Start Archäologie Neue Erkenntnisse zur Besiedlungsgeschichte der Karibik

Neue Erkenntnisse zur Besiedlungsgeschichte der Karibik

Saldoid-Keramiken karibischer Indigener: Lange Zeit glaubte man, dass Stiländerungen in den kunstvoll gefertigten Töpferwaren antillianischer Ureinwohner die Folge historischer Migrationsbewegungen gewesen seien; eine neue DNA-Studie scheint nun in eine gänzlich andere Richtung zu deuten. Credit: Corinne Hofman and Menno Hoogland

Als der genuesische Seefahrer Christoph Kolumbus im Oktober 1492 in die Archipele der Karibik vordringt, wähnt er sich nahe des sagenhaften „Cipangu“, dem Inselreich der Japaner. Von dort ist es nicht mehr weit nach den kontinentalen Schätzen Chinas und Indiens, so die trügerische Hoffnung des Navigators. Bekanntermaßen schippert die erschöpfte Erkundungsflotte unter dem Banner der spanischen Könige seinerzeit — im Inselgewirr der Bahamas. Weiter südlich trifft der von den Kanaren kommende Entdeckerzug des Kolumbus schließlich auf eine größere Landmasse: die Nordküste der Insel Hispaniola. In seinen Berichten nach Europa stilisiert Kolumbus die dortige Bevölkerung geradewegs zu einer Millionenschar friedsamer Heiden — eine äußerst großzügige Schätzung des künftigen Vizekönigs von Neuspanien; und womöglich nur ein durchsichtiges Manöver des Genuesen, um weitere Investitionen in seine kostspieligen Indienfahrten zu sichern.

Neue Studie zu indigenen Bevölkerungszahlen in der Karibik

Eine kürzlich im Fachblatt „Nature“ veröffentlichte Studie amerikanischer, karibischer und europäischer Wissenschaftler (Erstautoren: Daniel M. Fernandes, Kendra A. Sirak) erweist nun, dass diese Bevölkerungszahlen für die Großen Antillen reichlich übertrieben gewesen sein müssen. Nach den Berechnungen eines der Co-Autoren der Studie, dem Österreicher Harald Ringbauer von der Harvard Medical School, dürften bei der Ankunft der Spanier maximal lediglich 50.000 Menschen auf Hispaniola und Puerto Rico gelebt haben; es sind dies die regionalen Siedlungszentren der nach Irving Rouse (1913-2006) als „klassische Taínos“ bezeichneten Antillenbevölkerung.

Bislang größte Studie prä-historischer DNA aus dem Antillenraum

Grundlage dieser neuen Bevölkerungsberechnungen bildet die Identifikation sogenannter „genetischer Vettern“ (cousin pairings) in DNA-Proben von insgesamt 263 Individuen — dem bislang größten Untersuchungssample überwiegend prä-historischer DNA aus dem Antillenraum. Unter weniger als 100 männlichen Personen des Untersuchungssamples entdeckten die Wissenschaftler bereits 19 „genetische Cousins“; ein ungewöhnlich hoher Anteil an verwandtschaftlichen Beziehungen, so die Forscher, die sich anhand der DNA-Samples mitunter über beträchtliche Entfernungen und mehrere Generationen verfolgen lassen.

Die von den Forschern untersuchten Knochenfunde aus Venezuela, Curaçao, Hispaniola, Puerto Rico und den Bahamas stammen aus der Zeit von etwa 1000 v. Z. bis um 1600. An den DNA-Analysen der Studie war unter anderem das David Reich Lab führend beteiligt, einem Speziallabor für prähistorische DNA, das an der Harvard Medical School angesiedelt ist.

Kuba: Besiedlungsgeschichte vor 6.000 Jahren

In Kombination mit den Ergebnissen der karibischen Archäologie und Anthropologie liefert die genetische Studie offenbar auch wichtige Hinweise zur Besiedlungsgeschichte der Karibik: Demnach sei eine erste Siedlergruppe bereits vor ca. 6.000 Jahren mutmaßlich aus Mittelamerika nach Kuba gelangt, so die Autoren des Artikels. Bei Ankunft der Spanier in der Region ab 1492 wäre diese prähistorische Gemeinschaft jedoch nurmehr in einem kleineren Refugium des westlichen Kubas präsent gewesen — und dann aus noch ungeklärter Ursache verschwunden.

Arawak-Sprecher gelangen nach Norden

Eine zweite, hochmobile Gruppe von Arawak-Sprechern, auf deren Nachfahren die spanischen Eroberer zuerst trafen, gelangte schließlich vor etwa 2.500-3.000 Jahren in die Region. Diese zweite Welle stammte ursprünglich aus dem Orinoco-Delta und dem venezolanischen Küstenvorland. Unklar ist, ob diese historischen Migrationsbewegungen vom südamerikanischen Festland sukzessive über die Kleinen Antillen erfolgte (Trittsteintheorie); oder ob hochseeerfahrene Arawak-Sprecher direkt nach Norden in Richtung der Großen Antillen stießen, wie dies noch im Januar in einer morphometrischen Studie vermutet wurde.

Interinsulare Austauschbeziehungen in der Karibik

Die signifikanten Stiländerungen in der Keramik dieser inselkaribischen Feldbauernkultur über rund 2.000 Jahre hinweg wurden lange Zeit mehreren unterschiedlichen Einwanderungswellen zugeordnet. Auf Grundlage der vorliegenden DNA-Analysen weisen ihre kreativen Schöpfer jedoch eine bemerkenswerte genetische Kontinuität auf, so die Wissenschaftler; ihrer Ansicht nach handelt es sich um Deszendenten jener zweiten großen Migrationsgruppe in den Antillenraum, die über weitreichende interinsulare Austausch- und Verwandtschaftsbeziehungen in der Karibik verfügten — und zwar über Jahrhunderte hinweg. Gleichwohl schließt dies Einflüsse Dritter keineswegs aus, so die Autoren der Studie weiter.

Die indigenen Opfer der spanischen Conquista

Für die Beurteilung der frühkolonialen Gewalt- und Herrschaftssysteme in der Karibik sind diese neuen Berechnungsmodelle jedoch nicht entscheidend; dies betonen die an der Studie beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nachdrücklich; einer der wissenschaftlichen Supervisoren der Studie, David Reich, Leiter des erwähnten Speziallabors, attestiert der spanischen Conquista in Amerika unumwunden eine intentionale Politik der kulturellen Auslöschung; unabhängig von den tatsächlichen Opferzahlen.

Hispaniolas Bevölkerungszahlen bei Bartolomé de Las Casas

Hinzuzufügen wäre, dass die Bevölkerungsschätzungen für Hispaniola und Puerto Rico zwar im deutlichen Gegensatz zu zeitgenössischen Angaben etwa bei dem Dominikaner Bartolomé de Las Casas (1484/1485-1566) stehen — er ging von über drei Millionen Indigenen auf Hispaniola bei Ankunft der Spanier aus; doch gleicherweise zu bedenken ist, dass Las Casas mit seinem Bericht über die „Verwüstung der Westindischen Länder“ (1552) vor allem ein grundsätzliches Ende der sogenannten „Indianersklaverei“ erstrebte — und zwar nicht allein auf Hispaniola – er also dezidiert politischen Interessen folgte, die auf Spanisch-Amerika als Ganzes rekurrierten.

Spanische „Indianersklaverei“: überregionale Sklavenproduktion

Die kolonialspanische „Indianersklaverei“ hatte ihre Vorausbedingungen auch in einem überregionalen System insularer und litoraler Sklavenjagden; im 16. Jahrhundert betrieben vor allem durch spanische Conquistadoren und Abenteurer. Die Akteure dieser Razziensklaverei waren beständig versucht, die im Entstehen begriffene Kolonialwirtschaft der Spanier mit Zwangsarbeitskräften zu versorgen; unterschiedlich große Arbeitskräftereservoirs folglich also auszugleichen und hieraus Gewinne zu erzielen.

Die Sklavenproduktions- und verwertungssysteme der Spanier sind von Beginn an ungemein großräumig und überregional orientiert, seegestützt und solcherweise hochmobil. Innerhalb dieser Strukturen sind lokale Bevölkerungsstände, Bevölkerungsdezimierungen oder Fluchtbewegungen also tatsächlich nicht entscheidend für die Realität kolonialer Gewalt.

Indigene Sklaven für Bergwerke, Plantagen und Perlenfischereihäfen

Für die erste Generation spanisch-amerikanischer Kolonisten ist die Neue Welt vor allem ein maritimer, ein insularer Raum: Aus den Raubzonen der Antillen, der Flussdeltas und Küstenländer Mittel- und Südamerikas werden die versklavten Indigenen schließlich in die Zentren sklavereiwirtschaftlicher Verwertung verschleppt: Bergwerkssiedlungen, Plantagenzonen, beispielsweise auf Hispaniola; oder frühe Knotenpunkte der kolonialspanischen Fischereiwirtschaft, etwa die Perlenfischerinsel Cubagua vor der Küste Venezuelas.

Nach Cubagua werden zu Beginn des 16. Jahrhunderts Teile der indigenen Bevölkerung der Bahamas deportiert. Rund 2.000 km von ihrer Heimat entfernt tauchen sie unter brutalen Arbeitsbedingungen fortan nach karibischen Perlmuscheln. Trotz einer Verbotsdurchsetzung der „Indianersklaverei“ durch die spanische Krone bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts wird die Razziensklaverei illegalerweise teils noch bis ins 18. Jahrhundert fortgesetzt; in Kriegszonen mitunter sogar wieder aufgehoben, wenn auch nur für beschränkte Zeit. Die spanische „Indianersklaverei“ erfolgt zeitlich nur geringfügig vor der nicht minder grausamen atlantischen Sklaverei zwischen Afrika und Amerika, oder läuft mit dieser periodisch und regional parallel.