Start Archäologie Bahamas, Hispaniola: Indigene Handels- und Austauschbeziehungen

Bahamas, Hispaniola: Indigene Handels- und Austauschbeziehungen

Indigene Töpferwerk Karibik Archäologie
Indigene karibische Keramik; Credit: Florida Museum photo by Kristen Grace

Die Inselwelt der Lucayen in der Präkontaktzeit, lange vor der Ankunft spanischer Conquistadoren: Ein komplexes indigenes Handelsnetz durchzieht seinerzeit die Inselkaribik. Nördlichste Ausläufer dieses Netzwerks bilden die Eilande und Cayos der heutigen Bahamas. Ursprünglich saisonal genutzte Außenposten haben sich in dem Archipel allmählich feste Siedlungsplätze und Häuptlingstümer, sogenannte „Cacicazgos“, etablieren können. Auf Angehörige dieser Gemeinschaften trifft am 13. Oktober 1492 Christoph Kolumbus mit seiner Flotte. Dieser epochemachende Erstkontakt vollzog sich möglicherweise auf Guanahani Island, von den Spaniern „San Salvador“ getauft, ein Gebiet in der mutmaßlichen Einflusszone eines bereits um 1300 etablierten Kazikentums auf Long Island. „Las Islas de los Lucayos“ nennen die iberischen Eroberer dieses nördliche Inselreich vor der Küste Floridas — die Inseln der „Lucayos“.

Präkolumbische Handels- und Austauschbeziehungen in der nördlichen Karibik

In der Forschung werden die Lucayos meist als eine Untergruppe der Taíno definiert. Sie sind etwa ab der Zeit um 600 u. Z. in der Region nachweisbar. Doch woher stammen diese Fischer, Jäger und Sammler genau? Mit welchen ihrer Nachbarn standen sie in regelmäßigen Kontakt, bestanden gar engere verwandtschaftliche, politische Beziehungen? Karibische und amerikanische Archäologen sind seit Längerem bemüht, diese präkolumbischen Handels- und Austauschbeziehungen im Bereich der Großen Antillen zu rekonstruieren. Emily C. Kracht, Lindsay C. Bloch und William F.Keegan, Forschenden des naturhistorischen Staatsmuseums von Florida (Florida Museum of Natural History, University of Florida), ist es nun gelungen, spezifische Gütertauschbeziehungen zwischen den Lucayen und den Großen Antillen nachzuweisen — mittels massenspektrometrischer Analysemethoden im High-Tech-Labor.

Lagerhaltung und Transport: Tongefäße aus lucayischer Produktion

Im Fokus dabei ein besonders wichtiges Handelsgut der Region, welches für die Elementanalytik zudem besonders gut geeignet ist: Keramikscherben einstiger Tongefäße, hergestellt insbesondere zum Zwecke der Lagerhaltung und des interinsularen Transportes. Die Inselwelt der Luyacos kannte zwar mit der sogenannten „Palmetto-Keramik“ eigene Stil- und Herstellungsvarianten. Diese lucayischen Tonbehältnisse wiesen jedoch stets eine geringere Haltbarkeit auf. Sie zerbröselten schlichtweg nach einer gewissen Zeit, da sie teils aus porösem saharischem Wüstensand bestanden, welcher sich beständig auf den lehmähnlichen Böden der Bahamas niederlässt.

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Handelsbeziehungen zwischen den Bahamas und Nord-Hispaniola

Für ihre Transport- und Lagerlogistik tauschten die Lucayos daher bevorzugt robustere Keramiken aus dem Süden ein. Besonders enge Handelsbeziehung bestanden zu diesem Zweck offenbar mit Produktionszentren an der Nordküste Hispaniolas. Die Experten des Florida-Museums nehmen an, dass die Besiedlung der Lucayen ursprünglich auch von dort erfolgte. In der Präkontaktzeit gehörten die Turks- und Caicos-Inseln noch unmittelbar zum Einflussgebiet der Kazikentümer Hispaniolas, während die nördlichen „Cacicazgos“, auf welche schließlich Kolumbus traf, weitgehend selbstständig waren. — Engere Handelskontakte dieser Häuptlingstümer mit dem geografisch günstiger gelegenen Kuba bestanden nicht in einem vergleichbaren Maße.

Karibikweite Vergleichsstudie: regionale Produktionsstätten identifiziert

In ihrer Vergleichsstudie verwendeten die Spezialisten des Staatsmuseums Probematerialien aus insgesamt 96 Keramikfragmenten. Die Tonscherben stammten aus archäologischen Grabungen insbesondere auf den Großen Antillen und den Lucayen. Für eine Multi-Elementbestimmung wurden diesen Proben per Laserbestrahlung abladiert, das heißt abgelöst, und sodann anhand ihrer geologischen Signaturen spezifischen Produktionsstätten zugeordnet. Die Wissenschaftler identifizierten dabei insgesamt neun regionale Hauptgruppen, die schließlich mit Keramikfunden auf den Bahamas und den Turks- und Caicos-Inseln in Verbindung gebracht werden konnten.

Die Bahamas als sklavistische Lieferzone

Nach Ankunft der Kastilier in der Inselregion und ihrer Festsetzung auf Hispaniola erodieren diese Handelsnetze jedoch rasch; Folge insbesondere von Sklavenrazzien, Epidemien und gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Conquistadoren und Indigenen. — Inwieweit zum Zeitpunkt des Erstkontaktes Inselkariben die Bahamas erreichten hatten und ritueller Kannibalismus dort verbreitet war, ist Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion.

Für die sklavistische Beuteökonomie der Hispanier stellen die Bahamas zeitweilig eine ihrer wichtigsten Lieferzonen dar. Anfang des 16. Jahrhunderts sind Teile der lucayischen Bevölkerung in das Perlenfischereizentrum der Spanier in Cubagua (Venezuela) verschleppt. Bereits um 1513 gilt das Gebiet der heutigen Bahamas als weitestgehend entvölkert.

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