaquio nie ersetzen.

Tabakanbau und Viehzucht auf Sint Eustatius

Die flämischen und wallonischen Pioniersiedler indes beginnen nun in rascher Folge, Felder und Weiden anzulegen. Allmählich werden hierfür das Buschland und die tropischen Waldungen zwischen Sint Eustatius’ markantem Vulkankegel, den „Quill“, und der Hügellandschaft der „Kleinen Berge“ gerodet. Neben Tabakpflanzungen, ihrem anfänglich wichtigsten Markterzeugnis, benötigen die Inselbewohner sogenannte „Kostplantagen“ zur Versorgung der Kolonisten und der Sint Eustatius anlaufenden Schiffsbesatzungen mit Getreide, Hülsenfrüchten und Wurzelgewächsen, wie etwa Jams. Obst- und Gemüsegärten erweitern den Speiseplan der Kolonisten und Matrosen alsbald ebenso, wie Schweine, Hühner und Kaninchen; schließlich kommen auch Schafe, Geißen und Milchvieh hinzu.

Die Entwicklung der Kolonie schreitet offenbar schnell voran. Bereits im Juli 1638 können Sint Eustatius’ Pflanzer ihre erste Tabakernte in Vlissingen, Seeland, verkaufen. Es gibt viel zu tun auf der kleinen Antilleninsel. Bald treffen weitere Siedler aus den Niederlanden ein. Sint Eustatius’ Bevölkerung wächst in der Folge kräftig; innerhalb von nur zehn Jahren steigt die Population auf mehrere Hundert Personen an.

Sint Eustatius’ und die niederländische Sklavenwirtschaft in der Karibik

Einen stetig steigenden Anteil der Einwohner von Sint Eustatius stellen vermutlich bereits in den 1640er Jahren ─ Sklaven. Ein deutliche Zunahme der Sklavenzahl auf Sint Eustatius erfolgt vor allem, als die Kolonisten vom Tabakanbau zum lukrativeren, wiewohl arbeitsintensiveren Zuckerrohranbau übergehen. Anfänglich, zur Zeit eines extensiveren Tabakanbaus, handelt es sich hierbei noch überwiegend um indianische Sklaven; zumeist versklavte Inselkariben, gefangen genommen während englischer oder französischer Kriegszüge gegen die Kariben. Viele der unglückseligen Indios stammen jedoch auch vom südamerikanischen Festland, wo sie durch Europäer oder Kariben geraubt werden. Bis weit in den Norden der Kleinen Antillen werden diese aus Gebieten zwischen dem Orinoko und dem Amazonas stammenden Indianer also verkauft.

An die Stelle der indianischen Sklaven treten mit dem wachsenden Zuckerboom in der Inselregion vermutlich ab der Zeit um 1650 zunehmend afrikanische Sklaven. Die niederländische Westindien-Compagnie hat bereits früh nach ihrer Gründung 1621 die enormen Gewinnmöglichkeiten des Sklavenhandels mit afrikanischen Stämmen einerseits und europäischen Pflanzern andererseits für sich und ihre Aktionäre erkannt. Eine Kontrolle der WIC über den atlantischen Sklavenhandel zwischen den Küsten Westafrikas und Angolas gilt früh als eines der Kernelemente des Groot Desseyns. Auf der westindischen Seite ihres aufstrebenden Atlantikimperiums soll eine eigens auf Curaçao errichtete Sklavenbörse der Westindien-Compagnie, das spanische Festland und die Antillen mit afrikanischen Sklaven versorgen. Unter dem Gesichtspunkt des Sklavenhandels wird bald auch Sint Eustatius für die WIC interessant werden.

1642: Neue Kolonisationspläne für St. Croix

Zunächst setzt die Westindien-Compagnie bei der Verwaltung ihrer Kolonien und Stützpunkte jedoch auf das feudale System der Inselpatrone. 1639 wird das erste Oktroi der seeländischen Investorengruppe um Jan Snouck verlängert; Sint Eustatius’ erster Inselpatron gehört nun jedoch nicht mehr zum Kreis der Teilhaber. Snouck investiert sein Kapital lieber in ein neues Kolonisationsprojekt: 1642 startet Sint Eustatius’ Gründerpatron einen weiteren Kolonisationsversuch auf St. Croix. Finanziell wird er dabei von einem gewissen Claes Corneliszoon Brouckaert unterstützt.

Die beiden Unternehmer verfügen über ein neues, von der WIC ausgegebenes Siedlungspatent für das Antillengebiet. St. Croix bleibt somit also auch weiterhin im Fokus der niederländischen Westindien-Compagnie. Für den neuerlichen Siedlungsversuch auf St. Croix können Snouck und Broukaert unter anderem französische Kolonisten aus St. Kitts anwerben; mutmaßlich Hugenotten oder ehemalige Vertragsknechte, sogenannte „Engagés“; nach Ablauf ihrer Vertragszeit auf dem dichter besiedelten „Saint-Christophe“ können Letztere dort kaum noch freies Land finden.

Anders als noch während Van Corselles’ Erkundungsfahrt entlang der Küste von St. Croix können sich die von Snouck und Brouckaert ausgesandten Siedler zunächst tatsächlich auf Sint-Kruis etablieren. Doch das Siedlungsunternehmen gerät bald zum Fiasko. Bereits 1645 verlieren die WIC und ihre Patrone wieder die Kontrolle über St. Croix ─ auch diesmal ist die englische Konkurrenz im Vorteil. Das ausgesprochen kapitalintensive Siedlungsunternehmen der seeländischen Kaufleute endet in einem blutigen Kleinkrieg englischer, französischer und niederländischer Kolonisten um die Vorherrschaft auf St. Croix. Gleichwohl: Die zunächst triumphierenden Engländer können lediglich bis 1650 die Kontrolle über St. Croix aufrechterhalten. Sie werden schließlich selbst durch neue französische Siedlergruppen vertrieben. Bis zum Verkauf der Insel an die Dänische Westindien-Compagnie 1733 herrschen auf der Insel de facto also die Franzosen.

Wettlauf um neue Tochterkolonien in der Karibik

Die mörderischen Konflikte auf St. Croix zwischen 1642 und 1645 sind symptomatisch für die zunehmenden Spannungen der drei Spanien-Herausforderer in Westindien, England, Frankreich und Holland. Auf mittlere Sicht wird es die westindische Monopolgesellschaft der Niederlande sein, die in diesem Ringen das Nachsehen haben wird. Zunehmende Handelsrestriktionen und ein immer rücksichtsloserer Wettlauf um neue Tochterkolonien und Einflusssphären in der Region erhöhen den Druck auf die WIC, ihre Patrone und Repräsentanten. Zunächst sucht die niederländische Westindien-Compagnie jedoch, die zunehmende Schwäche der Spanier in der Karibik für ihre Expansionsinteressen zu nutzen. Das Gebiet südlich der Anegada-Passage bleibt dabei im Zentrum ihrer Aktivitäten. Und somit auch die Niederländer zunächst noch kleinere Tochterkolonien etablieren.

Tochterkolonien in den Bovenwindsen Eilanden

Auf dem Sint Eustatius unmittelbar benachbarten Saba gründen Sint Eustatius’ Lehnsherren bereits vor dem Westfälischen Frieden 1648 eine kleine Tochtersiedlung. Im Süden von Sint Maarten herrscht seit 1649 schließlich, wie erwähnt, die einflussreiche seeländische Kaufmannsfamilie Lampsins; weitere kleinere Außenposten können sich bis in die 1660er Jahre auch im Bereich Tortola, St. Thomas und auf Anegada festigen. Damit kontrollieren die Niederländer tatsächlich für eine längere Periode eine der wichtigsten Seerouten zwischen dem Nordatlantik und der Karibik. Dennoch ist mit dem 1654 erfolgenden Rückzug der niederländischen Westindien-Compagnie aus Brasilien der Traum, größere zusammenhängende Gebiete auf den Antillen oder dem südamerikanischen Festland zu erobern, bereits weitgehend ausgeträumt. Die Expansion der Niederländer ist an ihre Grenzen gelangt.

Die Westindien-Compagnie in der Krise

Im Norden des Karibischen Gebiets wird es für die Westindien-Compagnie beinahe noch schlimmer kommen. ─ Nicht allein, dass die West-Indische Compagnie dank ihres desaströsen Brasilien-Abenteuers dem sicheren Fallissement, der Pleite, entgegengeht; in dem nun anhebenden Kriegsjahrzehnt zwischen 1664/1665 und 1674 verliert die finanziell allmählich ausgezerrte Compagnie immer wieder die Kontrolle über ihre westindischen Besitzungen im Norden der Karibischen See. Und nicht allein dort. Unter den Angriffen der Engländer und Franzosen wird schließlich auch das System der Patronate in Westindien zerbrechen.

Krieg in der Karibik 1664/1665: Sint Eustatius wird geplündert

Die Mutterkolonie der Bovenwindsen Eilande, Sint Eustatius, ist hiervon besonders hart betroffen: 1664 und 1665, während des Zweiten englisch-niederländischen Seekrieges attackieren englische Bukaniere und Navy-Einheiten die kleine niederländische Pflanzerkolonie. Die Plünderungen und Zerstörungen im Gefolge der Angriffe unter Robert Holmes und Thomas Morgan, einem Onkel des berüchtigten Piratenkapitäns Henry Morgan, erschüttern die zu diesem Zeitpunkt rund 1.200 Menschen umfassende Gemeinschaft nachhaltig.

Namentlich die Invasion von 1665 durch Jamaikas gefürchtete Bukaniere ruiniert die fragile Inselökonomie nahezu vollständig. Bei dem Angriff im Juli 1665 werden sämtliche Sklaven, etwa 840 Menschen, weggeführt und auf die umliegenden Inseln verkauft. Selbst Zuckermühlen und Destillerien werden durch die englischen Beutefahrer kurzerhand abgebaut. In Sint Eustatius’ Packhäusern erbeuten die Engländer allein 50.000 Pfund Baumwolle.

Sint Eustatius’ Kolonisten werden nach einem kurzen Intermezzo auf dem gleichfalls kriegsverheerten Sint Maarten zur Zwangsarbeit in die Zuckerplantagen von Barbados verbracht. Dort herrscht seit dem in den 1640er Jahren begonnenen Zuckerboom ein ständiger Bedarf an Arbeitskräften; neben afrikanischen Sklaven kommen dort auch Kriegsgefangene zum Einsatz. Auf Sint Eustatius dürfen lediglich 80 Europäer verbleiben. Davon stammen jedoch 60 Personen von den Britischen Inseln. Der anfangs noch homogene niederländisch-calvinistische Charakter der europäischen Siedlerschaft wird hierdurch offenbar dauerhaft verändert. Die im 18. Jahrhundert weitgehend abgeschlossene Anglisierung Sint Eustatius’, wo seither Englisch die Primärsprache der Inselbewohner ist, nimmt hier gewissermaßen bereits ihren ersten Anfang.

Baufällige Forts mit Rumpfbesatzung

Trotz Okkupationen und Verwüstungen bleibt die Insel jedoch auch nach dem Ende des Zweiten Seekrieges mit England unter niederländischer Hoheit. 1667 kann die Westindien-Compagnie das schwer verwüstete und entvölkerte Sint Eustatius vorrübergehend wieder in Besitz nehmen. Die Strategie der verbrannten Erde soll das Einflussgebiet des Gegners lediglich schwächen, zerstören; annektiert werden soll der verstreute Inselbesitz der Niederländer dabei keineswegs. Sint Eustatius verbleibt jedoch nur eine kurze Atempause.

Der 1672 ausbrechende Dritte Seekrieg mit England enthüllt dabei neuerlich die ganze Schwäche der Niederländer in der östlichen Karibik: Ihre baufälligen Forts erinnern zumeist eher an befestigte Polizeiposten, denn an eine wohlgerüstete westindische Garnison. So können die wenigen etwa in Fort Oranje auf Sint Eustatius stationierten Soldaten bestenfalls die exekutive Ordnung auf der Insel aufrechterhalten. Eine Invasionsflotte vermögen diese schlecht besoldeten Einheiten indes niemals abzuwehren. Bereits Hollands legendärer Seeheld Michiel de Ruyter hatte den desolaten Zustand der Festung über der Oranjebaai bemängelt, als er 1665, kurz vor dem Eintreffen der jamaikanischen Bukaniere, in Sint Eustatius vor Anker ging. Auch nach dem Desaster mit Jamaikas Bukanieren und der Royal Navy nimmt sich Sint Eustatius’ Fortbesatzung recht bescheiden aus. Eine Verbindung mit den Niederlanden besteht nur unregelmäßig.

1672: Fort Oranje streicht erneut die Flagge

1672 befinden sich nur noch 80 niederländische Kolonisten und etwas mehr als 200 Sklaven auf der Insel. Zusätzlich wohl auch eine unbekannte Anzahl englischer Siedler, nebst deren Sklaven sowie Flüchtlinge aus Tobago. Unter ihnen vermutlich auch Franzosen und andere Siedlernationalitäten. Dies hat durchaus Konsequenzen, wie der Verlauf jener dritten englischen Invasion 1672 erweist: Nun sind es die Kolonisten gar selbst, welche eine immer noch klägliche Rumpfbesatzung in Fort Oranje zwingen, sich den Engländern zu ergeben.

Als wenige Monate später eine Flotte aus den Niederlanden die Insel kurzzeitig wieder zurückerobern kann, werden die hierfür verantwortlichen Kolonisten streng examiniert ─ und schließlich sogar enteignet. Für wechselnde Loyalitäten zeigt man seitens der WIC keinerlei Verständnis; zumindest vordergründig. Dabei sind erzwungene Fluchtbewegungen, Plünderungen und damit einhergehend häufige Flaggenwechsel keine Seltenheit in der antillischen Inselwelt des 17. Jahrhunderts. Besonders die schwer angeschlagene WIC ist während der Kriegsjahre zwischen 1664 und 1674 kaum noch in der Lage, dauerhafte Verbindungen zwischen dem Patria und ihrem völlig überdehnten Stützpunktsystem aufrecht zuhalten. An den Unterhalt effizienter, compagnieeigener Verwaltungsapparate oder schlagkräftiger Garnisonen ist in dieser Phase ihrer Geschichte kaum noch zu denken. Auch das System der Patrone kann diese substanziellen Schwierigkeiten nicht mehr kompensieren.

Sint Eustatius wird aufgegeben

Die nunmehr vergleichsweise heterogene Bevölkerung macht ein Regieren auf Sint Eustatius oder Saba zunehmend schwerer. Zumal in Kriegszeiten. Auf Saba besteht bereits rund die Hälfte der Kolonisten aus Engländern, Iren und Schotten. Die unbeständigen Verhältnisse auf den Antillen gerade in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts schmälern den Wert der kleinen Plantageninseln und Stützpunkte für die Niederländer nachhaltig. Dies gilt für die Compagnie ebenso, wie für die in den Niederlanden weilenden Patrone. ─ Bezeichnend für die Lage der Dinge in Westindien während der Seekriege mit England und Frankreich: als die niederländische Invasionsstreitmacht 1673 von Sint Eustatius wieder absegelt, fackelt sie Fort Oranje und die Packhäuser entlang der Reede von Oranjestad kurzerhand ab. Offenbar erwartet man nicht, dass Sint Eustatius noch eine größere Rolle für die WIC beziehungsweisen ihrem Patron spielen wird. Doch es soll ganz anders kommen.

Denn obgleich das neuerlich verheerte Antilleneiland zwischen 1673 und 1682 wiederum englisch besetzt ist, verbleibt Sint Eustatius nach dem niederländisch-englischen Friedensschluss von Westminster 1674 formalrechtlich auch weiterhin bei den Vereinigten Provinzen ─ und damit mittelbar auch bei Sint Eustatius’ letztem Patron. Dabei versteht es sich von selbst, dass die formellen Ansprüche der verbliebenen Patronatsfamilien und ihrer Erben auf Statia und auch Saba schon 1664 ihren wirtschaftlichen Wert weitgehend verloren haben.

In dieser Situation handelt die WIC nun kurz entschlossen: Bereits 1679 erwirbt sie einen 50-prozentigen Anteil an den Parten der beiden verbliebenen Patronsfamilien von Sint Eustatius, den Van Rhees und Van Peres. Bis 1682 wird die Westindien-Compagnie schließlich sämtliche Lehnsrechte für Sint Eustatius und Saba zurückgekauft haben. Da im Gefolge des Dritten Seekrieges mit England das Patronat über Sint Maarten ebenfalls wieder an die Compagnie gefallen ist, verwaltet die Handelsgesellschaft jetzt alle ihr noch verbliebenen Inseln im Bereich der Bovenwindsen Eilande einfach selbst.

Die Westindien-Compagnie auf dem Rückzug

Die Niederlande befinden sich im Antillenraum nun allenthalben auf dem Rückzug: die nordamerikanischen Siedlungen Nieuw-Nederland gehen 1674 endgültig an die Engländer verloren; Tobago fällt 1678 im Frieden von Nimwegen an Frankreich. Die niederländischen Ansprüche auf die Virginischen Inseln werden nach dem Dritten englisch-niederländischen Seekrieg ebenfalls aufgeben. Für dieses Territorium hatte der statianische Inselcommandeur Abraham Adriaensen ein Siedlungspatent der WIC erwerben können.

Militärisch können die Niederländer den aufstrebenden neuen Atlantikmächten England und Frankreich kaum noch etwas entgegensetzen. Die ehrgeizigen Eroberungspläne der vorangegangenen Jahrzehnte haben die WIC völlig ruiniert. 1674 musste die rettungslos überschuldete Handelskompanie in eine neue Aktiengesellschaft überführt werden, die sogenannte „Zweite Westindien-Compagnie“, die bis 1791 bestehen wird. Die merkantilistische Konkurrenz aus Frankreich und England expandiert dagegen immer weiter: 1655 haben die Engländer Jamaika in Besitz genommen, 1665 beginnen die Franzosen, nun unter königlicher Ägide, mit der systematischen Kolonisierung ihrer Einflusszonen auf Hispaniola (Saint Domingue). Beide Inseln werden sich in den folgenden Jahrzehnten zu brutalen und beinahe konkurrenzlos starken Zuckerimperien in der Karibik entwickeln.

Spekulation auf den karibischen Sklavenhandel

Auch vor diesem Hintergrund vollzieht die niederländische Westindien-Compagnie in den 1670er Jahren einen weiterreichenden Strategiewechsel für ihr angeschlagenes Geschäft in den Amerikas. Statt auf bloße Plantagenkolonien will man sich nun noch gezielter auf die Etablierung von Handelsemporien und Stapelplätzen fokussieren. Dies spricht in den 1670er auch am ehesten der realen Expansionsmöglichkeiten der Niederländer in der Karibik. Durch den Erfolg ihrer Sklavenbörse auf Curaçao ermutigt, beabsichtigt man nun auch in Norden ein größeres Sklavendepot zu errichten. Sint Eustatius, dessen Landfläche ohnedies nur in geringen Umfang Plantagen ermöglicht, erscheint der WIC hierfür am besten geeignet.

Von Sint Eustatius könnte ein florierender Sklavenhandel der WIC mit den umliegenden französischen, englischen und spanischen Kolonien alsbald für ungeahnte Gewinne sorgen. Zu diesem Zweck beginnt die WIC auf Sint Eustatius mit der Anlage von compagnieeigenen Kostplantagen zur Versorgung der Sklaven auf Sint Eustatius. Schon im Januar 1682 werden für diese Plantagen Sklaven aus Curaçao angefordert. Die Grundlagen für Sint Eustatius’ Aufstieg zum wichtigsten Stapelplatz, Sklavendepot und Freihafen der Karibik sind hiermit gemacht. Die Zeit der Siedlungspatente für Glaubens- und Kriegsflüchtlinge aus den südlichen Niederlanden sind zu Ende.

 

Literatur

  • Alfredo E. Figueredo, The early European Colonization of St. Croix (1621-1642). In: Journal of the Virgin Islands Archaeological Society. No. 6 (1978), S. 59-64.
  • Johan Hartog: De Bovenwindse Eilanden. Sint Maarten. Saba. Sint Eustatius. Eens gouden rots. Nu zilveren dollars. Aruba 1964.
  • Henk den Heijer, Geschiedenis van de WIC. Opkomst, bloei en ondergang. Zutphen 2013.