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Suriname-Ausstellung, Nieuwe Kerk in Amsterdam

Themenabschnitt Indianer Suriname, Nieuwe Kerk, Amsterdam, Suriname-Ausstellung
Themenabschnitt zur Geschichte und Kultur der Indigenen Surinames, Suriname-Ausstellung, Nieuwe Kerk in Amsterdam, 2019-2020; Foto: Evert Elzinga

Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt kennen die Nieuwe Kerk in Amsterdam insbesondere von den Huldigungs- und Hochzeitsfeiern des niederländischen Königshauses. Zuletzt heiratete hier 2002 das niederländische Thronfolgerpaar Willem-Alexander und Máxima. Als Krönungskirche des Hauses Oranien-Nassau fungierte das reformierte Gotteshaus bereits bei der Inauguration des ersten niederländischen Königs, Willem Frederik I. (1772-1843). Reguläre reformierte Gottesdienste finden in der Nieuwen Kerk jedoch schon seit 1955 nicht mehr statt. Nach einem aufwendigen Umbau dient das Kirchengebäude inzwischen vor allem als Konzert- und Ausstellungsort sowie als kulturelles Begegnungszentrum von nationaler Bedeutung — in unmittelbarer Nähe zum Königlichen Palais (Paleis op de Dam).

Große Suriname-Ausstellung in der Nieuwen Kerk

Diese gleichsam staatstragende Bedeutung prädestiniert das seit 1979 durch eine nationale Stiftung unterhaltene Gebäude folgerichtigerweise auch als repräsentativen Ort für eine große, im Oktober gestartete Suriname-Ausstellung. Anlass ist das 45. Jubiläum der surinamischen Unabhängigkeit im kommenden Jahr. Die karibisch-südamerikanische Republik wurde erst 1975 von den Niederlanden unabhängig. Die Beziehungen beider Länder sind bis heute sehr eng: Als ehemaliger Teil der Kolonie Niederländisch-Guyana ist Suriname der einzige souveräne Staat außerhalb Europas mit niederländischer Amtssprache. Überdies leben infolge (post)kolonialer Migrationsbewegungen seit dem 20. Jahrhundert etwa 350.000 Menschen mit surinamischem Wurzeln im europäischen Teil des Königreiches.

Ausstellungskonzeption mit surinamischer Gemeinschaft

Als Ausdruck der engen historischen Verbundenheit beider Nationen ist die surinamische Gemeinschaft in den Niederlanden bei der Ausstellungskonzeption auch in besonderer Weise eingezogen worden. Etwa 50 Leihgeber überwiegend aus den Niederlanden und Suriname haben an der Ausstellung in der Nieuwen Kerk mitgewirkt. Ein großer Teil der etwa 300 Ausstellungsstücke stammt dabei auch aus privaten Sammlungen der Diaspora. Überdies sind in der Amsterdamer Schau prominente wie weniger bekannte Vertreter der surinamischen Gemeinschaft mit ihren ganz persönlichen Geschichten und Erinnerungen durchgehender Bestandteil der Audiotour.

Multimedialer Gang durch die Jahrhunderte

Die multimediale Ausstellung im Kirchenschiff der Nieuwen Kerk ist in neun Abschnitte aufgeteilt. Sie folgen den naturräumlichen, wirtschaftsgeografischen wie historischen Strukturen Surinames durch die Jahrhunderte. Archäologische Fundstücke aus präkolumbianischer Zeit gesellen sich dabei neben kolonialhistorischen Dokumenten aus vier Centennien. Die verschiedenen historischen und monothematischen Ausstellungsabschnitte werden immer wieder durch Kunstobjekte und Interviews sowie Film- und Musikfragmente ergänzt.

Der Gang durch die Jahrhunderte, entlang der surinamischen Flusslandschaften und wirtschaftshistorischen Epochen mündet schließlich symbolisch in einer farbenprächtigen Straßenszene in Surinames Hauptstadt Paramaribo, dessen historische Innenstadt seit 2002 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Paramaribo wird hier gleichsam als kulturelle Quintessenz der multiethnischen Geschichte Surinames begriffen.

Straße in Paramaribo, Suriname, Ausstellung
Straßenszene in Paramaribo, Suriname-Ausstellung in der Amsterdamer Nieuwen Kerk, 2019-2020; Foto: Evert Elzinga

Niederländisch-Guyana, Suriname, Berbice, Demerara und Essequibo

Das Mündungsgebiet der Flüsse Commewijne und Suriname im Stadtgebiet des heutigen Paramaribo markiert auch den Beginn der gemeinsamen surinamisch-niederländischen Geschichte. Hier entsteht zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine erste Faktorei niederländischer Kaufleute, die im losen Kontakt mit indianischen Stämmen unter anderem Tabak und subtropische Heilpflanzen gegen europäische Waren tauschen. Der Hunderte Kilometer lange Küstenstreifen unter formellen niederländischen Einfluss wurde von den Zeitgenossen lange Zeit auch als „Wilde Küste“ bezeichnet.

Zu dieser Zone gehören bis ins 19. Jahrhundert schließlich auch die Gestade der heutigen Republik Guyana im Bereich der Flüsse Berbice, Demerara und Essequibo. Diese Gebiete können gegen englische Widerstände ab 1667 für staatlich-privilegierte Handelsgesellschaften der Sieben Provinzen gesichert werden; zunächst der Westindien-Compagnie und ab 1683 der „Geoctroyeerden Sociëteit van Suriname“. Unter den Investoren dieser Gesellschaften sind vielfach auch Vertreter der Amsterdamer Kaufmannsoligarchie, deren Kapital insbesondere seit dem 17. Jahrhundert nahezu um den gesamten Globus zirkuliert.

Die niederländische Westindien-Compagnie

An den küstennahen Flussläufen entstehen in der Folge weitläufige Plantagenlandschaften mit den für die Region typischen Handels- und Exportgewächsen — Zucker, Kaffee, Baumwolle und Kakao. Politisch und ökonomisch bleibt das Gebiet bis 1683 in den halb-staatlichen Strukturen der niederländischen Westindien-Compagnie integriert; nach Norden und Westen hin erweitert um die Inseln Aruba, Bonaire und Curaçao sowie den Besitzungen und Stützpunkten der Niederländer im Antillenbogen, etwa auf Sint Maarten und Sint Eustatius; nach Süden vergrößert sich das Gebiet zwischen 1630 und 1654 um das nordostbrasilianische Zuckerterritorium „Nieuw-Holland“. Von dort werden nach 1654 auch religiös verfolge Sepharden, iberische Juden, nach einer landwirtschaftlichen Fluchtsiedlung 50 km südlich von Paramaribo angeworben, der sogenannten „Judensavanne“.

Suriname und die atlantische Sklaverei

Die karibisch-amerikanische Plantagenwirtschaft der niederländischen Kaufherren basiert dabei wesentlich auf einem brutalen Sklavereisystem; Sklaven werden im Verlauf des 17. Jahrhunderts vor allem aus Afrika nach Westindien verschleppt. Zur Versorgung ihrer Plantagenkolonien mit Sklaven greifen die Niederländer dabei auf ein ursprünglich portugiesisch dominiertes Netz westafrikanischer Faktoreien, Handelsdepots und Barracóns zurück, das zeitweilig bis nach Angola reichen wird. — Der Bedeutung der Sklaverei für Surinames Geschichte ist in der Amsterdamer Ausstellung breiter Raum gewidmet.

Neben Schiffsjournalen der nicht selten unter niederländischer Flagge fahrenden Sklavenhändler erweisen auch Ausstellungsstücke wie etwa Brandeisen und sogenannte „Krummbujen“ (kromboeien), eiserne Bügel, um widerständige Sklaven gebeugt gehen zu lassen, die ganze Brutalität des niederländischen Sklavereiregimes in Suriname und darüber hinaus. Im 18. Jahrhundert betreiben niederländisch-europäische Sklavenhalter und Finanzinvestoren etwa 700 Plantagen in Suriname. Rund 200.000 afrikanische Sklaven könnten im Verlauf von etwa 200 Jahren über den Atlantik nach Suriname verschleppt worden sein.

Marrons — Widerstand und kulturelles Selbstbewusstsein

Ebenso wie in anderen Teilen der Karibik und Amerikas ist die Geschichte der Sklaverei in Suriname immer auch eine Geschichte passiven Widerstands und offener Rebellion. Frühzeitig entstehen somit tief im Inneren Niederländisch-Guyanas Gemeinschaften entflohener afrikanischer Sklaven. Diese sogenannten „Marrons“ und ihre Nachfahren üben bis heute einen nachhaltigen Einfluss auf die Kultur und Identität Surinames aus. — Namentlich in Form der englisch-niederländisch-basierten Kreolsprache „Surinaams“ (Sranantongo), die auch in der niederländischen Diaspora noch immer verbreitet ist.

Eine idealisierte Darstellung des Sklaven- und Plantagenlebens in Suriname liefert ein bekanntes Ölgemälde aus dem frühen 18. Jahrhundert: „Slavendans op een suikerplantage in Suriname“; es wird dem niederländischen Maler und Pflanzer Dirk Valkenburg (1675-1721) zugeschrieben und ist in der Amsterdamer Suriname-Ausstellung ebenfalls zu sehen.

Ritueller Sklaventanz, Zuckerplantage, Suriname, 18. Jahrhundert
Ölgemälde „Slavendans“ von Dirk Valkenburg (1675-1721): das Bild zeigt rituelle Tänze afrikanischer Sklaven auf einer surinamischen Zuckerplantage zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Bild: Statens Museum for Kunst, Kopenhagen

Abschaffung der Sklaverei in Suriname 1863

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt die Plantagenökonomie der westindischen Kolonialgesellschaften in arge wirtschaftliche Schwierigkeiten; der Weltmarktpreis für Zucker fällt rapide. Die im 20. Jahrhundert für Surinames Exportwirtschaft so bedeutenden Bauxitvorkommen, als Basis der Produktion von Aluminium, spielen zu diesem Zeitpunkt naturgemäß noch keinerlei Rolle. Die Krise der surinamischen Agrarökonomie wird seit Beginn des Jahrhunderts überdies durch das vor allem durch Großbritannien forcierte Verbot des atlantischen Sklavenhandels verschärft. Der Sklavenhandel rund um die Karibische See verlagert sich seither immer weiter in eine riskante und mitunter kostspielige Menschenschmuggelökonomie.

In Britisch-Westindien wird das Rechtsinstitut der Sklaverei in der Folge sogar bereits 1833 offiziell abgeschafft; das niederländische Suriname folgt erst zum 1. Juli 1863, nahezu zeitgleich zur Emanzipation in den Vereinigten Staaten während des Amerikanischen Bürgerkrieges. In Suriname werden 1863 etwa 34.000 Menschen emanzipiert. Ehemalige Sklaven zwischen 15 und 60 Jahren bleiben jedoch noch durch eine zehnjährige Residenz- und Arbeitspflicht an die Plantagen ihrer einstigen Herren gebunden.

Chinesen, Hindustanen und Javanen — Surinames Kontraktarbeiter

Um die volatile Plantagenökonomie auch längerfristig mit Arbeitskräften zu versorgen, setzt die niederländische Kolonialverwaltung in Suriname auf die Anwerbung sogenannter „Kontraktarbeiter“. Allein zwischen 1870 und 1916 kommen rund 35.000 Contractarbeiders allein aus dem Nordosten Britisch-Indiens nach Suriname. Weitere 32.000 Kontraktarbeiter werden bis 1939 auf Java, im damaligen Niederländisch-Ostindien, unter oftmals dubiosen Umständen angeheuert. Diese Anmusterungspolitiken folgen insbesondere britischen Vorbildern aus den 1850ern, die sich zunächst auf chinesische Kontraktarbeiter konzentrieren. Ein Teil dieser han-chinesischen Plantagenmigration in die Karibik und nach Lateinamerika wird bereits ab 1853 nach Niederländisch-Guyana umgeleitet.

Die Arbeitsmigration der Chinesen, Hindustanen und Javanen hat das sprachlich-kulturelle Gefüge Surinames nachdrücklich diversifiziert und zugleich die Bedeutung des Niederländischen als Lingua Franca der verschiedenen ethnoreligiösen Gruppen aufgewertet. Auch diesen identitätsstiftenden Aspekten der surinamischen Geschichte widmet sich die Ausstellung in der Nieuwen Kerk.

Die unabhängige Republik Suriname nach 1975

Die ethnische und kulturelle Vielfalt der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Surinames barg in der Vergangenheit jedoch auch immer wieder erhebliches Konfliktpotenzial; teils auch als Folge beständiger Versuche der niederländischen Kolonialregierung, die verschiedenen ethnoreligiösen Gemeinschaften voneinander zu segregieren. Der politischen Organisierung der Plantagenarbeiter und schließlich die Etablierung einer starken Unabhängigkeitsbewegung, über alle sprachlichen, kulturellen und sozialen Grenzen hinweg, konnten diese Maßnahmen jedoch längerfristig nicht verhindern.

Nach einem Autonomiestatut innerhalb des Königreichs ab 1954 wird 1975 schließlich, wie erwähnt, die souveräne Republik Suriname ausgerufen. Zu dieser Zeit erlebt das südamerikanische Land auch den Höhepunkt seines Bauxitbooms. Den Feierlichkeiten in der Hauptstadt Paramaribo wohnt am 25. November 1975 auch die damalige niederländische Königin Beatrix bei. Das von ihr seinerzeit getragene Kleid ist in der Großen Suriname-Schau in der Nieuwen Kerk gleichfalls ausgestellt.

Suriname: Krisen und Putsche

Dem Optimismus der Unabhängigkeitsbewegung folgen jedoch bereits wenige Jahre später ernste innenpolitische Krisen, die 1980 in einem Staatsstreich münden, dem sogenannten „Sergeantencoup“. Seine Folgen sind bis heute in Suriname deutlich zu spüren. Erst im November wurde der amtierende Staatspräsident Surinames, Desi Bouterse, wegen mutmaßlicher Beteiligung an der Ermordung Oppositioneller im Jahre 1982 von einem surinamischen Gericht verurteilt. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt.

Theaterproduktion „Suriname Monologen“

Die Amsterdamer Suriname-Ausstellung ist noch bis zum 2. Februar 2020 zu sehen und wird durch ein umfängliches Kulturprogramm begleitet. Von besonderem Interesse sind dabei auch sechs Theaterproduktionen in der Nieuwen Kerk, die sogenannten „Suriname Monologen“. Im Zentrum dabei wichtige Gestalten der surinamischen Geschichte, darunter der erwähnte, derzeitige Präsident von Suriname, Desi Bouterse, die afro-surinamische Ärztin und feministische Künstlerin Sophie Redmond (1907-1955) und der aus Paramaribo stammende kommunistische Schriftsteller und Politiker Anton de Kom, dessen Vater noch als Sklave geboren war. Der Aktivist und Unabhängigkeitsstreiter lebte mit kurzen Unterbrechungen seit 1921 in den Niederlanden und starb 1945 in einem deutschen Konzentrationslager an den Folgen einer Tuberkuloseerkrankung.

Jubiläum 1975-2020: Weitere Suriname-Ausstellungen

Im Zusammenhang mit der 45. Jahresfeier der Unabhängigkeit 2020 finden in den Niederlanden seit dem 5. Oktober auch zwei weitere Suriname-Ausstellungen statt: eine interaktive Entdeckerschau für Kinder, „Sabi Suriname“, die im Amsterdamer Tropenmuseum gezeigt wird, sowie die historische Ausstellung „Aan de Surinaamse grachten – Van Loon & Suriname (1728-1863)“ im Museum Van Loos. Das Amsterdamer Patriziergeschlecht Van Loon, deren Nachkommen dem Grachtenhaus ab 1884 seinem Namen gaben, stieg bereits im Verlauf des 18. Jahrhunderts in die Führungsriege der Westindien-Compagnie und der Sociëteit van Suriname auf und verfügte über große Plantagenflächen in Niederländisch-Guyana.

Migration, Rassismus und ein nationales Sklavereigedenken

Die aktuellen Suriname-Ausstellungen im Königreich fügen sich erneut in rezente Debatten der niederländischen Gesellschaft um postkoloniale Migrationsbewegungen, Rassismus und die Notwendigkeit eines nationalen Sklavereigedenkens. Diese Diskussionen kreisten zuletzt immer wieder auch um die Traditionen des niederländischen Nikolausknechtes, dem “Zwarten Piet“, und seiner dezidiert rassismusgeschichtlichen Entstehungsgründe; führten aber auch unmittelbar auf die Geschichte der niederländischen Sklavenhandels im 17. und 18. Jahrhunderts, etwa im Hinblick auf die Rolle des Grafen Johan Maurits van Nassau-Siegen (1604-1679), Erbauer des berühmten „Mauritshuis“-Museums in Den Haag und der Frage, ob Johan Maurits als Gouverneur von Niederländisch-Brasilien (1637-1644) sein Vermögen vor allem im transatlantischen Sklavenhandel verdient habe.

400 Jahre niederländische Westindien-Compagnie: Gedenkjahr 2021

Jene, oftmals sehr heftig geführten Debatten dürften in der niederländischen Öffentlichkeit im Zuge des Gedenkjahres 2021, in welchem sich die Gründung der niederländischen Westindien-Compagnie zum 400. Mal jährt, womöglich noch zunehmen. Für 2021 ist im Amsterdamer Tropenmuseum auch eine neukonzipierte Ausstellung zur Sklavereigeschichte geplant. Eine erste Orientierung auf die dort im Fokus stehenden Aspekte der niederländischen Sklaverei- und Kolonialgeschichte in der Karibik und in Suriname lieferte bereits 2017 eine Sklavereiausstellung im Tropenmuseum unter dem Titel „Heden van het slavernijverleden“.