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Azteken-Ausstellung, Stuttgarter Linden-Museum

Einer der Höhepunkte der Stuttgarter Azteken-Aussstellung ist diese Grünsteinfigur des aztekischen Schöpfergottes Quetzalcoatl. © Landesmuseum Württemberg, Foto: Hendrik Zwietasch

Bereits wenige Jahre nach der Etablierung erster Stützpunkte auf Hispaniola erkunden spanische Schiffe die Küsten und Inselwelten Mittelamerikas. Im Dienste der Kastilier stehende Kundschafter, Dolmetscher und Sklavenjäger erhalten dort frühzeitig Berichte über die Existenz eines mächtigen Reiches im Westen der neu entdeckten Landmassen. Machtpolitische Basis des Großreiches bildet der sogenannte Aztekische Dreibund; eine seit 1428 bestehende Allianz aus den drei Städten Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan.

Das Aztekenreich — mesoamerikanische Großmacht

Der Aufstieg des Aztekenreiches im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts verläuft beinahe parallel zur atlantischen Expansion Spaniens und Portugals, welche die Iberer um 1500 schließlich in die Karibik und nach Brasilien geführt hat. Mit den Azteken indes begegnet den Spanier nun erstmalig eine militärisch hoch entwickelte Großmacht, die nur mithilfe starker Verbündeter unter Kontrolle zu bringen ist. An Macht und Größe wird der Dreibund lediglich noch durch die andinen Inkas übertroffen, deren Hochkultur ab den 1530er Jahren unter dem Ansturm der Spanier unter Francisco Pizarro zusammenbrechen wird.

Spanisch-indigene Eroberung Mexikos unter Hernán Cortés

Angeführt durch den westindienerfahrenen Hidalgo Hernán Cortés (1465-1547) stößt im April 1519 vom heutigen mexikanischen Karibikhafen Veracruz aus ein Trupp spanischer Konquistadoren nach Tenochtitlan vor, der Hauptstadt des Aztekenimperiums. Während ihres Raub- und Erkundungszuges schließt sich dem Konquistadorentross bereits in der aztekischen Reichsperipherie eine wachsende Zahl indigener Verbündeter an; darunter nicht zuletzt zahlreiche indianische Träger. Es sind diese lokalen Bündnispartner und Arbeitskräfte, welche, entgegen allen späteren Kolonialnarrativen und Heldengesängen der Kastilier, das kriegsentscheidende Rückgrat der Invasoren darstellen werden.

Die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan

Als das spanisch-indianische Heerlager schließlich Tenochtitlan erreicht, zeigen sich namentlich die Hispanier vom Reichtum der Aztekenhauptstadt überwältigt: Einer der spanischen Augenzeugen, Bernal Díaz del Castillo, ist vor allem von Tenochtitlans zentralen Handels- und Tempelbezirk beeindruckt. Das riesige Areal im Zentrum der Stadt bildet gleichermaßen den politischen wie den kosmologischen Mittelpunkt der aztekischen Zivilisation.

Steinkiste mit Deckel aus dem Besitz des letzten Aztekenherrschers, Moctezuma II. (um 1465-1520); © MARKK, Hamburg, Foto: Paul Schimweg
Räuchergefäß mit der Wasser- und Fruchtbarkeitsgöttin Chalchiuhtlicue, die auch als Schutzgöttin der Schwangeren, Gebärenden und der Wochenbettnerinnen galt. © D.R. Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología, Secretaría de Cultura – INAH

Die ökonomische Machtbasis des aztekischen Städtebundes

Noch scheint die multiethnische Welt des Aztekenreiches mit den nahuatlsprachigen Mēxihcah im Zentrum und der sie umgebenden Bauernvölker weitgehend intakt. Täglich frequentieren rund 50.000 Menschen den zentralen Marktplatz Tenochtitlans. Die dort gehandelten Lebensmittel, darunter Mais, Chili, Tomaten und Kakao, aber auch Gold und Silber, kommen als Handelsgut oder Tributleistung zuweilen aus den entlegensten Winkeln des rund 220.000 km² großen Reiches. Die Handelsrouten der Azteken reichen aus dem Tal von Mexiko rund um den Texcoco-See bis in die Küstenvorländer des Pazifiks und des Karibischen Meeres.

Die ertragreiche aztekische Landwirtschaft bildet dabei die entscheidende ökonomische Machtbasis des aztekischen Städtebundes und vermag allein in Tenochtitlan eine Agglomeration von schätzungsweise 200.000 Menschen zu versorgen. Die von Díaz del Castillo beschriebenen Plätze rund um die Pyramiden und Akademien des Bezirks dienen zugleich auch als Sklavenmarkt der Stadt; rundheraus vergleicht er diese auch sodann mit den Sklavendepots der Portugiesen im fernen Guinea.

Templo Mayor — die Große Pyramide von Tenochtitlan

Den eigentlichen Mittelpunkt der mesoamerikanischen Metropole bildet das Zentralheiligtum der Azteken, der sogenannte Templo Mayor, die Große Pyramide von Tenochtitlan. Teile der einstmals 0,17 km² großen Anlage wurden 1978 bei Bauarbeiten wiederentdeckt. Nahe dem Haupttempel befindet sich nach Diaz del Castillos Bericht aus den 1550er Jahren auch die berüchtigte Schädelstätte des Tzompantli, Sammelpunkt mutmaßlich Tausender Totenschädel, die von geopferten Kriegsgefangen stammen — eine monströse Demonstration aztekischer Macht.

Kelch mit Totenschädel; © D.R. Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología, Secretaría de Cultura – INAH

Vizekönigreich Neuspanien

Reichtum und Macht der Aztekenkapitale Tenochtitlan basieren wesentlich auf dem ausgeklügelten Herrschafts- und Tributsystem der Azteken. Dessen offenkundige Schwächen wissen die Spaniarden mit ihren zahlreichen indigenen Verbündeten alsbald effektiv auszunutzen. 1521 kann die kastilisch-indianische Allianz unter Cortés‘ Führung Tenochtitlan endgültig unter ihre Kontrolle bringen. Im gleichen Jahr erschüttert ein brutales Massaker der Spanier am Templo Mayor die religiösen und politischen Eliten des Aztekenreiches.

In der Folge können die iberischen Eroberer ihre Macht in Mexiko immer weiter festigen und das künftige Vizekönigreich Neuspanien steigt ab den 1540er Jahren zu einem Eckpfeiler des spanischen Imperiums auf. Die neuen spanischen Machthaber profitieren dabei nachhaltig von der gut organisierten, auf Sklaverei und Tributleistungen basierenden Landwirtschaft der Azteken sowie von ihrem bereits exzellent entwickelten Silberbergbau.

Azteken-Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum

2019 jährt sich der Beginn der Eroberung Mexikos für die Krone Kastiliens zum 500. Mal. Seit dem 12. Oktober präsentiert eine große Azteken-Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum, Staatliches Museum für Völkerkunde, das legendäre mesoamerikanische Großreich am Vorabend des spanisch-indigenen Eroberungslaufes nach Tenochtitlan. Es ist damit bereits die zweite große Schau, welche das Stuttgarter Linden-Museum der Geschichte Altamerikas widmet. Schon 2013/2014 begab sich das Museum mit seinem Publikum auf die Spuren der Inkas und konnte dabei europaweit mit bedeutenden musealen Leihgebern zusammenarbeiten.

Von der aztekischen Reichsperipherie nach Tenochtitlan

Konzeptionell folgt die neue Stuttgarter Azteken-Ausstellung gleichsam dem Zug der Spanier und ihrer Verbündeten von der aztekischen Reichsperipherie in das Tal von Mexiko nach Tenochtitlan, unmittelbar an den Hof des letzten Aztekenherrschers Moctezuma II. (um 1465-1520). Die verschiedenen Module der Ausstellung sollen dabei wie in einer Momentaufnahme dem Besucher die komplexen politischen, kulturellen und religiösen Strukturen des aztekischen Imperiums während seiner Hochphase zwischen etwa 1430 und 1521 entfalten.

Europäische Fehldeutungen der Aztekenkultur

Dabei sind die Ausstellungsmacher vor allem darum bemüht, die aztekischen Kultur aus der Umklammerung geschichtsmächtiger Fehldeutungen und Abwertungsdiskurse zu lösen; Großerzählungen, die bereits seit dem Beginn der spanischen Kolonialzeit dominieren. Dies geschieht erwartungsgemäß etwa im Hinblick auf die berüchtigten aztekischen Menschenopfer; ihnen ist in der Stuttgarter Schau auch ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet.

150 Objekte zeigen Reichtümer der aztekischen Zivilisation

Um die Vielschichtigkeit und Strahlkraft der aztekischen Kultur zu zeigen, präsentiert die Stuttgarter Azteken-Ausstellung rund 150 Objekte, zumeist Leihgaben deutscher, europäischer und mexikanischer Museen. Kultgegenstände, Opfergaben oder der verschwenderische Schmuck der aztekischen Oberschichten repräsentieren und vermitteln dabei die kulturellen Reichtümer des Mēxihcah-Imperiums.

Neben Objekten aus den Grabungen des berühmten „Proyecto Templo Mayor“, die in Stuttgart teilweise sogar zum ersten Mal gezeigt werden, gehören auch drei zentrale Schaustücke aus den historischen Beständen des Landesmuseums Württemberg zu der Ausstellung: eine wertvolle Grünsteinfigur des mesoamerikanischen Naturgottes Quetzalcoatl sowie zwei aztekische Federschilde, die vermutlich kurz vor der spanischen Invasion in Mexiko entstanden sind und die ursprünglich als Opfer- oder Tributgaben beziehungsweise als militärische Auszeichnungen dienten.

Wie die wertvollen Schilde aus Vogelfedern nach Württemberg kamen, ist nicht bekannt; es ist jedoch möglich, dass sie mithilfe europäischer Exotikahändler bereits während des 16. Jahrhunderts in das herzoglich-württembergische Kuriositätenkabinett gelangt sind.

Freilegung einer Steinskulptur der aztekischen Erdgöttin Tlaltecuhtli auf dem Gelände des ehemaligen Templo Mayor in Mexiko-Stadt. © Proyecto Templo, Mayor, Foto: Leonardo López Luján

Die berühmten Bildhandschriften der Azteken

Einem eigenen Bereich sind zudem die berühmten Bildhandschriften der Azteken gewidmet. Das farbenfrohe, aus Piktogrammen und Ideogrammen bestehende Schriftsystem diente dem zahlreichen Ethnien des Aztekenreiches gleichsam als universales Kommunikationswerkzeug.

Die diversen Ausstellungsabschnitte zur aztekischen Götterwelt, zum Militär- und Tributwesen sowie zur Wirtschaftsstruktur des mesoamerikanischen Großreiches sollen dem Besucher jedoch nicht allein die Vielfalt der Aztekenkultur aufzeigen, sondern zugleich auch den Behauptungswillen der aztekischen Zivilisation bis in die unmittelbare mexikanische Gegenwart. — Allein die alte aztekische Verkehrssprache Zentralmexikos, Nahuatl, wird noch immer von mehr als 1.500.000 Menschen gesprochen. Und die Exportschlager aztekisch-mexikanischer Kulinarik, wie etwa die erwähnten Tomaten und der Kakao, fanden bereis in der Frühen Neuzeit über Klostergärten und Heilkundige ihren Weg in die Küchen und Kaffeehäuser Europas.

Kooperation mit Wiener Weltmuseum und Museum van Wereldculturen

Die Große Landesausstellung Baden-Württemberg „Azteken“ unter der Schirmherrschaft des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ist im Linden-Museum noch bis zum 3. Mai 2020 zu sehen und wird durch ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet.

Die Stuttgarter Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Weltmuseum Wien und dem niederländischen Nationaal Museum van Wereldculturen entwickelt. Das Nationaal Museum van Wereldculturen entstand 2014 aus einem Zusammenschluss des Afrika Museums in Berg en Dal, des Rijksmuseums Volkenkunde zu Leiden und des Amsterdamer Tropenmuseums; Letzteres ist unter anderem für seine umfangreichen Suriname- und Karibiksammlungen berühmt. Nach Stuttgart wird die Azteken-Schau zwischen dem 25. Juni 2020 und dem 6. Januar 2021 auch in Wien zu sehen sein. 2021 soll die Ausstellung schließlich im niederländischen Leiden, Rijksmuseum Volkenkunde, präsentiert werden.