Start Jahres- & Gedenktage Sklavereigedenken: Woold homé, La Maison Wood, Togo

Sklavereigedenken: Woold homé, La Maison Wood, Togo

Sklavenschmuggel Westafrika, 19. Jahrhundert, Woold homé
Das "Woold homé" im Januar 2016: Hinter den kleinen, ebenerdigen Rundbögen liegt ein ehemaliges geheimes Sklavendepot aus dem 19. Jahrhundert. Es wurde durch den schottischen Kaufmann John Henry Wood zwischen 1835 und 1852 für Sklavenschmuggelgeschäfte nach Amerika genutzt. Bild: Cora Unk / Alamy Stock Foto

Alljährlich am 23. August gedenken die Vereinten Nationen der Gewaltgeschichte des atlantischen Sklavenhandels und der formellen Abolition der Sklaverei im 19. Jahrhundert, insbesondere im westlichen Atlantikraum. Das Datum erinnert zugleich an den historischen Wendepunkt dieses jahrhundertelangen Gewaltgeschehens: der Haitianischen Revolution; jene bricht in der Nacht vom 22. auf dem 23. August 1791 in der damaligen französischen Zucker- und Sklavenkolonie Saint-Domingue aus. Am Ende eines mit großer Brutalität geführten Krieges steht schließlich, die Selbstbefreiung der Sklaven und die Unabhängigkeit des ersten von ehemaligen Sklaven geschaffenen Staates in Amerika. — Der 23. August wurde 1998 erstmalig von der UNESCO zum Gedenken an die Deportation von schätzungsweise 12 Millionen afrikanischen Sklaven nach Amerika begangen.

Verbot des Sklavenhandels auf dem Atlantik

Für Dänisch-Westindien wird der atlantische Sklavenhandel über See bereits 1792 formell verboten; Dänemark ist damit der erste europäische Staat, welcher den atlantischen Sklavenhandel symbolpolitisch zu ächten sucht, ungeachtet des Fortbestands der Sklaverei als Rechtsinstitution in den dänischen Pflanzerkolonien der Karibik. Entscheidender für die sklavereigeschichtliche Wendezeit der europäisch-atlantischen Revolutionskriege zwischen 1776 und 1815 ist jedoch die Verbotsverfügung des britischen Parlaments vom 25. März 1807 gegen den atlantischen Sklavenhandel zur See; denn nun versucht erstmalig eine maritime Großmacht, den atlantischen Sklavenhandel mit marinepolizeilichen Mitteln zu unterbinden.

Atlantischer Abolitionismus im 19. Jahrhundert

Das Verbot des Sklavenhandels ist für die Briten lediglich ein erster Schritt zur vollständigen Abschaffung der Sklaverei: 1833 beschließt Großbritannien, die Sklaverei in seinen westindischen Besitzungen sowie in der Kapkolonie und auf Mauritius abzuschaffen. Das Gesetz tritt 1834 in Kraft, wiewohl verbunden mit einem gigantischen Entschädigungsprogramm für Großbritanniens ehemalige Sklavenbesitzer; nach heutigem Wert etwa 18,8 Milliarden Euro. Die anderen Sklavereiakteure des Atlantikraums und der Karibik folgen der britischen Abolitionspolitik nach und nach: Dänemark etwa emanzipiert 1848 seine Sklaven nach einer Rebellion auf St. Croix (Sankt Croix) im gleichen Jahr; die Niederlande beschließen erst 1863, die Sklaverei in ihren Kolonien abzuschaffen; Brasilien gar erst 1888.

Klandestiner Sklavenhandel auf dem Atlantik

Der atlantische Sklavenhandel über See ist zwar spätestens um 1840 durch alle wichtigen europäisch-amerikanischen Mächte formal verboten; dennoch besteht er im Geheimen noch jahrzehntelang fort. Insbesondere brasilianische, kubanische und US-amerikanische Plantagenbesitzer verbleiben als Hauptabnehmer dieser klandestinen Kontraökonomie, der Schmuggler- und Slaverwelt des sogenannten „Verborgenen Atlantiks“. Allein in den Süden der Vereinigten Staaten sollen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch rund 1,2 Millionen Sklaven über versteckte Übergabepunkte an den Küsten eingeschmuggelt worden sein. Nur selten gelingt ihre Befreiung auf See durch marinepolizeiliche Patrouillen, wie etwa 1860 bei der Aufbringung dreier Sklavenschmugglerschiffe durch die U.S. Navy vor der kubanischen Küste. An Bord der drei Segler WILDFIRE, WILLIAM und BOGOTA befinden sich seinerzeit insgesamt 1.432 Sklaven, die auf direktem Weg von Benin und der Kongomündung über den Atlantischen Ozean verschleppt wurden.

Verstecktes Sklavendepot aus dem 19. Jahrhundert: „Woold homé“

Die traditionell als „Sklavenküste“ bezeichneten Gebiete entlang der Bucht von Benin, östlich der britischen Einflusszonen im heutigen Ghana, bilden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wichtige Umschlagplätze jener geheimen atlantischen Sklavenhandelsökonomie. Ein noch relativ wenig bekanntes architektonisches Zeugnis dieser maritimen Schattenwirtschaft ist das sogenannte „Woold homé“. Das auch als „La Maison Wood“ bezeichnete ehemalige Sklavendepot befindet sich in der togolesischen Stadt Agbodrafo, 35 km östlich der Hauptstadt Lomé. Es wird in dem bereits von portugiesischen Sklavenhändlern genutzten Küstenort 1835 durch den schottischen Kaufmann John Henry Wood errichtet. Von außen, insbesondere von der nahen Küste aus, ist das Gebäude als Sklavendepot nicht erkennbar.

Düster-feuchtes Kellergeschoss

Unter dem etwa 200 m² großem Wohn- und Kontorsbereich befindet sich jedoch ein düster-feuchtes Kellergeschoss; zugänglich über eine Falltür im Hochparterre. In dem Kellerverlies werden aus dem Hinterland verschleppte Sklaven versteckt und versorgt; bis zu ihrem heimlichen Verkauf auf vor der Küste wartende Slaverschiffe. Mitunter wochenlang sitzen, kauern oder liegen die Sklaven eingepfercht in den nur ein Meter fünfzig hohen Kellerräumen des „Woold homé“. Doch die eigentlich lebensbedrohliche Tortur der Atlantikpassage an Bord eines Sklavenschiffes steht ihnen noch bevor.

„Woold homé“ als sklavereigeschichtlicher Erinnerungsort

Der schottische Sklavenhändler John Henry Wood agiert unter dem Schutz eines lokalen afrikanischen Familienverbundes bis 1852 in Agbodrafo. In jenem Jahr wird das Küstengebiet um die Bucht von Benin einem britischen Protektorat einverleibt, was den klandestinen Sklavenhandel des Schotten offenbar beendet. Erst 1999 wird die ursprüngliche Funktion des „Woold homé“ als getarntes Sklavendepot wieder entdeckt. Aufgrund seiner historischen Bedeutung befindet sich das Haus seit 2002 auf der Vorschlagsliste des UNESCO-Welterbes. 2006 wurde das „Woold homé“ restauriert. Das Gebäude verfügt in seinem Hochparterre, nebst einem Panzerschrank aus britischer Produktion, teils noch über Mobiliar aus dem 19. Jahrhundert; es ist für Besucher zugänglich.