Start Archäologie San Antón de Carlos: spanisches Fort in Florida entdeckt

San Antón de Carlos: spanisches Fort in Florida entdeckt

Mount Key, Estero Bay, Florida; Residenz Calusa-König; Fort San Antón de Carlos
Karte des Cayo Mound Key in der Estero Bay an Floridas Golfküste: auf dieser mit künstlichen Muschelhügeln befestigten Insel bestand zwischen 1566 und 1569 das spanische Grenzfort San Antón de Carlos. Das Eiland bildete zugleich das Siedlungszentrum der indigenen Calusa-Kultur. Überreste des Forts wurden durch Wissenschaftler der Staatsuniversitäten von Florida und Georgia entdeckt. Credit: Victor Thompson

US-Archäologen haben eines der ältesten kolonialspanischen Kastelle auf dem nordamerikanischen Kontinent entdeckt. Es handelt sich dabei um eine behelfsmäßige Grenzbastion, ein sogenannter „Presidio“. Der Festungsbau mit dem Namen San Antón de Carlos stammt aus dem 16. Jahrhundert und wurde bereits seit Längerem im Inselsystem eines Ästuars an der Golfküste Floridas vermutet.

Estero Bay, südlich von Fort Myers

Der historische Standort des Forts liegt auf einem kleinen Eiland, einem Cayo, in dem küstennahen Naturschutzgebiet der Estero Bay südlich von Fort Myers. Das als Mound Key bezeichnete Eiland befindet sich im Zentrum der Bucht und bildete während des 16. Jahrhunderts das Siedlungszentrum der indigenen Calusa. Bereits seit 2013 wurden in dem Areal Untersuchungen durchgeführt. Doch erst jetzt konnte ein Forscherteam der Universitäten von Georgia und Florida das in spanischen Quellen genannte Fort San Antón de Carlos auf Mound Key lokalisieren. Gewissheit lieferte den Wissenschaftlern die Entdeckung der einstigen Residenz des Königs der Calusa, „Carlos“ oder „Calos“, auf dem Eiland; desgleichen Reste des frühneuzeitlichen Forts selbst.

Mound Key: Königsresidenz der Calusa und spanisches Grenzkastell

Vor der Entdeckung auf Mound Key besaßen die US-Wissenschaftler lediglich durch spanische Quellen Kenntnis von der ungefähren Lage des Grenzkastells, so der an den Untersuchungen beteiligte Anthropologe und Calusa-Spezialist William Marquardt, Curator Emeritus des Forschungsbereichs Archäologie und Ethnografie des Südlichen Floridas, Florida Museum of Natural History. Die bislang ausgegrabenen Mauerfragmente stellen jedoch nur einen kleinen Teil der ursprünglichen Befestigungs- und Siedlungsstrukturen auf Mound Key dar. So bildet etwa das Fundament des Presidios ein von den Calusa künstlich angelegter Muschelhügel an der Seite eines ebenfalls künstlich errichteten Kanals. Auf einem gegenüber liegenden Muschelhügel thronte schließlich die Residenz des Calusa-Königs „Carlos“.

Muschelmörtel für Fort San Antón de Carlos

Für die Befestigung von San Antón de Carlos verwendeten die spanischen Festungsbaumeister einen ebenfalls aus Muscheln gebrannten Baustoff, sogenannten Tapia-Mörtel. Er diente offenbar vor allem der Stabilisierung verschiedener Holzkonstruktionen des Forts. Zur Herstellung von Tapia-Mörtel wurde aus Muscheln gebrannter Kalk unter Zugabe von Sand, Asche, Wasser und weiteren Muschelsplittern vermischt. Der aus spanisch-maurischer Tradition stammende Tapia-Baustoff wurde später auch von englischen Kolonisten und amerikanischen Siedlern beim Bau von Häusern und Wirtschaftsgebäuden im Süden der heutigen USA verwendet.

Hoch entwickelte Aquakultur der Calusa

Das Kastell San Antón de Carlos und der mächtige Hauptsitz des Calusa-Königs war Teil eines burgenartigen, indigenen Herrschafts -und Wirtschaftskomplexes. Durchzogen wurde dieser, wie erwähnt, von einem breiten Kanal zum Transport von Gütern und Menschen. Bei ihren Untersuchungen auf und um Mound Key fanden die US-Wissenschaftler auch Überreste der spezifischen Aquakultur der Calusa. So entdeckten die amerikanischen Forscher im Südwesten von Mound Key Spuren großer Netzgehege, welche die Calusa in seichten, abgeflachten Becken vor dem Cayo angelegt hatten.

Auf einer Fläche von der siebenfachen Größe eines Basketballfeldes konnten die Calusa somit riesige Fischschwärme einfangen, für einen kürzeren Zeitraum halten und schließlich verwerten. Dabei machten sich die Calusa ihre umfangreichen Kenntnisse über Schwarmfische und das Gezeitensystem des Ästuars zunutze, so US-Forscher in einer bereits im März veröffentlichten Studie, an der auch Hydrologen und Biologen beteiligt waren. Mithilfe dieser marikulturellen Wirtschaftsweise vermochte die Zivilisation der Calusa beträchtliche Nahrungsmittelüberschüsse zu produzieren. Spanischen Berichten zufolge lebten allein im Bereich der Herrscherresidenz auf Mound Key bis zu 2.000 Menschen.

Admiral Pedro Menéndez de Avilés in Florida

Aus den Aufzeichnungen der Kastilier geht hervor, dass Fort San Antón de Carlos auf Initiative des ersten Gubernators von Spanisch-Florida, Admiral Pedro Menéndez de Avilés (1519-1574), im Oktober 1566 errichtet wurde. Menéndez war 1565 nach einer steilen Karriere bei der Spanischen Armada als „Adelantado“ ehrenhalber nach Florida gekommen. Formell fungierte Menéndez somit als höchster militärischer und ziviler Befehlshaber in dem von der spanischen Krone beanspruchten Gebiet der Florida-Peninsula.

Als Lehnsherrn und Günstling Felipes II. begleitete Don Pedro auch ein Gefolge aus engen Verwandten und Vertrauten; unter ihnen viele Hidalgos und Aventurier. Menéndez und die Seinen erhofften sich jedoch nicht allein schnellen Reichtum, Titel, Landbesitz oder die Kontrolle über vermutete Landverbindungen und Wasserwege nach Asien — der erfahrene Militärführer suchte in Florida überdies seinen 1563 infolge eines Schiffsunglücks verschollenen Sohn sowie weitere Anverwandte. Ein letztlich vergebliches Unterfangen; ebenso wie die Hoffnung, das im Inneren des nordamerikanischen Kontinents vermutete Goldreich Chicora zu finden.

Spanische Geopolitik an Nordamerikas Atlantikküste

Jenseits bloßer Edelmetall- oder Raumspekulationen besaß namentlich die spanische Krone handfeste geopolitische Interessen in der Region: so zielte der Menéndez-Feldzug in Florida auch auf eine unmittelbare Absicherung spanischer Besitzungen und Schiffsrouten nach Norden. Bereits zwischen 1559 und 1561 hatte die Krone Kastiliens einen kurzlebigen Kolonisationsversuch in der Pensacola Bay, weit im Westen des heutigen US-Bundesstaates Florida, unternommen.

Mit der Festsetzung hugenottisch-französischer Korsaren an der Nordostküste der Florida-Halbinsel ab 1562 drohte nun die Etablierung eines schlagkräftigen Kaperstützpunktes; unmittelbar an der Nordperipherie des spanischen Machtbereichs in Amerika. Hierauf hatte der spanische Hof 1565 den in der Bekämpfung von Freibeutern bereits langjährig erfahrenen Admiral Pedro Menéndez de Avilés nach Florida entsandt. Menéndez finanzierte das teure Unternehmen im Wesentlichen selbst, erhielt dafür jedoch, wie erwähnt, La Florida als Lehen.

Vertreibung der Hugenotten aus Ostflorida

Don Pedro konnte die in ihn gesetzten militärischen Erwartungen zunächst vollauf erfüllen. Handstreichartig und mit äußerster Brutalität vertrieb er die hugenottischen „Heréticos“ aus ihren behelfsmäßigen Fortifikationen und gründete gleichsam im Vorbeimarsch einen rasch befestigten spanischen Stützpunkt an der Ostküste Floridas: St. Augustine, die älteste bis heute bestehende hispanische Stadt in Nordamerika. Hier wurden erst 2017 Skelette aus der Frühphase dieser Siedlung entdeckt. Nachdem Menéndez die Vertreibung der ketzerischen „Luteranos“ bewerkstelligt hatte, wandte er sich zu Erkundungszügen nach Norden entlang der floridianischen Atlantikküste bis in das heutige Georgia sowie schließlich auch in das Innere von „La Florida“. An der Westküste Floridas, im heutigen Charlotte Harbor, traf Menéndez sodann auf die regionale Militär- und Handelsmacht der Calusa.

Menéndez‘ Bündnis mit den Calusa

Rasch schloss man mit dem indigenen Fischervolk eine Allianz. Abgesichert wurde das strategisch wichtige Bündnis mit dem Bau von San Antón de Carlos im jahrhundertealten, weiter südlichen gelegenen Machtzentrum der Calusa-Kultur; sowie mit Menéndez‘ Heirat mit einer Tochter des Calusa-Kaziken, die von den Spaniern den Taufnamen Doña Antonia erhielt. Sie diente den Kastiliern insbesondere als diplomatischer Faustpfand in ihren von Beginn an wohl brüchigen Beziehungen mit den Calusa und deren Rivalen, den Tocobaga. Neben einer kleinen militärischen Garnison beherbergte das spanische Kastell auch eine Jesuitenmission. Als Teil der „Provincia de la Compañia de Jesus de Nueva España“ sollte diese im wichtigsten Siedlungskomplex der Calusa unmittelbar die Oberschicht des Ethnikums christianisieren. Damit folgten die Ordensmänner der Gesellschaft Jesu etwa auch in Afrika oder Asien angewandten Missionsstrategien.

Das Scheitern der Spanier an Floridas Golfküste

Auf die Erzfeinde der Calusa, die vorerwähnten Tocobaga, traf Pedro Menéndez de Avilés bereits 1567 weiter nördlich, im Gebiet des heutigen Safety Harbor in der Tampa Bay, in der Hauptsiedlung der Tocobaga. Begleitet durch Krieger der Calusa gelang es den Spaniern schließlich, zwischen beiden Häuptlingstümern zu vermitteln. Als neuer Machtfaktor in der Region errichten die Hidalgos folgerichtig auch eine weitere spanische Garnison nebst Mission in Safety Harbor; diesmal in der direkten Umgebung eines Dorfes der Tocobaga. Doch schnell zeigte sich, dass die Position der Spanier an der Golfküste Floridas, trotz aller Bemühungen instabil blieb.

Die isolierte Lage der beiden Presidios und ihre nahezu vollständige Abhängigkeit von indigenen Lebensmittellieferungen verunmöglichte eine dauerhafte Etablierung der Kastilier an der floridianischen Westküste. Als im Januar 1568 eine spanische Versorgungsflotte in der Tampa Bay eintraf, fand sie das spanische Fort bereits verlassen. Sämtliche Spanier waren getötet. Im Juni 1569 schließlich mussten die Spanier nach wiederholten Spannungen mit den Calusa auch ihren militärischen Außenposten in der Estero Bay wieder aufgeben.

Die Spanier in West-Florida bis 1763

Erst um 1700 gelang den Spaniern eine dauerhafte militärische Präsenz weit im Westen Floridas — bis zur finalen Übergabe von La Florida an die Briten 1763. Im Bereich der Pensacola Bay und dem Mündungsgebiet des Río Apalachicola ging es vor allem um die Sicherung ihrer Interessen und Gebietsansprüche gegenüber Briten und Franzosen. Diese drangen mithilfe indigener Verbündeter immer weiter nach Süden vor. Die Golfküste Floridas war infolge eingeschleppter Seuchen inzwischen weitgehend entvölkert und besaß für die Spanier keinerlei strategischen Wert mehr.