Start Wirtschaftsgeschichte Providence Island: Puritanisches Commonwealth und Kaperstützpunkt

Providence Island: Puritanisches Commonwealth und Kaperstützpunkt

Puritaner-Kolonie Providence Island in der Karibik
Blick von Providence Island auf die Isla Santa Catalina. Im 17. Jahrhundert bildete die heute durch einen Kanal abgetrennte Landzunge das Verteidigungszentrum der puritanischen "Providence Island Colony" (1630-1641). Bildurheber: Roberto San Andrés; Bild lizenziert unter CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

Im November 1620 gelangt erstmalig eine Gruppe puritanischer Kolonisten nach Nordamerika. Rund ein Drittel der Passagiere an Bord der legendären MAYFLOWER gehört zu dieser strenggläubigen Gemeinschaft calvinistischer Dissidenten. Die auch als „Saints“ oder „Pilgerväter“ bezeichneten MAYFLOWER-Puritaner repräsentieren gleichsam den radikalen separatistischen Flügel des englischen Puritanismus; organisiert zumeist in sendungsbewussten Untergrund- und Exilgemeinden und scharf antikatholisch eingestellt gegen den anglikanischen Staatskirchenprotestantismus der Krone Englands. Ein Teil dieser radikal-protestantischen Strömung gegen die „Church of England“ ist 1608 in die Niederlande exiliert. Innerhalb dieser Gruppe sind die kongregationalistischen und separatistischen Tendenzen des Puritanismus besonders stark ausgeprägt. Die niederländische Stadt Leiden ist dabei aber nur eine Zwischenstation auf der weltlichen Pilgerreise dieser gestrengen Puritanerfraktion.

Aufbruch der Exilpuritaner in die Neue Welt

Die quirlige Universitätsstadt behagt den separatistischen Refugiés offenbar kaum und bietet der eher — ihrem Ursprung nach – agrarisch geprägten Exilgemeinde ohnedies nur ein schlechtes Auskommen am Rande der städtischen Unterschichten. Nachdem alternative Auswanderungsziele in niederländische Kontaktzonen am Hudson sowie am Essequibo in Guyana verworfen wurden, wendet man den Blick nach den jungen englischen Pflanzländern in Nordamerika: Mit der Unterstützung englischer Glaubensgenossen und einer Kapitalgesellschaft gelingt schließlich die Zurüstung eines ersten großen Siedlerkontingents — mit den gestrengen Vertretern des niederländischen Exilpuritanismus als Kernelement der Passagiere.

Die MAYFLOWER und die Plymouth Colony

Der erste Landgang der Kolonisten von der MAYFLOWER erfolgt beim heutigen Provincetown, Massachusetts. Wenig später errichtet die Siedlerschar eine erste dauerhafte Niederlassung an Neuenglands Küsten: Plymouth Colony; Auftakt zu einer Masseneinwanderung, die insbesondere in den 1630er Jahren zur Besiedlung weiter Teile der Massachusetts Bay führen wird. Unter den Immigranten jener Schiffszüge nach Westen vielfach auch weitere puritanische Gemeinschaften und Familienverbände der verschiedensten Observanzstufen. 2020 jährt sich die Ankunft der MAYFLOWER-Pioniere an der Cape Cod Bay nun also zum 400. Mal. Zahlreiche Institutionen und Kommunen in den USA, Großbritannien und den Niederlanden gedenken in diesen Tagen der gottesfürchtigen MAYFLOWER-Kolonisten.

Religiöse Sendung und koloniale Demokratie in Massachusetts

Im Blickpunkt hierbei in besonderer Weise zentrale Aspekte des nationalamerikanischen Identitätshaushaltes: die religiöse Sendung und Exzeptionalität der Plymouth-Siedler; ihre Erwartungen an ein zukünftiges Commonwealth unabhängiger Puritaner-Kongregationen in Nordamerika; schließlich ihre Interaktion mit den indigenen Gemeinschaften der Massachusetts Bay, insbesondere im Kontext des Hungerwinters von 1620/1621; und nicht zuletzt die Diskussion um das Siedlerverbündnis am Cape Cod im sogenannten „Mayflower Compact“ als einem proto-demokratischen Markstein auf dem Weg zur Amerikanischen Revolution.

Die „Saints“ und ihre krypto-puritanischen Finanziers in England

Wichtige Förderer der Massachusetts-Kolonie sind Sympathisantenkreise der radikalen Calvinisten in England; ein gewichtiger Teil dieses Netzwerkes gehört nominell zwar weiterhin zur Church of England, macht aus seiner Bewunderung für die „Saints“ und seiner Abneigung gegen den „Papismus“ der Staatskirche meist keinen Hehl. Unter diesen „Krypto-Puritanern“ sind zuweilen auch Vertreter des Adels und des Handelsbürgertums. Gerade sie verfügen über teils beträchtlichem Einfluss im Parlament sowie am Hofe und haben für die Wanderungsgeschichte dieser radikalen Puritanerfraktion entscheidende Bedeutung.

Earl of Warwick, Robert Rich (1587-1658)

Einer der wichtigsten Vertreter dieser Nonkonformistenkreise in England: der zweite Earl of Warwick, Robert Rich (1587-1658), aus Essex. Der englische Graf gilt als ein zentraler Mittler zwischen puritanischen Geistlichen und Laienführern einerseits und risikofreudigen Fernhandelskaufleuten, Adligen und Höflingen andererseits. Unter Warwicks Vermittlung und Ägide fließt während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts schließlich beträchtliches Kapital in eine ganze Reihe atlantisch-antillianischer Kaper- und Kolonialunternehmungen. Warwicks Einfluss innerhalb frühenglischer Handels- und Landbaucompagnien, wie auch dezidiert puritanischer Kolonisationsunternehmungen ist kaum zu unterschätzen; dies zeigt sich bereits mit Blick auf seine Aktivitäten in der Massachusetts Bay ab 1620.

Warwick als atlantischer Kolonisationsunternehmer

So gilt Warwick etwa als wichtiger Makler bei der Erlangung königlicher Freibriefe für die nonkonformistisch geprägten Siedlungsunternehmen in der Massachusetts Bay — und mit Einschränkung auch in Connecticut; zeitweilig firmiert er gar als President des „Council for New England“, jener Vereinigung von Kapitaleignern, welche die Siedlung der MAYFLOWER-Separatisten ganz unmittelbar befördert und finanziert. Das beträchtliche Vermögen des Earls ist überdies in der prosperierenden Tabakwirtschaft Virginias sowie teils auch bereits im afrikanisch-amerikanischen Sklavenhandel investiert. Ab 1616 werden afrikanische Sklaven erstmalig auf den heutigen Bermudainseln eingeführt, einer Tabak- und Kattunpflanzerkolonie unter der sogenannten „Somers Isles Company“ (SIC), welche eng mit der aufstrebenden Kolonie Virginia verquickt ist. — Warwick ist auch in dieser Compagnie investiert.

Sklavenhandel zwischen Virginia und den Bermudas

Wie unmittelbar Warwicks atlantische Beziehungsnetzwerke wirksam sind, erweist die Episode um die Kaperschiffe TREASURER und WHIE LION: Nur rund ein Jahr vor der Ankunft der MAYFLOWER in Massachusetts kapern die beiden Handelskorsaren in der Bucht von Campeche ein portugiesisches Sklavenhandelsschiff. Eigner eines der Raubfahrer, die unter niederländischer Flagge segelnde TREASURER, ist wiederum der zweite Earl of Warwick, Robert Rich. Die Beute der beiden Kaperer: 60 afrikanische Sklaven.

Ein Teil jener zu Sklaven gemachten, kongolesischen Ambundu kann durch die WHITE LION im August 1619 im Mündungsgebiet des James River verkauft werden. Das Tauschgeschäft in der Virginia Colony ist der erste dokumentierte Handel mit afrikanischen Sklaven, der sich auf nordamerikanischen Boden ereignet. Als die TREASURER in der Siedlung am James River unerwartet Probleme mit der Gültigkeit ihres Markebriefs gewahren muss, wendet sich der Kapitän des Warwick-Kaperers nach den Bermudas; und tatsächlich kann die TREASURER die verbliebenen rund 30 versklavten Ambundu dort schließlich gegen Schiffsproviant eintauschen.

Die englisch-atlantische Kaper- und Schmugglerökonomie des 17. Jahrhunderts

Der Handel mit spanisch-portugiesischem Prisengut, darunter also auch geraubten Sklaven, bildet bereits seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine wichtige Säule einer spezifischen englisch-atlantischen Kaperökonomie; ab dem frühen 17. Jahrhundert gewinnt auch der Tauschhandel mit amerikanischen Agrarerzeugnissen an Bedeutung, insbesondere das englisch-indigene Kommerzium um Edelhölzer, Tabak und weiteren tropischen Medizinalpflanzen. An die Stelle saisonaler Faktoreien oder Schleichhandelsgeschäfte mit indigenen Gemeinschaften und spanischen Kolonisten treten ab Ende der 1620er Jahre zunehmend dezidiert englische Plantagenkolonien; allem voran Virginia, die Bermudas, Barbados oder St. Kitts sind hier zu nennen. — 1630 wird ein Kreis puritanischer Spekulanten und Investoren um den Rich-Clan diese Aktivitäten in einem einzigen, hochriskanten Kolonialprojekt zusammenführen.

Am westlichen Rand der Karibik: Providence Island

Im Zentrum dieser Landbaucompagnie: Providence Island am westlichen Rand der Karibik; eine nur rund 18 km² große, isolierte, wiewohl fruchtbare Insel, nach Westen rund 230 km von der sogenannten „Moskitoküste“ entfernt; nach Süden sind es etwa 460 km nach den Küstenwäldern Panamas. Das hügelige Eiland ist vulkanischen Ursprungs und ragt bis zu 365 m über den Meeresspiegel auf; den Osten, der mit spanischen Namen Providencia lautenden Insel schützt ein gefährliches, kilometerlanges Korallenriff. Die Insel gehört heute zur Republik Kolumbien.

Entlang wichtiger spanisch-amerikanischer Schiffsrouten

Abgeschieden und doch günstig gelegen entlang wichtiger spanisch-amerikanischer Schiffsverbindungen zwischen den Häfen Cartagena, Portobelo, Veracruz und Havanna wird sie bereits in den 1620er Jahren durch niederländische und französische Seeräuber frequentiert. 1627 und 1628 operieren in diesem Teil der Karibik etwa Kaperschiffe unter der Ägide der niederländischen Westindien-Compagnie (WIC). Den Raubfahrern der WIC gelingen seinerzeit unter anderen Kaperungen der Hondurasflotte und schließlich die spektakuläre Eroberung der spanischen Silberflota in der Bucht von Matanzas durch Admiral Piet Hein. — In dieser von hochgerüsteten Kaperflotten und spekulativen Kolonisationsunternehmungen geprägten Phase der karibischen Geschichte geht im Dezember 1629 bei Providencia eine kleine englische Freibeuterflotte vor Anker. Die Schiffe SOMERS ILANDS, ROBERT und WARWICKE verweisen bereits mit ihren klingenden Namen auf eine enge Verbindung mit der erwähnten bermudischen Somers Isles Company und dem Earl of Warwick, Robert Rich.

Die Providence Island Company

Schnell erreicht die Kunde von der günstig gelegenen und fruchtbaren Insel die Bermudas und England; ein weitgesteckter Kreis von Finanziers und Spekulanten im expandierenden Westindien- und Amerikageschäft der 1620er Jahre fasst hierauf den Entschluss, Providencia zu kolonisieren; mithilfe einer neu zu errichtenden Aktiengesellschaft, der Providence Island Company (PIC). — Organisatorisch im Zentrum des Unternehmens, wie zu erwarten, Warwick und enge Verwandte des Grafen; darunter etwa sein Bruder Henry Rich, dem ersten Earl of Holland (um 1590-1649), welcher die formelle Leitung der Company übernimmt, sowie mehrere Cousins, Schwäger und Schwiegersöhne. Viele dieser Personen sind wie Warwick in einer Vielzahl von Handels- und Kolonisationscompagnien investiert. Personelle Überschneidungen gibt es vor allem mit der Somers Island Company sowie Gesellschaften in Nordamerika, Guyana und Ostindien. Und: Viele dieser Männer teilen die puritanischen Überzeugungen Warwicks, was der Unternehmung von Beginn ein besonderes Gepräge verleiht.

Puritanische Pflanzer- und Sklavenkolonien in der Karibik

Das durch die Krone verliehene Siedlungspatent der Compagnie umfasst neben der „Plantation of Providence“ noch zwei weitere, ungleich größere Inseln: Henrietta, die heutige Isla de San Andrés, südlich von Providence Island gelegen; sowie Association Island, das heutige Tortuga vor der Nordküste Hispaniolas. Alle drei Inseln sollen zu Plantagenkolonien ausgebaut werden. Für die hügelige Vulkanlandschaft Providencias erwartet das Leitungsgremium der PIC alsbald reiche Ernten an Tabak, Baumwolle und Zuckerrohr. Bestellt werden sollen die Pflanzungen durch gottesfürchtige Kolonisten aus England, Puritanern — des Weiteren durch zu Sklaven gemachte Afrikaner. Der frühzeitige Rekurs der PIC-Führung auf ein Sklavenwirtschaftssystem auf den Inseln der Compagnie unterscheidet das Kolonisationsunternehmengen bereits von den Strukturen der älteren Somers Island Company.

Pläne der Providence Island Company für die Moskitoküste

Doch die Planungen der PIC gehen früh über die Vorstellungen eines subtropischen Puritaner-Commonwealths hinaus: Namentlich Providencia selbst könnte überdies Funktionen als Versorgungsbasis für weitere Kolonistenzüge nach dem mittelamerikanischen Festland oder anderen Inseln der Region übernehmen. Providence Island könnte geradewegs zum Sprungbrett für eine Kolonisierung der gegenüberliegenden Moskitoküste dienen — einem von den Spaniern praktisch nicht beherrschbaren Gebiet bis hinab zum Isthmus von Darién. Als Handels- und Bündnispartner der Indigenen und Maroons in der Hunderte Kilometer langen Küstenregion wäre ein stark fortifiziertes Providencia also der ideale Stapelplatz für derlei Aktivitäten.

In den Planungen der PIC nimmt die Moskitoküste einen ähnlichen spekulativen Stellenwert ein wie etwa zur selben Zeit die „Wilde Küste“ Guyanas oder das Amazonasdelta. — Die verschiedenen Landnahmeversuche der PIC an der Moskitoküste, auf Ruatán, San Andrés, Tortuga und schließlich Providence Island erweisen Züge der für die Epoche typischen Siedlungsspekulation; riskanten und nicht selten schlecht vorbereiteten Kolonisationsunternehmungen in feindlichem Territorien mit zuweilen Hunderten Toten, Verschollenen oder Verschleppten.

Freie Kolonisten und Vertragsknechte für Providence Island

Rasch beginnt die Providence Island Company nun ihr ambitioniertes Kolonisationswerk in der Karibik. 1631 trifft bereits ein erstes großes Kolonistenkontingent ein. Diese Siedlerpioniere stammen unmittelbar von den Bermudas und stehen damit in direkter Verbindung mit Warwicks SIC. In der Folgezeit werden jedoch auch Pflanzer und Arbeiter von den englischen Gütern der PIC-Aktionäre angeworben; späterhin rekrutiert man auch in den Neuenglandkolonien sowie der bereits 1623 begründeten Plantagenkolonie St. Kitts. Zunächst ziehen die Compagniewerber nahezu ausschließlich Männer heran; überwiegend einfache englische Bauern, Knechte, Burschen und Handlanger. Viele der Kolonisten kommen mit Indenturverträgen nach Providence Island, haben sich also für zwei oder drei Jahre zur Arbeit in den Plantagen freier Kolonisten (freemen) verpflichtet; jene repräsentieren die künftige Pflanzerelite des beabsichtigen Puritaner-Commonwealth. — Andere Indentured Servants stellen ihrer Arbeitskraft indes unmittelbar der Compagnie selbst zur Verfügung. Für ihre Servitutsverpflichtung erhalten die Vertragsknechte freie Überfahrt, Versorgung und die Aussicht auf Agrarlandzuteilungen am Ende ihrer Dienstzeit.

Providence Islands als karibisches Puritaner-Commonwealth

Dieses System aus Vertrauensleuten, gut beleumundeten Gemeindegliedern, nahen und fernen Verwandten, die von den Compagnie-Teilhabern angeworben werden, geben der Kolonie von Beginn an einen eher puritanisch-nonkonformistischen Charakter. Dem entsprechen bereits die Ermahnungen und Instruktionen der Compagnieführung von 1631: So ist den Providencia-Kolonisten das Fluchen oder Kartenspielen strengstens verboten; von Beginn an sollen sie ferner für den Bau von Gotteshäusern und Unterkünften für die mitgereisten Geistlichen sorgen; die brüderliche Gemeinschaft auf den Plantagen der Siedlung — anfänglich reine Männergesellschaften – hat auch eine spirituelle und laienseelsorgerliche Dimension; und selbstredend soll sie auch die soziale Kontrolle der Kolonie sicherstellen. Konflikte um die rechte christliche Lebensführung, Ausschlüsse von der Abendmahlsgemeinschaft oder schlicht Nachbarschaftsstreit und harsche Hierarchiekämpfe können diese Konzepte puritanischer Brüderlichkeit gleichwohl nicht verhindern; sie prägen das dramatische Geschehen auf Providence Island offenbar von Beginn an.

Sklaverei auf Providence Island

Fromme englische Farmer, Arbeitsmänner und Vertragsknechte bilden jedoch nur einen Teil der Bau- und Feldarbeitskräfte von Providence Island. Bereits das erste Kolonistenschiff von den Bermudainseln führt auch afrikanische Sklaven von dort mit. Eine Minderheit der puritanischen Siedler lehnt die Sklaverei zwar aus religiösen Motiven ab, kann sich aber gegen die Compagnieleitung und ihre Vertrauten auf Providence Island nicht durchsetzen. —

Als sich Mitte der 1630er Jahre die Insel stärker für Kaperoperationen öffnet — auf Betreiben von Teilen der Siedler und der PIC-Investoren -, steigt der Anteil insbesondere versklavter Afrikaner an Providencias Bevölkerung sogar deutlich an. Providence Island wird nun gezielt zum Anlaufhafen für Schleichfahrer und Freibeuter; und Sklaven gehören immer wieder zu den Prisen dieser Raubfahrer und Handelskorsaren. Nun finden die Versklavten also nicht mehr allein in abgelegenen spanischen Siedlungen Absatz, sondern auch bei den frommen Pflanzern von Providence Island. Zu den versklavten Afrikanern müssen sich zeitweilig auch nordamerikanische Indigene gesellen — verschleppte Kriegsgefangene aus den Neuenglandkolonien.

Kontakte mit den Indigenen der Moskitoküste

Die Versklavung von Indigenen aus den Ergänzungs- und Expansionsräumen entlang der mittelamerikanischen Karibikküste ist den Pflanzern und Compagniebediensteten jedoch streng verboten. Die indigenen Stämme und Gemeinschaften zwischen der Moskitoküste und Darién werden von der PIC sowohl als Verbündete, Handelspartner wie auch als künftige Missionsgemeinden calvinistisch-puritanischer Prägung protegiert. Verbindungen mit den Indigenen vom amerikanischen Festland werden offenbar bereits frühzeitig auf Providencia geknüpft, denn die Küstenstämme nutzen das Vulkaneiland traditionell zur Jagd auf die lokalen Schildkrötenpopulationen. Zudem gibt es Hinweise, dass Indigene sich auch selbst als Sklavenhändler verdingen, wobei sie an der Küste mitunter auch entführte Sklaven und selbst spanische Kolonisten gegen europäische Waren eintauschen. Für die PIC um ein Weiteres Anlass, keinerlei Konflikte mit ihnen aufkommen zu lassen.

Wachsende Zahl versklavter Afrikaner auf Providence Island

1635 zählt die Bevölkerung von Providence Island bereits rund 500, überwiegend englische Siedler, etwa 40 Frauen und einige Kinder europäischer Herkunft; zunächst befinden sich jedoch nur rund 90 Sklaven, meist afrikanischer Provenienz, auf der Puritanerinsel. Bis Anfang der 1640er Jahre wird sich die Zahl der Sklaven auf Providence Island indes vervierfacht haben; eine unmittelbare Folge der beständigen Seeräuberaktivitäten im Umkreis der Kaperbasis und des beträchtlichen Arbeitskräftebedarfs auf der Plantageninsel. Das Leitungsgremium der PIC betrachtet diese Entwicklung jedoch mit Sorge.

Marronage und Widerstand der afrikanischen Sklaven

— Denn bald prägt das hügelige Eiland auch eine ausgeprägte Marronagekultur; also der Bildung von Fluchtgemeinschaften entlaufener Sklaven im Inselinneren, auf die gleichwohl regelmäßig Jagd gemacht wird. Die große Zahl von Sklaven und Maroons wird von ihren selbst ernannten Herren zunehmend als Sicherheitsproblem wahrgenommen, insbesondere bei möglichen Angriffen durch die Spanier. Im Mai 1638 kommt es gar zur Niederschlagung einer Sklavenrebellion auf Providence Island, der ersten in der Geschichte der britisch-atlantischen Kolonialsklaverei überhaupt.

Prisensklaven für Bermuda und Virginia

Die Providence Island Company sucht gegenzusteuern, indem sie etwa den Besitz von Sklaven je Plantage beschränkt und überzählige Prisensklaven nach Bermuda oder Virginia verkaufen lässt. Zeitweilig bemühen sich die Vertreter der Compagnie überdies, die Immigration weiterer englischer Vertragsknechte durch den Verkauf von Providencia-Sklaven zu finanzieren. Die englischen Indentured Servants können, so die Erwartung der Compagnie-Führung, nach Ablauf ihrer Dienstzeiten auf der Moskitoküste angesetzt werden. Das geplante Geschäft misslingt, zeigt jedoch um ein Weiteres, wie sehr die Anwesenheit afrikanischer Sklaven den Sicherheitsinteressen wie auch den religiös-ethischen Befindlichkeiten eines Teils der Puritaner zuwiderläuft.

Wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Providence-Island-Kolonie

Sieht man von den erfolgreichen Handelsgeschäften des Kaperstützpunktes seit etwa 1635 mit Prisengut ab, verbleibt die Kolonie wirtschaftlich im Ganzen unter den Erwartungen der PIC-Investoren. Dies hat mehrere Ursachen: Einem extensiven Zuckerrohranbau auf Providence Island, wie von den Eignern ursprünglich intendiert, steht erwartungsgemäß die geringe Größe der Insel entgegen; ohnedies mangelt es den englischen Bauern schlicht an Erfahrung im tropischen Landbau. Experimente mit dem Anbau eines weiteren Handelsgewächses, Baumwolle, schlagen mangels Expertise der Kolonisten ebenfalls fehl; die englischen Pflanzer verlegen sich schließlich auf den Anbau von Tabak. Dieser bleibt aber hinter den Qualitäten der virginischen Tabakproduktion zurück und ist obendrein in den 1630er Jahren von einem massiven Preisverfall betroffen.

Medizinalpflanzen und Agrarexperimente

Als alternative Einkommensquelle setzt die Compagnie schließlich auf tropische Färber-, Gewürz- und Heilpflanzen: darunter etwa eine Medizinalpflanze, die auch auf dem benachbarten Henrietta Island (San Andres) gedeiht, eine Art wilde Kartoffeln mit erheblichem Verkaufspotenzial, zumindest aus Sicht der optimistischen Compagnieräte in England. Ähnliche Erwartungen knüpfen sich zudem an eine flachsartige Nutzpflanze von der Festlandküste, die gleichfalls auf Providence Island eingeführt werden soll. Weitere Experimente der Compagnie richten sich in den 1630er Jahren auf den Anbau von Rizinus, welcher bereits in englischen Pflanzerkolonien des Karibikraums verbreitet ist. Dessen Öl wäre als Grundstoff für Seifen in der englischen Textilproduktion hochbegehrt, so die Erwartungen der PIC.

Die Tabakpflanzerkolonie

Mangelnde Erfahrung, widersprüchliche Instruktionen sowie klimatische Schwierigkeiten vereiteln jedoch viele dieser Anbauversuche bereits in der Frühphase der Siedlung. Zudem rächt sich offenbar die religiös reglementierte Einwanderungspolitik der Compagnieführung; verhindert sie doch zuweilen, dass ausreichend erfahrene, wiewohl nicht-puritanische Kolonisten nach Providence Island gelangen. In der Folge verbleibt gerade Providence Island als periphere und wenig konkurrenzfähige Tabakpflanzerkolonie, auf deren karge Erträge überdies noch hohe Abgaben an die Compagnieeigner geleistet werden müssen.

Arbeitspflichten und Verteidigungswerke auf Providence Island

Das Leben auf Providence Island ist allenthalben durch harte Arbeit geprägt: Neben ihren Verrichtungen in den Feldern — für Cash Crops wie für die Versorgung der Kolonie selbst – sind Siedler, Knechte und Sklaven überdies zu regelmäßigen öffentlichen Arbeiten verpflichtet. Im Hauptort der Plantation, in New Westminster, dem heutigen „Old Town“, entstehen so etwa eine gemauerte Kirche sowie ein gleicherweise steinernes Gouverneursgebäude. Größte Kraftanstrengungen werden jedoch auf die Errichtung von Verteidigungsanlagen gelegt. Kleinere Schanzen, „Forts“, entstehen frühzeitig entlang der gesamten Westküste von Providence Island; zuletzt wird die Kolonie über fünf solcher Forteressen und Geschützstellungen verfügen; diese werden sämtlich mit Kanonen und speziellen Feldschlangen bestückt. Nach Osten hin wähnen sich die Siedler durch das erwähnte Riff geschützt.

Die „Seefestung“ Santa Catalina

Eine besondere Funktion in der Verteidigungsstruktur der Kolonisten nimmt überdies eine kleinere Halbinsel im Norden von New Westminster. Diese ist zunächst durch eine schmale Landenge mit der Hauptinsel verbunden. Die Kolonisten erkennen frühzeitig die exzellenten Verteidigungseigenschaften dieser Landzunge und bauen sie mit drei Befestigungen im Norden und im Westen derselben zu einer Art „Seefestung“ aus; darunter auch Warwick Fort, die erste von den Kolonisten errichtete Schanze. Diese nördliche Peninsula wird möglicherweise in späteren Jahren durch einen künstlichen Kanal von den Kolonisten abgetrennt, um selbst noch Angriffe von Land verhindern zu können; heutigentags verbindet eine schmale Brücke jenes „Santa Catalina“ genannte Eiland mit der Isla de Providencia.

Milizen und Militarisierung

Im Falle eines Angriffs sind die Kolonisten einer Miliz zugeordnet, welche wiederum einem Inselkriegsrat unter der Leitung englischer Berufsoffiziere untersteht. Der hohe Militarisierungsgrad, nachgerade Festungscharakter der Plantation, ist in dieser Form wohl einzigartig in der Geschichte frühneuzeitlicher englischer Koloniegründungen. Er folgt unmittelbar der besonderen Bedrohungslage des Eilands unweit spanisch-amerikanischer Schiffsrouten und Stützpunkte und der wachsenden Verstrickung der Kolonisten in englische und niederländische Kapergeschäfte. Der Pessimismus der Siedler ist unbedingt gerechtfertigt. Denn allmählich zieht die hochgerüstete und durchreglementierte Puritanerkolonie den Furor Spaniens auf sich.

Erste spanische Attacken auf Providence Island 1635/1640

— Ein erster Angriff der iberischen Großmacht auf Providence Island erfolgt im Juli 1635. Die im Hafen von New Westminster vor Anker gehende spanische Flotte kann von den Kolonisten fürs Erste jedoch wieder vertrieben werden. Von den massiven Verteidigungsanstrengungen der Engländer entlang der Küsten sind die Spanier offenbar nachhaltig beeindruckt. Beinahe fünf Jahre vergehen, bis die Spanier zu einem weiteren Schlag gegen das nunmehrige englische „Seeräubernest“ ansetzen. 1640 ist es soweit: im südlich gelegenen Cartagena verfügt der örtliche Gouverneur und Generalkapitän vorübergehend über starke Truppenkonzentrationen. Eigentlich sollen die spanisch-portugiesischen Einheiten im Hafen von Cartagena überwintern, werden nun aber zu einem massiven Angriff auf Providence Island ausgesandt.

Die Streitmacht, welche die Spanier nun aufbieten, reflektiert den hohen strategischen Wert der englischen Befestigungswerke auf dem kleinen Vulkaneiland: rund 1.000 Mann, überwiegend portugiesische Soldaten und afro-kolumbianische Milizionäre, hält man spanischerseits für erforderlich, um das englische Verteidigungssystem zu durchbrechen. Geplant ist ein Landungsmanöver unter dem Schutz einer schlagkräftigen Flotte, bestehend aus einer schwer bewaffneten spanischen Galeone und sechs Fregatten. — Doch auch diese Attacke misslingt; die Spaniarden müssen sich erneut zurückziehen.

Massiver Angriff unter Francisco Díaz Pimienta 1641

1641 schließlich wird dem tropischen Puritaner-Commonwealth auf Providence Island endgültig der Garaus gemacht: Am 19. Mai 1641 erscheint neuerlich eine spanische Armada vor Providence Island. An Bord der schweren Kriegsschiffe unter dem Kommando des Brasilien-Veterans und Canarios Francisco Díaz Pimienta (1594-1652): ein spanisches Expeditionsheer von nunmehr 1.400 Soldaten, des Weiteren 600 Mann Schiffsvolk und allerlei robustes Belagerungsgerät. Die gefährlichen Riffe im Osten der Insel umschiffend gelingt den Spanier in mehreren Pinassen eine Landung in der Hafenbucht von New Westminster. Offenbar sind die Strandzugänge durch die örtliche Miliz mit Laufgängen bewehrt worden, können von der spanischen Übermacht jedoch rasch gestürmt werden. Von hier ist es nun ein Leichtes, die Geschützstellungen rund um die Bucht zu erobern.

Die spanischen Landungstruppen nehmen alsbald Dutzende Kanonen ein und feuern nun ihrerseits in die Reihen der Milizionäre. Die Kolonie gerät in ein heilloses Durcheinander; einigen der etwa 350 englischen Siedler auf Providence Island eskampiert in das hügelige, buschige Hinterland der Insel, wo sich offenbar für den Verteidigungsfall angelegte Proviantverstecke befinden; einer kleineren Gruppe gelingt gar die Flucht aufs Meer hinaus nach der Moskitoküste.

Das Ende des karibischen Puritaner-Commonwealth

— Providence Island ist nun in spanischer Hand; und die Beute Pimientas und seiner Truppen ist durchaus beträchtlich: Infolge vorangegangener Kaperunternehmungen befinden sich etwa 381 afrikanische Sklaven auf der Insel, die späterhin über Portobelo und Cartagena weiterverkauft werden können. Überdies lagern beträchtliche Mengen an Prisen, Lebensmitteln und aus England entsandte Baumaterialien in den Magazinen von New Westminster. Die Compagnie hat eigentlich, wie erwähnt, ehrgeizige Kolonisationspläne auf der Moskitoküste. Aus Neuengland wird überdies ein weiteres Siedlerkontingent erwartet.

Die neuenglischen Puritanerpioniere treffen zum Ende des Jahres 1641 vor Providence Island ein und finden die Kolonie nun fest unter spanischer Kontrolle. Francisco Díaz Pimienta hat in den einstigen Befestigungen der Engländer eine Garnison von rund 150 spanischen Soldaten zurückgelassen. — Das puritanische Siedlerexperiment in der westlichen Karibik ist beendet, die Plantagen der Siedler verwaist. Der größte Teil der männlichen Kolonisten ist längst nach dem spanischen Cadiz verbracht worden. Dort müssen sie sich für ihre Weiterfahrt nach England zunächst in Spanien verdingen. Ihre Frauen und Kinder indes wurden bereits nach England verbannt. Ein kleiner Teil der ehemaligen Siedlergemeinschaft verbleibt jedoch in der Karibik und kann sich nach Tobago und St. Kitts durchschlagen.

Zerschlagene Träume, zerrissene Familien

Der Verlust des insularen Vorpostens vereitelt auch sämtliche Expansionspläne der Compagnie an der mittelamerikanischen Karibikküste. Von der PIC bereits ausgegebene Siedlungspatente im Golf von Honduras sind nunmehr obsolet. Ein auf der Bahia-Insel Ruatán befindliches Siedlerkontingent wird 1642 dort ebenfalls von den Spaniern überrannt. Für die risikofreudigen Investoren um den Earl of Warwick entpuppt sich das karibische Abenteuer der Providence-Kolonie im Wesentlichen als ein finanzielles Desaster. Und für viele ihrer einflussmächtigen Aktionäre warten in den 1640er Jahren nunmehr die Verwerfungen des Englischen Bürgerkrieges. — Von dem puritanischen Experiment in Sklaven- und Kaperökonomie sind 1641 bloßmehr zerrissene Familien übrig. Die Schicksale der versklavten Afrikaner indes verlieren sich in den merkantilen Weiten des Spanischen Imperiums.

Massenexekutionen auf Association Island (Tortuga), 1635

Tatsächlich sind die puritanischen Providencians einem ungleich härteren Schicksal offenkundig entgangen: Bereits 1635 hat der Zorn der Spanier die zweite PIC-Kolonie in der Karibik, Association Island, mit voller Härte getroffen. Bei einem Angriff unter dem General der amerikanischen Küstengaleeren, Ruy Fernández de Fuenmayor (1603-1651) gehen die Spanier offenbar ungemein brutal vor; 195 Kolonisten sollen nach der Eroberung der englischen Siedlung durch die Spaniarden gehängt worden sein, heißt es in zeitgenössischen Berichten. Nur ein kleiner Teil der Bewohner von Association Island kann fliehen oder überlebt in Gefangenschaft. — Dank seiner rauen Küstenlinien wird sich die Insel vor Hispaniola bald jedoch als Stachel im Fleisch der spanischen Küstenverteidigung erweisen; unter dem hispanischen Namen Tortuga steigt die 179 km² große Antilleninsel zu einem der wichtigsten Beutefahrerzentren der Karibik auf. — Ein überaus radikaler Gegenentwurf zum ursprünglich intendierten Puritaner-Commonwealth der Providence Island Company während der 1630er Jahre.

Das Scheitern der Providence Island Company

In historischer Perspektive erscheinen die Aspirationen und der Providence Island Company als reichlich unrealistisch: Zwar ist die Vulkaninsel überaus günstig gelegen; sowohl als zentraler englischer Kaperstützpunkt in der westlichen Karibik, wie auch als Sprungbrett für ambitioniertere Kolonisationspläne an der Moskitoküste. Doch zugleich ist das nur 18 km² große Eiland viel zu kleinräumig, um die hierfür erforderlichen agrarischen Strukturen vollumfänglich zu entwickeln. Die Versorgung der Kolonie selbst, etwaig ganzer Schiffscrews und Siedlerkontingente hätte Providence Island und seine puritanischen Bauern langfristig wohl stark überfordert; die Besiedlung der etwas größeren, militärisch aber schwerer zu verteidigenden Insel Henrietta misslingt bereits frühzeitig; die negative Wirkung dieses Umstands auf das gesamte Unternehmen ist sicher, nicht zu unterschätzen.

Puritanische Frontierbauern

Da sich im Umkreis der Providence-Island-Kolonie keine weitere englische Pflanzerkolonie etablieren kann, kommt der Insel für die Gesamtcompagnie zugleich eine wichtige Rolle als Cash-Crop-Lieferant zu; in der Folge fungiert die abgelegene Frontierinsel geradewegs als Versuchsfeld für allerlei tropische Agrarerzeugnisse, von welchem sich jedoch keines zum konkurrenzfähigen Handelsgewächs entwickeln kann. Selbst unter günstigeren Bedingungen hätte eine nur 18 km² großes Zuckerrohreiland die Erwartungen der PIC-Eigner in England wohl kaum erfüllen können. — Dass sich die Kolonie in der Folge verstärkt auf eine Art Prisenökonomie verlegen muss, fördert nicht allein die Korruption der örtlichen PIC-Repräsentanten, sondern gleicherweise auch permanente religiös-soziale Spannungen mit den gottesfürchtigen Farmern des Inselinneren. Umgeben von rauen Militärs, Seeleuten und Freibeutern erscheinen jene weit mehr als taumelnde und tief verunsicherte Frontierbauern einer karibischen Militärsiedlung, denn als Pilger eines Neuen Jerusalems.

Literatur

  • Karen Ordahl Kupperman, Providence Island 1630-1641. The Other Puritan Colony. Cambridge 1993.