Start Politik & Wirtschaft Regierung Rutte: 2023 Entschuldigungsgeste für Sklaverei

Regierung Rutte: 2023 Entschuldigungsgeste für Sklaverei

Detailbild nationales Sklavereidenkmal Amsterdam
Symbolbild mit Detail des sklavereigeschichtlichen Nationaldenkmals im Amsterdamer Oosterpark während des Ketikoti-Gedenkens 2020. Bild: © robertvanthoenderdaal/123RF.COM

Einem Pressebericht zufolge beabsichtigt die niederländische Regierung unter Premier Mark Rutte, nun doch formale Entschuldigung zu leisten für die Rolle des Landes in der Ära des europäischen Sklavenhandels. Wie der Nachrichtensender RTL Nieuws aus Regierungskreisen erfahren haben will, wird die offizielle Anerbietung von „Excuses“ am Vorabend des 1. Juli 2023 erfolgen, dem 150. Jahrestag der endgültigen Abschaffung der Sklaverei in Niederländisch-Westindien. Die geplante öffentliche Entschuldigung für die Verbrechen der Sklaverei gilt als wichtiger Schritt in den historisch belasteten Beziehungen zwischen dem Königreich, den von ihm abhängigen Inselgebieten in der Karibik und der souveränen Republik Suriname. Premier Rutte hatte sich im vergangenen Jahr noch reserviert hinsichtlich einer formalen Entschuldigung durch seine Regierung gezeigt. Nun scheint seine Koalition, der Empfehlung der sogenannten „Dialooggroep Slavernijverleden“ zu folgen. Das Expertengremium hatte die Regierung im Juli 2021 nachdrücklich zu einem offiziellen „Excuus“ aufgefordert; als einer auf die Zukunft gerichteten, symbolischen Geste gegenüber den Nachfahren der Versklavten.

Gedenkfonds und Transatlantisches Sklavereimuseum in Amsterdam

Laut dem Medienbericht plant das Rutte-Kabinett außerdem, einen nationalen Gedenk- und Bildungsfonds aufzulegen, ausgestattet mit 200 Millionen Euro. Ein Teil der Summe, rund 27 Millionen Euro, soll dabei in den geplanten Bau eines sklavereigeschichtlichen Museums in Amsterdam investiert werden, heißt es. Die Pläne für ein „Nationaal trans-Atlantisch Slavernijmuseum“ reichen zwar bereits in das Jahr 2017 zurück. Doch erst im Mai 2021 konnten wichtige konzeptionelle Entwicklungsschritte für das Projekt abgeschlossen werden. Der geplante Museumsbau soll sich dabei inhaltlich-geografisch vor allem auf die Geschichte des niederländischen Sklavenhandels im Atlantikraum fokussieren, wie es in einem im vergangenen Jahr publizierten Prüfbericht heißt; auf die ehemaligen Monopol- und Verwaltungsgebiete niederländischer Handelsgesellschaften und Behörden des 17. bis 19. Jahrhunderts folglich, unter Einschluss ihrer historischen Einflusszonen im Hudson-Gebiet, den Guianas, Brasilien, Westafrika und dem Atlantik-Indik-Scharnierpunkt der südafrikanischen „Kapkolonie“.

1863/1873: formelle Abolition, „Arbeitspflicht“ als fortgesetzte Versklavung

Als zentrale historische Eckdaten der niederländischen Sklavereigeschichte auf dem Atlantik gelten insbesondere die Gründung der halbstaatlichen „Westindien-Compagnie“ (WIC) als Kriegs- und Versklavungsinstrument in der Atlantikexpansion ab 1621 und schließlich der 1. Juli 1873; auf jenen Tag wurde das Versklavungsregime des Königreichs im Bereich seiner Antillenbesitzungen und seiner größten westindischen Plantagenkolonie Suriname endgültig beendet. Die nach einer formalen „Abolition“ zum 1. Juli 1863 faktisch fortbestehende Versklavung war von den Kolonialbehörden kurzerhand in eine übergangsweise, zehnjährige „Arbeitspflicht“ umdeklariert worden. Die Sklaverei endete für den allergrößten Teil Niederländisch-Westindiens also erst 1873. — Auf der kleinen Antilleninsel Sint Maarten indes hatten ehemals Versklavte bereits 1848 de facto ein Lohnarbeitssystem durchsetzen können, das jedoch bis 1873 nicht staatsrechtlich sanktioniert war.

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1. Juli: „Ketikoti“, der „Tag der zerbrochenen Ketten“

Das auch als „Ketikoti“ beziehungsweise als „Tag der zerbrochenen Ketten“ bezeichnete Memorial wird in den Niederlanden inzwischen öffentlich begangen; dies wesentlich als Folge zivilgesellschaftlichen Engagements, insbesondere aus der caribisch-surinamischen Diasporagemeinschaft in den Niederlanden. Seit 2009 finden zentrale Gedenkfeierlichkeiten am sklavereigeschichtlichen Nationalmonument der Niederlande alljährlich im Amsterdamer Oosterpark statt. Dessen ungeachtet wirken die segregationistischen und rassistischen Gewaltstrukturen der Post-Sklaverei-Ära bis in die Gegenwart fort. Sowohl in der Lebenswirklichkeit der afro-surinamischen und afro-antillianischen Diaspora in den Niederlanden als auch in seinen ehemaligen Kolonien. Auch vor diesem Hintergrund hatte die „Dialooggroep Slavernijverleden“ die Rutte-Administration 2021 aufgefordert, dem „Ketikoti“ den Rang eines nationalen Gedenktages zu geben und zukünftig unter Beiwohnung von König und Regierung abzuhalten.

Sklavereigedenken in den Niederlanden

Die nun also bevorstehende Entschuldigung durch das Kabinett Rutte könnte zum zentralen symbolpolitischen Momentum des Abolitionsgedenkjahres 2023 werden und die Diskussion um die niederländisch-atlantische Sklavereivergangenheit, das „Slavernijverleden“, um ein Weiteres voranbringen. Bereits während des Gedenkjahres 2021 hatten Institutionen und Museen im Königreich öffentlichkeitswirksam der Gründung der niederländischen Westindien-Compagnie vor 400 Jahren gedacht. In den vergangenen Jahren veröffentlichten zudem mehrere Unternehmen und Kommunen in den Niederlanden historische Studien über ihre unmittelbare Verstrickung in die atlantischen Versklavungsgeschäfte und baten gleicherweise öffentlich um Entschuldigung, darunter der Finanzkonzern ABN Amro und die Bürgermeisterin der Stadt Amsterdam, Femke Halsema; Letztere am „Ketikoti“ 2021.

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