Sklavereigeschichte: Die Afrikaner vom Point Comfort, Virginia, 1619

Sklaven auf einer virginischen Tabakfarm: Auf das 18. Jahrhundert referenzierendes Tabaketikett aus der Antebellum-Ära (1859). Quelle: Granger Historical Picture Archive / Alamy Stock Foto

Im August 1619 kommt es im Mündungsgebiet des James River im heutigen US-Bundesstaat Virginia zum ersten dokumentierten Handel mit afrikanischen Sklaven auf nordamerikanischen Boden. Die Umstände und Hintergründe dieses berüchtigten Tauschgeschäfts an der virginischen Küste sind vergleichsweise gut erforscht. Die bis zu 30 Männer und Frauen, die am Point Comfort, Hampton, im Sommer 1619 angelandet werden, stammen ursprünglich aus dem heutigen Angola und haben eine lebensgefährliche Odyssee hinter sich. Vermutlich während des portugiesischen Feldzuges gegen das östliche Königreich Ndongo zwischen 1618 und 1619 werden sie aus dem Inneren Nordangolas als Kriegsgefangene oder Kriegsbeute an die Küste verschleppt. Die Gruppe besteht mutmaßlich aus regional und möglicherweise auch verwandtschaftlich enger verbundenen Ambundu.

Das portugiesische Sklavenschiff SAN JUAN BAUTISTA

Über das portugiesische Sklavendepot Luanda werden die Ambundu schließlich auf ein portugiesisches Handelsschiff mit dem Namen SAN JUAN BAUTISTA bzw. SÃO JOÃO BAUTISTA verkauft. Rund 350 Sklaven befinden sich an Bord des völlig überladenen Frachtschiffes, als die Reise über den Atlantik beginnt. Eigentlich ist der SAN JUAN BAUTISTA durch die Kolonialbehörden in Sevilla lediglich eine Passage mit 200 Sklaven gestattet. Doch das Überangebot an versklavten Menschen infolge der portugiesischen Kampagne im Osten treibt die Profitgier des Kapitäns und seines Supercargos offenbar nur noch weiter an.

Von Angola in die Karibik

Ziel der SAN JUAN BAUTISTA ist der neuspanische Hafenplatz Veracruz, wo die Afrikaner vermutlich als Haus- und Bergwerkssklaven in das Innere Mexikos weiterverkauft werden sollen. Doch bereits während eines Zwischenstopps auf Jamaika muss die SAN JUAN BAUTISTA einen Teil ihrer menschlichen Ladung abgeben: 24 afrikanische Kinder werden gegen dringend benötigte Verpflegung, insbesondere Frischwasser, in der seinerzeit noch spanischen Kolonie getauscht. Auf dieser letzten, westindischen Etappe ihrer Reise sind die Vorräte der SAN JUAN BAUTISTA offenbar weitgehend aufgebraucht und die Sklaven an Bord des Schiffes von Krankheit und Siechtum gezeichnet. Als der Sklaventransporter schließlich zwischen Juli und August 1619 im Golf von Mexiko eintrifft, sind lediglich noch rund 200 Afrikaner am Leben. — Die Todesrate unter den Sklaven ist damit auch für das frühe 17. Jahrhundert ungewöhnlich hoch, aber zugleich, so ist anzunehmen, bewusst einkalkuliert worden.

Englische Freibeuter kapern das Sklavenschiff

Mutmaßlich in der Bucht von Campeche lauern indessen englische Freibeuter auf das iberische Sklavenschiff: die WHITE LION, die TREASURER sowie eine namenlose, wendige Pinasse für schnelle Angriffsoperationen gegen Frachtschiffe und Küstensegler. Zwar herrscht zwischen England und der vereinten spanisch-portugiesischen Krone seit 1604 offiziell Frieden, doch nutzen zahlreiche englische Privateers die karibischen und amerikanischen Gewässer beständig zur Jagd auf iberische Schiffe. Die schwerfällige und für Gefechte auf See unzureichend gerüstete SAN JUAN BAUTISTA ist für die Kaperpinasse der Engländer leichte Beute. Namentlich die TREASURER ist ohnehin mit der Kaperung von Sklaventransportern bereits gut vertraut.

60 afrikanische Sklaven

Das portugiesische Sklavenschiff aus Angola stellt die karibik- und atlantikerfahrenen Kaperkapitäne in der Folge jedoch auch vor logistische Herausforderungen. Auf die Versorgung einer größeren Zahl von Sklaven abseits sicherer Proviantierungspunkte — ein fester englischer Stützpunkt entsteht in der Karibik erst ab 1623 auf St. Kitts – sind die englischen Freibeuter vermutlich nur unzureichend vorbereitet. Somit nehmen die Schiffsführer auch lediglich rund 60 der etwa 200 überlebenden Afrikaner an Bord ihrer Kapersegler. Bleibt den zynischen Privateers in der Bucht von Campeche nun lediglich ein gleichsam kaufmännisches Problem: Wer soll ihre Sklaven kaufen?

Handelskorsaren, Plünderer, Piraten

Beide Schiffe sind als typische westindische Handelskorsaren zu betrachten: Sie handeln atlantikweit mit Kapergut meist spanischer Provenienz. Iberische Prisen können zumeist ohne große Schwierigkeiten an spanische Kolonisten oder niederländische Schmuggler weiterverkauft werden. Letztere sind wiederum selbst regelmäßig als Schleichhändler und Kaperkaufleute vor den Küsten Hispanoamerikas aktiv. — Doch klandestine Geschäfte dieser Art sind seit dem anglo-spanischen Friedensschluss von 1604 selbst im fernen England nicht ohne Risiko für die Epigonen der legendären elisabethanischen „Sea Dogs“. Spanische Diplomatenkreise vermögen selbst im fernen London englischen Freibeutern nach dem Leben zu trachten. So ist nur rund 10 Monate vor der Kaperung der SAN JUAN BAUTISTA der legendäre englische Eldorado-Abenteurer Walter Raleigh wegen Plünderungen spanischer Siedlungen im heutigen Venezuela in London geköpft worden — auf Betreiben des spanischen Botschafters.

Marke- und Kaperbriefe für die Karibik

Um sich in der rechtlichen Grauzone, in welcher sich die beiden Schiffe bewegen, dennoch halbwegs abzusichern, führen ihre Kapitäne Marke- und Kaperbriefe fremder Seemächte mit sich. Die unter niederländischer Flagge fahrende WHITE LION verfügt über ein entsprechendes Dokument des Statthalters von Seeland; die TREASURER über einen Kaperbrief des Herzogs von Savoyen. Nach geltendem Rechtsverständnis dürfen die Korsaren ihr Raubgut auch in englischen Häfen verkaufen. Gleichwohl sind die Urkunden teils nur von zweifelhaftem Wert, wie sich zeigen wird.

Handelsverbindungen in die Chesapeake Bay

Was die beiden englischen Schiffe schließlich aus der Bucht von Campeche nach Virginia wenden lässt, hat zweierlei Ursachen: Zum einen droht der Beginn der atlantischen Hurrikansaison; ein wochenlanger Schmuggelzug im Bereich der Antillen und der Karibischen See ist also nicht allein wegen spanischer Patrouillenboote und inselkaribischer Pirogen riskant. Zum anderen verfügen beide Schiffe über enge, teils illegale Handelsverbindungen in die Chesapeake Bay und die mit ihr eng verbundene Bermuda-Kolonie. Und sie wissen, dass in den beiden englischen Pflanzungen seit einer Weile schon ein enormer Bedarf an Arbeitskräften besteht — dank eines vor allem entlang der Chesapeake Bay florierenden Tabakanbaues unter der Verwaltung der sogenannten „Virginia Company“, einer englischen Kolonisationsgesellschaft.

Im Dienste englischer Kaper- und Siedlungsunternehmer

Namentlich die TREASURER profitiert schon seit Längerem von diesen nicht immer durch die offizielle Kolonisationspatente gedeckten Handels- und Tauschgeschäften. Das Schiff mit dem klingenden Namen gehört einer Zentralgestalt frühenglischer Kaper- und Kolonialunternehmungen im Bereich der Antillen und Festlandamerikas während des frühen 17. Jahrhunderts: dem zweiten Earl of Warwick, Robert Rich (1587-1658), der in den 1640er Jahren zeitweilig gar in höchste marine- und kolonialpolitische Ämter am Hofe aufsteigen wird. Warwick vereint in seinen vielfältigen Handels-, Spekulations- und Kaperaktivitäten zeitweilig nahezu das gesamte Operationsgebiet der frühen englisch-atlantischen Kolonialwirtschaft.

Neben Investitionen in virginische Tabakpflanzungen ist er auch in Kolonisationsgesellschaften auf den Bermudas (Somers Isles Company) und vor der Moskitoküste (Providence Island Company) in Mittelamerika engagiert. Nur ein Jahr zuvor hat sich Warwick zudem an der neu aufgerichteten Londoner „Guinea Company“ beteiligt (Company of Adventurers of London Trading to the Ports of Africa); zu deren Geschäftsfeldern gehört ausdrücklich auch der Handel mit Sklaven. Ein weiterer Eigner der TREASURER ist der korrupte Gouverneur von Virginia, Samuel Argall (1572 oder 1580-1626). Im Sommer 1619 können die Kapitäne der beiden Freibeuter im Norden also noch auf relativ ungestörte Möglichkeiten zum Tausch von Sklaven gegen Proviant hoffen.

Bericht des John Rolfe über den Handel am Point Comfort 1619

Vor dem Hintergrund dieses Beziehungsgeflechtes sind die einzigen unmittelbaren Quellen mit Bezug auf den berüchtigten Sklaventausch vom Point Comfort somit auch amerikanische Korrespondenzen mit der Londoner Zentrale der Virginia Company. Der Handel, der gegen Ende August 1619 erfolgt sein muss, findet etwa Erwähnung in einem Brief des englisch-virginischen Tabakpflanzers John Rolfe (1585-1622) an die Bevollmächtigten des 1607 begonnenen Siedlungsunternehmens in Virginia. In seinem Schreiben berichtet Rolfe von der Ankunft einer Gruppe von Afrikanern an Bord eines unter niederländischer Flagge fahrenden Schiffes, der WHITE LION.

John Rolfe und der virginische „Orinoco-Tabak“

Rolfe gehört zur Führungsriege der jungen Kolonie. Als Witwer der zwei Jahre zuvor verstorbenen Häuptlingstochter Pocahontas ist er eine der Schlüsselfiguren in den angespannten diplomatischen Beziehungen mit den indigenen Powhatan. Zudem gilt Rolfe, der rund 130 km den James River aufwärts eine Plantage betreibt, als fähiger Tabakfarmer. Das von ihm 1611 eingeführte antillische Rauchkraut, von Rolfe in England verkaufsfördernd als „Orinoco-Tabak“ vermarktet, verhilft der jungen englischen Kolonie erstmals zu wirtschaftlicher Prosperität; dies steigert wiederum, wie erwähnt, den Bedarf an Arbeitskräften. Eine beträchtliche wirtschaftliche Dynamik ist entlang der Chesapeake Bay in Gang gekommen.

Sträflinge, Landarbeiter und Tagelöhner für Virginia

Für die Peuplierung ihres virginischen Siedlungsunternehmens und die Versorgung mit billigen Arbeitskräften für die expandieren Tabakpflanzer setzt die Londoner Company vor allem auf Elend, Armut und Zwang. Sträflinge, einfache Landarbeiter, Tagelöhner sowie in geringerem Maße auch als heiratsfähig und gut beleumundet geltende Frauen werden seit 1607 mit den periodischen Versorgungsflotten der Londoner Company nach dem Land der Powhattan transportiert. 1618 lässt die Virginia Company gar mithilfe der Stadtbehörden Dutzende Londoner Straßenkinder zusammentreiben und zwangsweise nach Nordamerika verschiffen. Die völlig erschöpften Kinder und Jugendlichen sind bereits im Frühjahr 1619 am James River eingetroffen. Diese Kinder, meist Jungen, werden mitunter auch nach einem berüchtigten Londoner Gefängnis und Armenhaus als „Bridewell Boys“ bezeichnet.

Indentured Servants und die Virginia Company

Der größte Teil jener Werkmänner, Handlanger, Mägde und Knechte ist über ein Kontraktsystem als sogenannte „Indentured Servants“ an die Kolonisationsgesellschaft gebunden. Entsprechend diesen vertraglichen Vereinbarungen übernimmt die Londoner Virginia Company die Transportkosten und die Reiseversorgung der Knechte und Mägde und stellt ihnen für das Ende ihrer Dienstzeit Landzuteilungen in Virginia in Aussicht. Im Gegenzug leisten die „Indentured Servants“ für mehrere Jahre harte Arbeit auf den Höfen von Kolonisten, welche den Kontrakt zumeist direkt von der Virginia Company erworben haben; diese Freibürger und Ansiedler sind auch für den Unterhalt der Vertragsknechte und -mägde bis zum Ende des Servituts verantwortlich.

Point Comfort 1619: Sklaven gegen Proviant

Im Wissen um den starken Arbeitskräftebedarf in der boomenden virginischen Tabakwirtschaft kommt es am Point Comfort schnell zu einer Handelsübereinkunft zwischen den Company-Verantwortlichen und der WHITE LION, die als erste in der Chesapeake Bay eintrifft. Im Tausch gegen Viktualien werden von der WHITE LION vermutlich bis zu 30 Afrikaner an Land gebracht. Die wenige Tage später ankommende TREASURER stößt Ende August jedoch auf unerwartete Probleme: Gouverneur Argall ist zwischenzeitlich abgesetzt worden und nach England versegelt. Die company-internen Zwistigkeiten um klandestine Handelsgeschäfte und Korruptionsvorwürfe treffen die TREASURER völlig unvorbereitet; ihr Markebrief wird zudem für ungültig erklärt; der Kapitän muss gar die Beschlagnahme von Schiff und Ladung befürchten. Hierauf flüchtet die TREASURER nach den Bermuda-Inseln, wo man die Sklaven von der SAN JUAN BAUTISTA schließlich gegen Lebensmittel eintauschen kann. Auf den Bermudas hat der Handel mit afrikanischen Menschen bereits 1616 begonnen und das mehr oder weniger geheime Schmugglernetz der Gruppe um Warwick scheint mitten auf dem Atlantik noch immer besser zu funktionieren als entlang des James Rivers.

George Yeardley und Abraham Peirsey

Die Afrikaner von der WHITE LION indessen werden zunächst der Verantwortlichkeit ranghoher Vertreter der Company überstellt: dem neuen Gouverneur Virginias und Vertrauensmann der korruptionsgeplagten Company, George Yeardley (1587-1627), und dem Supercargo des Handelspostens am Point Comfort, Abraham Peirsey (um 1578-1628). Anfänglich befinden sich die Afrikaner vom Point Comfort unter der Aufsicht der Virginia Company; wenig später werden sie jedoch an lokale Tabakpflanzer weiterverkauft. Etwa die Hälfte der Ambundu arbeitet fortan auf den weitläufigen Besitzungen Yeardleys und Peirseys selbst, die offenbar die Gunst der Stunde für ihre eigenen Tabakunternehmungen zu nutzen wissen.

Sklaven auf Lebenszeit?

Gelten die Afrikaner vom Point Comfort nun auch weiterhin, gemäß ihres ursprünglichen iberischen Status in Angola und Neuspanien, als Sklaven auf Lebenszeit? Wenngleich es hierfür keinen letzten, quellenmäßigen Beweis gibt, geht die Forschung seit Längerem davon aus, dass die Point-Comfort-Gruppe in Virginia von Beginn an versklavt wird. Hierfür lassen sich argumentativ eine Vielzahl von Indizien anführen, die sich vor allem auf eine spätere, quellenmäßig besser fassbare Rechtspraxis gegenüber Afrikanern in der Kolonie beziehen. Sie deuten in vielfältiger Weise darauf hin, dass obgleich erst 1661 ein offizielles Sklavengesetz an der Chesapeake Bay eingeführt wurde, Jahrzehnte zuvor bereits ein kolonialamerikanisches System der Entrechtung und Versklavung von Afrikanern und Afrikanischstämmigen in Virginia existierte. Weist es seitens der virginischen Gerichtsbarkeit anfangs noch launige Flexibilität auf, werden rechtliche Schlupflöcher bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts alsbald geschlossen — etwa in Bezug auf Kinder afrikanischer Mütter und englischer Väter, die zeitweilig noch von der Versklavung ausgenommen sind.

Status als Indentured Servants?

Einen Status als Indentured Servants, wie er in der älteren Forschung noch diskutiert wurde und wie er vereinzelt für afrikanischstämmige Atlantikkreolen nachweislich ist, galt für die Ambundu vom Point Comfort gerade nicht. Entsprechende Kontrakte mit virginischen Kolonisten lassen sich ohnedies nicht nachweisen; einmal abgesehen davon, dass die Afrikaner vom Point Comfort im Herbst 1619 das zum Verständnis des englischen Indentursystems erforderliche sprachliche und kulturelle Wissen noch längst nicht besitzen. Es ist also für die Kolonisten ein Leichtes, die traumatisierten Afrikaner auf abgelegenen Farmen in Sklaverei zu halten. Ihre Entwurzelung und ihre Isoliertheit nebst der angespannten Sicherheitslage in der Kolonie tun ein Übriges, die Ambundu gerade in der Anfangszeit in starke Abhängigkeit zu ihren selbst ernannten Herren zu bringen.

Englisch-atlantischer Sklavenhandel

Für die Diskussion um dem formellen Rechtsstatus der Point-Comfort-Gruppe in Virginia erhellender ist ein nochmaliger Blick auf die Schiffseigner und Schiffsführer der WHITE LION und der TREASURER. Letztere kann im Sommer 1619 bereits als einigermaßen erfahrener Sklavenhändler angesehen werden; das Schiff wird gezielt auf die Kaperung spanischer Schiffe angesetzt, was stets die Möglichkeit von Sklavenprisen einschließt; das Schiff gehört mit dem zweiten Earl of Warwick, wie erwähnt, einem wichtigen Spekulanten der frühen englisch-atlantischen Kolonialwirtschaft; und dieser ist seit 1618 nun auch dezidiert in einer englischen Sklavenhandelsgesellschaft investiert, der gleichfalls vorerwähnten „Guinea Company“. Es ist dabei nicht verwunderlich, dass die von der TREASURER auf den Bermudas eingetauschten etwa 30 Ambundu in dortigen Quellen auch tatsächlich als „Sklaven“ bezeichnet werden und nicht, wie in virginischen Zensus euphemisierend als „Servants“ oder „Negroes“.

Weiteres Schicksal der Point-Comfort-Gruppe

Das weitere Schicksal der Ambundu in Virginia ist nach 1619 individuell kaum aufzuklären. Im Winter 1624 zählt die Kolonie offiziell nur noch 21 Afrikaner. Es ist möglich, dass Mitglieder der Point-Comfort-Gruppe vereinzelt Infektionskrankheiten zum Opfer gefallen sind oder in die ab 1620 weiter nördlich entstehende Plymouth Colony weiterverhandelt wurden. Zudem bricht 1622 ein verzweifelter Kleinkrieg der indigenen Powhatan über Virginias Tabakfarmen herein. Zahlreiche Menschen kommen auf den Pflanzungen seinerzeit ums Leben, darunter möglicherweise auch Angehörige der Gruppe vom Point Comfort.

William Tucker, Sohn des Antonio/Antony und der Isabella

Die Spur der Ambundu verliert sich jedoch nicht völlig im Dunkel der frühen nordamerikanischen Kolonialgeschichte. Zentraler Fixpunkt ist die Person des mutmaßlich 1624 geborenen William Tucker, Sohn des Antonio/Antony und der Isabella. Das Paar landet Ende August 1619 mit der WHITE LION in Virginia und lebt fortan auf der Plantage eines einflussreichen Virginia-Kolonisten gleichen Namens. Jener William Tucker gestattet ihnen auf seiner Farm die Heirat, was englischen Vertragsknechten und -mägden während ihres Servituts nicht erlaubt ist. Auch diese vermeidliche Freigebigkeit des Masters könnte einmal mehr als Hinweis gedeutet werden, dass die Mitglieder der Point-Comfort-Gruppe versklavt waren und auf Lebenszeit bei ihren selbst ernannten Herren verbleiben sollten. Im Gegenzug unterlag zumindest dieses Paar nicht dem für Servants üblicherweise geltenden Heiratsverbot.

Tucker Family Cemetery, Aberdeen Gardens

Antonios und Isabellas Sohn William Tucker gilt als erster afrikanischstämmiger Virginier, der in der Kolonie geboren wurde. Sein Grab vermutet man auf einem alten Kirchhof für Afroamerikaner in Aberdeen Gardens, Hampton, rund fünf Kilometer nordwestlich von Point Comfort (Tucker Family Cemetery). Viele Afroamerikaner besuchen den Begräbnisplatz bis heute, darunter auch seine in einer eigenen Gesellschaft organisierten Nachkommen. Sie nehmen an, dass William Tucker und womöglich auch seine Eltern in späteren Jahren die Freiheit erlangten.

Gedenkfeierlichkeiten zum 400. Jahrestag am Point Comfort 2019

Mit den Gedenkfeierlichkeiten zum 400. Jahrestag des berüchtigten Tauschgeschäftes am Point Comfort rücken die verschiedenen Schauplätze dieser frühesten Episode afro-amerikanischer Geschichte erneut in den Blickpunkt des nationalen Interesses. Neben dem Friedhof in Hampton waren dies zwischen dem 23. und dem 25. August vor allem der mutmaßliche Landepunkt der Sklaven am Point Comfort. Er befindet sich an der südlichen Promenade des Fort-Monroe-Nationalparks (Fenwick Road).

Neues Ausstellungskonzept für Point Comfort

Die 2011 unter dem seinerzeitigen US-Präsidenten Barack Obama zum Nationalmonument erhobene Militärfestung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ist dem Leuchtturm von Point Comfort unmittelbar vorgelagert. Die Anlage wird in naher Zukunft ein rundum erneuertes Besucher- und Informationszentrum beherbergen. In zwei neuen Gebäudeflügeln auf dem Festungsgelände soll mit einer verbesserten Ausstellungskonzeption den historischen Ereignissen entlang der Virginia Peninsula seit 1607, insbesondere aber den Geschehnissen am Point Comfort, künftig besondere Aufmerksamkeit zuteilwerden.

Bedeutung der Ereignisse am Point Comfort, August 1619

Historisch markiert die Ankunft der WHITE LION und der rund 30 afrikanischen Sklaven aus dem heutigen Angola im August 1619 den Beginn einer spezifisch innervirginischen Diskussion um den Status von Afrikanern und Afrikanischstämmigen in der Kolonie und darüber hinaus. Ihr Endpunkt ist, wie erwähnt, die schrittweise Etablierung einer Rechtskultur der Sklaverei, die in Virginia 1661 mit der erwähnten Einführung einer matrilinearen Übertragung des Sklavenstatus auf Kinder das besitzrechtliche System der Chattel-Sklaverei endgültig zementiert.

Sklavereisystem zwischen Nordamerika und der Karibik

Zum Verständnis der Geschehnisse am Point Comfort ist es jedoch unerlässlich, die spezifische US-amerikanische, gar historisch-virginische Perspektive immer wieder zu verlassen. Die Ambundu-Gruppe in Virginia ist keineswegs die erste Gruppe afrikanischer Sklaven in Nordamerika, wie in der öffentlichen Diskussion in den USA gelegentlich betont wird. Bereits im 16. Jahrhundert leben in den periodischen Niederlassungen der Spanier in Florida und bis nach Carolina afrikanische und indigene Sklaven. Ferner sind die Entwicklungen im Virginia der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ohne einen Blick in den karibischen Süden verständlich, der bis in das 19. Jahrhundert hinein als nordamerikanischer Beschaffungsraum für Sklaven dienen wird. Das frühe 17. Jahrhundert markiert dabei gleichsam die Formierungsphase dieses atlantisch-amerikanischen Sklavereisystems. Nach der Eroberung Jamaikas 1655 und der wirtschaftlichen Etablierung der Zuckerökonomien von Barbados und St. Kitts in der Karibik wächst der englische Sklavenimport in die Karibik rapide an. 1655 leben allein auf Barbados bereits rund 20.000 afrikanische Sklaven.

Von Barbados nach Charleston, South Carolina

Die sich bereits bei den Handelsgeschäften am Point Comfort zeigenden Verknüpfungen nordamerikanischer und der karibischer Handelswelten erweist vor allem die ab 1663 im Süden des Commonwealth of Virginia entstehende Provinz Carolina. Die Expansion der Engländer, zumal landhungriger virginsicher Kolonisten, nach Süden in Richtung des spanischen Florida erhält 1670 in Gestalt der Ansiedlung „Charles Town“ (Charleston, South Carolina) erstmals den Charakter der Permanenz. — Bezeichnend für die besonderen Beziehungen zwischen den englischen Festlandkolonien und den Antillen ist dabei die Tatsache, dass ein Großteil der carolinischen Siedler 1670 aus Bermuda und Barbados stammt; unter ihnen viele ehemalige Indentured Servants auf der Suche nach Land für den Erfolg versprechenden Anbau von unter anderem Zucker — mithilfe afrikanischer Sklaven.

Ihr Anführer ist der ehemalige Leiter eines englisch-puritanischen Siedlungsprojektes auf den Bahamas (Eleutheran Adventurers), William Sayle (um 1590-1671). Bereits ein halbes Jahrhundert nach der Ankunft eines ersten dokumentierten Sklaventransportes sind die Konturen einer englisch-kontinentalen Sklavenökonomie von den Atlantikkolonien im Norden bis nach den Kleinen Antillen entstanden; dieses kolonialwirtschaftliche System wird erst durch die Amerikanische Revolution politisch aufgebrochen, bleibt jedoch wirtschaftlich und kulturell noch lange nach der Gründung der Vereinigten Staaten bestehen.

Literatur

  • Beth Austin, 1619:Virginia’s First Africans. Hampton History Museum: Hampton 2019.
  • Engel Sluiter, New Light on the „20. and Odd Negroes“ Arriving in Virginia, August 1619. In: The William and Mary Quarterly. Vol. 54, No. 2 (April 1997), S. 395-398.