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Ausstellung: Amsterdams Sklavereigeschichte

Sklavereigeschichte Amsterdam-Suriname, Zuckerplantage Waterland
Gemälde der Zuckerplantage "Waterlant" um 1706/08 in Suriname von Dirk Valkenburg (1675-1718). Erster Besitzer dieser Plantage war der einflussreiche Amsterdamer Stadssecretaris und Schöppe Jonas Witsen (1676-1715). Sein Großvater Cornelis Witsen, Jansz (1605-1669), amtierte viermal als Amsterdamer Bürgermeister und gehörte langjährig zur Führungsriege der niederländischen Westindien-Compagnie. Bild: Stadsarchief Amsterdam/Amsterdam Museum

Fast drei Jahrhunderte lang ist Amsterdams Wirtschaft eng mit den transozeanischen Sklavereisystemen Europas verzahnt. Weite Teile der Amsterdamer Bevölkerung partizipieren insbesondere während des 17. und 18. Jahrhunderts an der atlantischen und der asiatischen Sklaverei. Namentlich die in den ersten Dekaden des 17. Jahrhunderts entstehenden indischen Handelscompagnien der Niederlande spielen dabei eine bedeutendende Rolle. Amsterdam bildet gewissermaßen das politisch-ökonomische Zentrum der 1602 gegründeten Vereinigten Ostindien-Compagnie (VOC) und der 1621 etablierten Westindien-Compagnie (WIC); die wichtigsten Verwaltungsgremien und Anteilseigner dieser halb-staatlichen Handelsgesellschaften haben in der Stadt der Grachten und Kontorhäuser ihren Sitz.

Aufschwung Amsterdams nach 1585

Aufgrund seiner stetig gewachsenen Handelsverbindungen in den Ostsee- und Mittelmeerraum verfügt Amsterdam bereits seit dem 16. Jahrhundert über beträchtliche hafenwirtschaftliche Kapazitäten. Die Stadt entwickelt sich zudem immer mehr zu einem Zentrum merkantiler, nautischer und kartografischer Expertise und finanzökonomischer Innovationskraft. Mit der spanischen Eroberung Antwerpens 1585 und den nachfolgenden Fluchtbewegungen flämischer und wallonischer Merkatoren nach Norden kann die Stadt an Amstel und IJ schließlich weiteres Kaufmannskapital binden und Amsterdam in hochlukrative Fernhandelsnetzwerke integrieren. Der Zustrom Tausender, teils wohlkapitalisierter Fernhändler und Manufakturisten calvinistischer, aber auch katholischer Konfession, verschafft der Hafenstadt einen nie da gewesenen Aufschwung. Die Migration aus den südlichen Niederlanden verknüpft sich dabei mit teils älteren, teils parallel laufenden Fluchtbewegungen sephardischer Juden oder unter Zwang getaufter Neuchristen von der Iberischen Halbinsel; wenngleich sephardische Flüchtlingsfamilien insgesamt nur einen verschwindend geringen Anteil an den Migrationsströmen nach 1585 haben.

Amsterdam als zentraler Finanz- und Handelsplatz der Frühen Neuzeit

Sich verschärfende militärische Auseinandersetzungen mit Spanien und nachfolgende Handelsboykotte erfordern bald verstärkte überseeische Aktivitäten seitens der Niederlande; etwa beim Kampf um karibische Salzgärten. Dies bietet gerade den Neuankömmlingen aus dem Süden enorme Expansionsmöglichkeiten unter dem politischen und militärischen Schutz der Rebellenrepublik. Die 1590er Jahre markieren sodann bereits den Beginn regelmäßiger Schifffahrt zwischen Amsterdam und anderen niederländische Seestädten nach Pernambuco in Brasilien, der Karibik und Westafrika; desgleichen fallen in diese Zeit auch die Anfänge der niederländischen Kauffahrtei nach den sagenhaften Gewürzinseln Ostindiens. In der Folge entwickelt sich Amsterdam zum zentralen Handels- und Finanzplatz für den Norden Europas und das kontinentale Hinterland des Heiligen Römischen Reiches. Das Goldene Zeitalter der Niederlande hat begonnen und Amsterdam wird zum Mittelpunkt eines globalen, frühneuzeitlichen Commerziums.

Atlantische Plantagenwirtschaft und Amsterdamer Hafenbetrieb

Wichtige Importgüter etwa der atlantischen Plantagenwirtschaft, wie Tabak oder Zucker, werden nun regelmäßig an Amsterdams Ladekaien angelandet, sodann veredelt und teils re-exportiert. In steigendem Maße liefern Amsterdams Manufakturen zudem Tausch- und Handelsgüter für die Negotien mit den Küstenbewohnern Amerikas und Westafrikas. Im Hinblick auf Amsterdams Hafenwirtschaft bildet die Handelsmetropole überdies ein weit über die Niederlande hinaus reichendes Zentrum des Schiffsbaus und mit der Kauffahrtei verbundener Dienstleistungen; etwa im Bereich des maritimen Versicherungswesens und der Schiffsfinanzierung.

Proviant für die Ost- und Westindienfahrer

Das agrarisch geprägte Umland Amsterdams versorgt zudem unzählige Ost- und Westindienfahrer, darunter auch viele Sklavenhandelsschiffe, bis weit in das 19. Jahrhundert hinein mit Proviantgütern. Der intensivierte Waren- und Schiffsverkehr macht Amsterdam schließlich auch zum Drehkreuz einer transkontinentalen Arbeitsmigration. Aus allen Teilen der Lägen Lande und Europas strömen Arbeitskräfte in die Hafenstadt; sie dienen sich den indischen Compagnien schließlich als Seeleute, Soldaten, gut besoldete Fachkräfte oder einfache Kontorsgehilfen an.

Sepharden und afrikanische Sklaven in Amsterdam

Die ersten Afrikaner gelangen vermutlich Ende des 16. Jahrhunderts mit den erwähnten iberischen Inquisitionsflüchtlingen nach Amsterdam. Sie gehören als Diener oder als Sklaven zum wohlhabenderen Teil sephardisch-jüdischer oder neuchristlicher Familienverbände in Amsterdam. Auf der Iberischen Halbinsel ist die Institution der Sklaverei bereits seit den Tagen der Reconquista und des imperialen Ausgreifens Portugals und Kastiliens nach den atlantischen Inseln sowie nach Nord- und Westafrika fest etabliert. In Amsterdam wird der von der Península ererbte formale Sklavenstatus dieser Menschen seitens der Oberheit weitgehend toleriert. Nicht wenige dieser Afrikaner konvertieren im weiteren Verlauf ihres Lebens jedoch zum Judaismus. Spätestens hierdurch erlangen sie formell die Freiheit, verbleiben jedoch innerhalb des stark hierarchisierten und segregierten Sozialgefüges der kleinen sephardischen Gemeinschaft Amsterdams. Diese ist 1626 auf gerade einmal 800 Menschen angewachsen, bei einer Amsterdamer Gesamtbevölkerung von rund 100.000 Menschen.

Amsterdam und die niederländische Westindien-Compagnie

Mit dem Beginn der niederländischen Guineafahrt in den 1590er, welche gleichsam den Spuren der Iberer folgt, entfaltet sich nun auch die unmittelbare Partizipation Amsterdamer Kaufherren am atlantischen Sklavenhandel. Vor allem die 1621 gegründete niederländische Westindien-Compagnie verleiht dem kompetitiven Menschenhandel der Vereinigten Provinzen alsbald die nötige organisatorische und militärische Schlagkraft. Letztere ermöglicht der allprovinzialen Monopolgesellschaft nach 1630 schließlich die Eroberung bedeutender Plantagenkolonien und Sklavendepots in Brasilien und an der westafrikanischen Küste. Die strategisch wichtige portugiesische Sklavenveste Elmina kann von der Westindien-Compagnie 1638 erobert werden. Nach dem Rückzug der WIC aus Brasilien 1654 und dem raschen Aufstieg der englischen Seemacht im Atlantikraum, verliert die Westindien-Compagnie jedoch ihre zeitweilige Vorrangstellung im afrikanisch-amerikanischen Sklavenhandel.

Amsterdams Sklavereigeschichte: Curaçao und Suriname

Trotz des Niedergangs der Westindien-Compagnie in den 1670er Jahren verbleibt Amsterdam insbesondere über die „Sociëteit van Suriname“ eng mit der atlantischen Sklaven- und Plantagenwirtschaft verbunden: Die Stadt Amsterdam selbst erwirbt in den 1680er Jahren ein Drittel des Kapitals dieser bis 1795 bestehenden Handels- und Landbaugesellschaft in Suriname. Zudem bestehen bis weit in das 18. Jahrhundert intensive Handelsverbindungen Amsterdams mit den niederländischen Sklavendepots auf Curaçao und in geringerem Maße auch mit dem interkolonialen Emporium Sint Eustatius.

Ära des Amsterdamer Sklavenhandels

— Diese weltweite Vernetzung der Amsterdamer Kaufmanns- und Regentenklasse bedingt es schließlich auch, dass seit dem 17. Jahrhundert immer wieder auch afrikanische Sklaven, vereinzelt aber auch freie Afrikaner, nach Amsterdam gelangen. Vermutlich rund 1.000 versklavte Afrikaner leben während der Ära des Amsterdamer Sklavenhandels zumindest zeitweilig in der niederländischen Metropole; eine wiewohl nur geringe Anzahl in Relation zu den etwa 70.000, allein durch die Amsterdamer WIC-Verwaltungskammer zwischen 1674 und 1795 nach Amerika verschleppten afrikanische Sklaven. Diese Periode markiert gleichsam die Hochzeit von Amsterdams Sklavereigeschichte; jener Epoche zwischen der Aufrichtung der sogenannten „zweiten“ Westindien-Compagnie, nach dem Konkurs von 1674, und der Aufhebung der „Sociëteit van Suriname“ 1795.

Aufhebung der Sklaverei in Ostindien, Suriname und auf den Antillen

Formal endet die Sklaverei in Niederländisch-Ostindien 1860; die Niederländischen Antillen und Suriname folgen 1863. Den ehemaligen Sklaven Surinames wird jedoch noch eine zehnjährige „Arbeitspflicht“ auferlegt, welche sie auf den Plantagen einstiger Sklavenhalter ableisten müssen. Nur ein Jahr vor dem Ende der surinamischen Dienstpflicht, 1872, verkaufen die Niederlande schließlich ihre sklavereigeschichtlich so bedeutsamen Besitzungen im heutigen Ghana, mit der erwähnten einstigen Sklavenfestung Elmina im Zentrum, an das Britische Empire.

Amsterdamer Stadsarchief: Ausstellung „Amsterdammers en slavernij“

Der Geschichte dieser hochvernetzten und dynamischen Sklavenökonomie Amsterdams, ihrer Opfer, ihrer Akteure und Profiteure, ist seit einigen Wochen im Amsterdamer Stadsarchief eine Sonderausstellung gewidmet: „Amsterdammers en slavernij“. Die am 30. Juni gestartete Schau folgt in 13 höchst unterschiedlichen Lebensläufen den Verstrickungen und Verbindungen Amsterdams in den globalen Sklavenhandel — vom einfachen Matrosen bis zum Slaverkapitän; vom Amsterdamer Dienstboten bis hin zum Notar in den Diensten der Amsterdamer Regentenklasse. Dabei wird auch der vielfach aus Sklaven, manumittiertem Hauspersonal und Freigeborenen bestehenden afrikanischen Gemeinde Amsterdams gedacht; etwa dem Amsterdamer Zigarrenmacher Hendrik van Guinea Charles (1827-1899), dessen afro-niederländische Familiengeschichte vergleichsweise gut dokumentiert ist.

Afro-niederländische Geschichte, Amsterdam, Suriname, Ghana; Hendrik van Guinea Charles (1827-1899)
Fotografie des Amsterdamer Zigarrenmachers Hendrik van Guinea Charles (1827-1899). Die Geschichte der afro-niederländischen Familie Charles ist eines der Themen, der am 30. Juni eröffneten Ausstellung „Amsterdammers en slavernij“ im Stadtarchiv von Amsterdam. Bild: Stadsarchief Amsterdam

Lebensgeschichte des Afro-Niederländers Hendrik van Guinea Charles

— Hendrik van Guinea Charles Vater Johannes Charles Sr. wird wahrscheinlich um 1798 in Elmina an der niederländischen Goldküste geboren. Im Alter von sieben Jahren wird Charles in die Sklaverei nach Suriname verkauft. Er gelangt dort in das Kontor eines mutmaßlich aus dem Oldenburgischen stammenden Kaufmanns, Johannes Buschman. Dieser lässt Johannes Charles 1817 in der Evangelischen Brüdergemeine von Paramaribo taufen. Nach Buschmans Tod reist der junge Kaufmannsgehilfe mit Buschmans Witwe, einer freien Woman of Color, und ihren drei kleinen Kindern in die Niederlande. Offenbar in Suriname bereits manumittiert, heiratet Charles 1824 schließlich eine weiße Niederländerin. Mit ihr wird er in den folgenden Jahren insgesamt 10 Kinder zeugen. Als drittes Kind kommt 1827 noch in Rotterdam Hendrik van Guinea Charles zur Welt. Wenig später lässt sich die Familie in Amsterdam nieder.

2021: Sklavereigedenken in Niederlanden und der Karibik

Die in der „Hal en Schatkamer“ des Stadtarchivs gezeigte Schau „Amsterdammers en slavernij“ ist in Amsterdam noch bis zum 11. Oktober zu sehen. Die Exposition lässt sich gut mit einem Besuch der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung des Amsterdamer Stadsarchiefs verbinden. Nach der großen Suriname-Schau in der Nieuwen Kerk, welche im vergangenen Februar endete, leitet auch diese sklavereigeschichtliche Ausstellung auf das wichtige WIC-Gedenkjahr 2021. Dem für die Geschichte der atlantischen Sklaverei so gewichtigen Ereignis wird in den europäischen Provinzen des Königreichs und dem Caribischen Nederland 2021 mit einer ganzen Reihe von Expositionen und Symposien gedacht. Im Amsterdamer Rijksmuseum etwa ist eine große sklavereigeschichtliche Ausstellung geplant, die am 12. Februar 2021 eröffnen soll.

Literatur

  • Leo Balai, Geschiedenis van de Amsterdamse Slavenhandel. Zutphen 2013.