Start Archäologie Bioarchäologische Studie: Afrikanische Sklaven in Mexiko

Bioarchäologische Studie: Afrikanische Sklaven in Mexiko

Schädel, Zahnmodifikationen dreier afrikanischer Sklaven aus Massengrab in Ciudad de México
Schädel mit angefeilten Zähnen dreier afrikanischer Sklaven aus einem Massengrab in Ciudad de México. Die auf dem Friedhof eines Siechenhauses für Indigene gefundenen Skelette stammen wahrscheinlich aus der Zeit zwischen dem ersten Drittel des 16. und dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Die Detailaufnahmen insbesondere des Frontzahnbereichs zeigen für subsaharische Kulturen jener Epoche typische Zahnmodifikationen. Bild: © R. Barquera & N. Bernal

Infolge der spanischen Invasion Amerikas kommt es im Verlauf des 16. Jahrhundert unter den Ureinwohnern der Neuen Welt zu einem drastischem Bevölkerungsrückgang. Dabei spielen vor allem sich rasant ausbreitende Seuchen eine zentrale Rolle; desgleichen spanische Gewaltexzesse, Hungersnöte, Vertreibungen und nicht zuletzt brutale Ausbeutungsverhältnisse im Gefolge der sogenannten „Indianersklaverei“. Um den hiermit einhergehenden Verlust an Arbeitskräften auszugleichen, entwickelt sich bereits zur Zeit der Conquista ein weitgestecktes Sklavenhandelsnetz, sowohl in den festlandamerikanischen Küstenvorländern als auch auf den Antillen und den Lucayen. So werden etwa zu Beginn des 16. Jahrhunderts Teile der indigenen Bevölkerung der Bahamas zur Sklavenarbeit in das damalige Zentrum der kolonialspanischen Perlenfischerei nach Cubagua vor der Küste Venezuelas verschleppt.

Der karibisch-amerikanische Sklavenhandel

Neben die karibisch-amerikanische Razziensklaverei tritt im Verlauf des 16. Jahrhundert auch zunehmend die Verschleppung westafrikanischer Sklaven, die etwa in der kolonialen Landwirtschaft und dem Bergbauwesen Perus und Mexikos eingesetzt werden. Eine wichtige Scharnierfunktion übernimmt hierbei der etablierte portugiesisch-kreolische Sklavenhandel entlang der westafrikanischen Küsten. Allein in das Vizekönigreich Neuspanien, das weite Teile des heutigen Mexikos, Mittelamerikas, aber auch Kubas umfasste, werden bis 1779 etwa 130.000 bis 150.000 afrikanische Sklaven verbracht.

Drei kolonialzeitliche Skelette

Über die katastrophalen Lebensbedingungen viele dieser afrikanischen Sklaven berichtet nun eine in der Fachzeitschrift „Current Biology“ erschienene bioarchäologische Studie. Ein mexikanisch-deutsches Forscherteam der „Escuela Nacional de Antropología e Historia“, Ciudad de México, sowie des „Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte“ in Jena untersuchte hierfür drei kolonialzeitlichen Skelette. Die Gebeine wurden bereits Anfang der 1990er Jahre bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Friedhof eines Siechenhauses für Indigene entdeckt. Hier befindet sich heute die U-Bahnstation „San Juan de Letrán“. Das sogenannte „Hospital Real de San José de los Naturales“ wurde zwischen 1529 und 1531 gegründet, rund 10 Jahre nach dem Untergang der Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan.

Interdisziplinäre, bioarchäologische Studie

Bei ihren Skelettuntersuchungen kombinierten die Wissenschaftler verschiedene Verfahren aus der Molekularbiologie, der Isotopenanalyse und der Bioinformatik mit Methoden und Erkenntnissen der Ethnohistorie, Archäologie und Anthropologie. Aus der hierbei gewonnenen Datenmenge zogen die Wissenschaftler für ihre interdisziplinäre, bioarchäologische Studie frappierend genaue Erkenntnisse über Herkunft, Lebensumstände und Gesundheitszustand der drei Individuen.

Angefeilte Schneidezähne

So erwies zunächst eine genetische Analyse, dass die Skelette drei männlichen Personen im Alter zwischen 25 und 35 Jahren gehörten. Alle drei Männer ließen sich überdies afrikanischen Y-Chromosom-Linien zuordnen und stammten demnach aus dem subsaharischen Afrika. Hierzu passte auch eine besondere Modifikationen der Schneidezähne, welche alle drei Skelette aufwiesen; über diese kulturelle Praktik bei afrikanischen Sklaven berichteten bereits kolonialspanische Quellen. Gemäß C14-Datierung der Knochen könnten die drei Männer in der Zeit zwischen der Gründung des Siechenhauses und dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts in Ciudad de México gelebt haben. Auf ihre Ernährungsweise gerichtete Isotopenanalysen zeigten überdies, dass sie ihre Kindheit noch in Afrika verbracht haben müssen und somit erst als Erwachsene über den Atlantik verschifft wurden.

Sklavenarbeit: Ausbeutung, Verschleiß, Misshandlung

Zu ihrer mutmaßlichen Identität als afrikanische Sklaven passten auch die wenig überraschenden Erkenntnisse aus der sogenannten „Osteo-Biographie“ der Knochenfunde: So konnten die Forscher zeigen, dass alle drei Männer zeitlebens schwerste körperliche Arbeit leisteten. Die Sklaven dürften, so ist anzunehmen, in der Landwirtschaft oder dem Bauwesen in und um Ciudad de México ausgebeutet worden sein. Vielfach waren sie wohl auch Misshandlungen ausgesetzt: So wies einer der Afrikaner neben einer degenerativen Gelenkerkrankung eine schlecht verheilte Schädelverletzung auf.

Sklavenhandel und die Verbreitung von Pathogenen in Amerika

Weitere Genomuntersuchungen an den drei Skeletten ergaben zudem, dass einer der Männer mit einem westafrikanischen Stamm des Hepatitis-B-Virus infiziert und ein zweiter von einer syphilisähnlichen Infektionskrankheit befallen war. Beide Fälle gelten den Forschern als wichtiger Hinweis auf die Bedeutung des afrikanisch-amerikanischen Sklavenhandels für die Verbreitung von Pathogenen in der Neuen Welt. Der eine schmerzhafte Frambösie verursachende Erregerstamm des Bakteriums Treponema pallidum pertenue war bereits bei einem europäischstämmigen Siedler aus dem 17. Jahrhundert festgestellt worden.

Opfer einer Epidemie?

Die drei Skelette wurden in einem Massengrab des „Hospital Real de San José de los Naturales“ gefunden; die Leichen waren seinerzeit in mehreren Schichten gestapelt worden, was darauf hindeutet, dass die meisten der Toten einer Seuche zum Opfer gefallen waren. Typischerweise grassierten im frühkolonialen Neuspanien insbesondere Pocken- und Masernepidemien unter der Bevölkerung. Insgesamt 20 Skelette wiesen in dem Sammelgrab Zahnmodifikationen auf.